Chronik | Wien
28.10.2018

Hitze und Trockenheit verwandeln Wiens Straßenbild

Linde, Kastanie und Spitzahorn werden kaum noch gesetzt. Der Grund: Diese Sorten vertragen das aktuelle Klima nicht mehr.

Gerhard Schulz und Rade Jovanovic heben ihre Schaufeln aus dem kleinen Traktoranhänger und beginnen zu buddeln. Ein bisschen tiefer muss das Loch für den Baum noch werden. 90 Zentimeter sind ideal, wenn es darunter versickerungsfähigen Untergrund gibt.

Die zwei Stadtgärtner befinden sich am Schubertring, auf Höhe der Fichtegasse, und sind dabei, einen Zürgelbaum (Celtis australis) einzusetzen. Einen von vielen. Denn Herbstzeit ist Baumpflanzzeit. Vor allem in Anbetracht der immer heißer werdenden Sommer ist es wichtig, dass die Bäume die Winterfeuchte nutzen können, um sich gut zu verankern. 3745 Bäume wurden vergangenes Jahr insgesamt in Wien gesetzt. Gerodet wurden im Gegensatz dazu 3676 Stück. Das entspricht der Norm. Generell werden stets ein wenig mehr gepflanzt als gerodet. Das liegt auch daran, dass Wien wächst.

Alt und krank

Gefällt werden Bäume auf den Straßen der Bundeshauptstadt zwar meist aus Überalterung oder weil sie eine Gefährdung darstellen. Bei Letzterem spielen Hitze und Dürre aber schon auch mit eine Rolle. „Bäume, die das Klima nicht aushalten, sind anfälliger für Krankheiten“, sagt Karl Hawliczek, Leiter des Dezernats 6 in der MA 42 (Stadtgärten), der verantwortlich für 17 Millionen Quadratmeter Grünfläche sowie 481.500 Straßenbäume in Wien ist.

Für Hawliczek und die Mitarbeiter der MA 42 ist es generell eine herausfordernde Zeit: Hitze, Trockenheit, Abgase, Verschmutzung bieten immer schwierigere Lebensbedinungen für Pflanzen. Für ein gutes Stadtklima sind sie aber unabdingbar. Die Stadtgärtner haben also schon vor einiger Zeit ihr Sortiment umgestellt und adaptieren es stetig weiter, nehmen immer mehr hitze- und trockenheitsresistentere Sorten wie den Zürgelbaum oder den Feldahorn auf.

Die von der Miniermotte befallene Kastanie wird beispielsweise kaum mehr nachgepflanzt – außer in einigen historischen Alleen, etwa der Prater Hauptallee. „Da können wir nicht anders“, sagt Hawliczek. Die mehr als 100 Jahre alten Kastanienbäume in der Babenberger Straße hingegen werden demnächst durch Zürgelbäume ersetzt.

Der Zürgelbaum wurde von Karl Hawliczek übrigens auch als neuer Ringstraßenbaum auserkoren. Er soll dafür sorgen, dass sich dort wieder ein einheitliches Bild ergibt. Derzeit reihen sich Ahorn- und Lindensorten sowie Platanen und die ersten Zürgelbäume aneinander.

Historische Götterbäume

Mit einer einheitlichen exotischen Baumsorte geht Hawliczek übrigens zurück zu den Anfängen der Prachtstraße. Als die Ringstraße 1857 eröffnet wurde, standen dort nur die in China und dem nördlichen Vietnam beheimateten Götterbäume. Aber sie hielten dem kalten Wetter im Winter nicht lange stand.

Diese Gefahr besteht beim Zürgelbaum nicht. Ganz im Gegenteil, er ist äußerst trockenheitsresistent. Während in diesen späten Oktobertagen ein Großteil der Ahornbäume am Ring bereits braune Blätter hat, strahlen die Blätter des ursprünglich australischen Sorte in sattem Grün. Aktuell gibt es 4750 Exemplare dieser Gattung in der Stadt.

Rosemarie Stangl, Leiterin des Instituts für Ingenieurbiologie und Landschaftsbau an der Universität für Bodenkultur in Wien, befürwortet die neuen Baumsorten der MA 42. Die Robustheit der Bäume sei aber nicht der einzige wichtige Faktor: „Mittelfristig müssen wir uns Gedanken über die Biodiversität machen. Es geht um die Frage, welche Bäume Nahrungsquellen und Lebensräume für Tiere sind. Die Vogelbeere würde sich hier anbieten. Auch Bäume mit starken Blüheffekten sind sinnvoll, weil diese Bienen und Insekten anziehen.“

Hier verweist Hawliczek auf die Säulenblumenesche, deren weiße Blüten wohlriechend sind und wertvolles Bienenfutter darstellen und sich unter den Top 10 der neuen Baumsorten befindet. Noch ein Punkt ist Stangl wichtig: „Meiner Meinung nach sind die essenziellen Leistungen der Bäume – dass sie Temperatur regulieren, dass sie Schatten spenden, dass ihre Baumgruben beim Regenwassermanagement helfen – eine Zeit lang in den Hintergrund gerückt. Jahrelang wurde der Baum vor allem als Störenfried und Konkurrent gesehen. Als etwas, das Schmutz verursacht und Platz wegnimmt. Hier gibt es zwar schon ein Umdenken, aber wir haben noch Aufholbedarf.“