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Chronik Wien
01/21/2019

Heumarkt-Hochhaus: „Kulturelle Niederlage“

Christian Kühn, Studiendekan für Architektur an der TU Wien, über Wien als Goldesel, das Wien Museum Neu und das Bauprojekt am Heumarkt.

von Werner Rosenberger

Mancherorten führen Profitgier und eine mutlose Stadtplanung zu mittelmäßigen bis schlechten Lösungen, beklagt der Architekturkritiker Christian Kühn in „Operation Goldesel. Texte über Architektur und Stadt“. Der Buchtitel bezieht sich auf Spekulanten, die Immobilien nicht primär für Menschen errichten, sondern mit dem Ziel möglichst hoher Renditen.

KURIER: Das Hochhausprojekt am Heumarkt war für viele Verrat und Sündenfall der Grünen, die dafür mit ihren Stimmen im Gemeinderat im Juni 2017 grünes Licht gegeben haben.

Christian Kühn: Mir ist bis heute ein Rätsel, wie man seine Basis derartig ignorieren kann. Aber ich glaube, dass die Geschichte noch nicht gelaufen ist. Natürlich können das die Leute vom UNESCO Weltkulturerbe als Präzedenzfall nicht akzeptieren.

Gibt’s einen Ausweg?

Bund und Stadt sind gefragt. Traut man sich zu, dafür noch eine andere Lösung zu finden? Kompromisse kann es dort keine geben. Man muss eine radikal neue Lösung finden für die Bebauung und Nutzung, bei der man alles wieder neu öffnet. Im Prinzip können sich das die Investoren dort leisten. Sie haben das sehr günstig gekauft.

Das Risiko ist?

Dass Eislaufverein und Intercontinental Hotel als Gebäude verfallen, und dass man darauf irgendwann reagieren muss. Oder man sperrt’s zu und hat eine Brache mitten in der Stadt. Das wird wohl die Drohung der WertInvest sein: Wenn nicht kommt, was wir wollen, sperren wir es, und die nächsten 20 Jahre tut sich dort nichts.

Am Hochhaus hängt, zum Hochhaus drängt doch alles.

Überall auf der Welt entsteht ein und derselbe Typus Hochhaus. Wo das gleiche Geldinteresse besteht, schauen erstaunlicherweise auch die Häuser gleich aus. Weil es überall um die maximale Profitsteigerung geht.

Was zu Masse ohne Maß führt.

Genau mit diesem Begriff hat Friedrich Achleitner schon in den 60er-Jahren das Hotel Intercontinental kritisiert. Und das stimmt bis heute. Dass man das jetzt wegreißen und auf dem selben Fehler der 60er-Jahre neu aufbauen will, noch fetter, größer, dicker, ist eine solche kulturelle Niederlage, dass ich mich geniere. Man hätte die Chance, dort wirklich etwas Gutes zu machen.

Profitgier gab’s auch in der Gründerzeit. Wo ist der Unterschied – einst und heute?

Es gab in den Gründerzeitjahren klare Spielregeln, die die Spekulation geschickt kanalisiert haben. Was die Ringstraße betrifft, war das planbar und nicht Spekulation. Da wusste man, woran man ist. Spekulation gab’s wahrscheinlich eher in den Außenbezirken bei den Zinshäusern. Der Investor sucht eine Gelegenheit, sein Geld zu vermehren und möchte dafür klare Spielregeln haben. Ein Spekulant ist froh, wenn es keine klaren Spielregeln gibt, weil er dann seine eigenen Spiele machen kann.

Und die bedeuten?

Ganz primitiv gesagt: Einen Grund billig kaufen, die Bebauungsbestimmungen so verändern, dass man viel Nutzfläche erzielen kann, und aus der Spanne gewinnen. Da gibt es schon Leute, die sich an der Grenze der Legalität bewegen.

Und die Stadtpolitik reagiert darauf eher schwach.

Die Stadtpolitik war sicher überfordert mit dem plötzlichen Wachstum der Stadt. Darauf war man nicht trainiert. Auch dass man keine Fehler mehr machen darf. Solange eine Stadt nur langsam oder nicht wächst oder gar schrumpft, kann man Fehler machen, die keine großen Auswirkungen haben. Aber wenn Druck da ist, ist jeder Fehler unverzeihlich.

Und vieles hat eine lange Geschichte.

Wien Mitte geht auf Planungen der 80er-Jahre zurück, auch auf den Wunsch, den ÖBB als Staatsbetrieb einen möglichst satten Gewinn zu ermöglichen. Und das auf Kosten von stadtplanerischen Qualitätskriterien.

Jetzt sperrt auch das Wien Museum zu, obwohl noch gar kein Umbaubeginn abzusehen ist.

Dieses sehr mittelmäßige Gebäude der 50er-Jahre von Oswald Haerdtl hat sicher keinen Denkmalschutz verdient in Relation zu dem, was man sich dadurch für die Zukunft verbaut. Wenn das so errichtet wird wie geplant, ist für die nächsten 80 Jahre ein mittelmäßiger Zustand festgeschrieben.

Durch den Abriss der Brücken und des Winterthur-Versicherungsgebäudes ...

... wird es nicht viel besser werden. Man kombiniert hier Mittelmäßiges mit neuen Konstruktionen. Und absehbar ist, dass es mittelmäßig bleibt. Dazu kommt, dass sich das Museum in dem totalen Korsett nicht entwickeln kann. Dass die Raumhöhen zu gering sind für die neuen Ausstellungsflächen: 1,5 Meter niedriger als ursprünglich ausgeschrieben.

Vom Denkmalamt hieß es ...

Nicht aufstocken! Dann hat man es sich schöngeredet. Das sei keine Aufstockung, weil durch die Konstruktion im Hof die Betonbox über allem schwebt. Und stilistisch ist es der Brutalismus von vor 40 Jahren. Man müsste auch die Standortfrage noch einmal überdenken. Das Museum könnte noch ohne Weiteres fünf Jahre dort bleiben und parallel woanders etwas errichtet werden, wo es genug Luft und Animo hat, um als das Museum der Stadt Wien zu fungieren.

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