Chronik | Wien 12.12.2011

„Haben offene Drogenszene im Griff“

Wiens Drogenkoordinator Michael Dressel sagt, Konsumräume für Suchtkranke seien sinnvoll – „aber nicht in Wien“.

Ein Gespräch über die unterschätzte Droge Cannabis und eine mögliche Entkriminalisierung von jugendlichen Konsumenten.

KURIER: In Wien-Mitte und Am Rennweg häufen sich Beschwerden wegen des offenen Dealens mit Drogen.

Michael Dressel: Wir haben die offene Szene im Griff. Die Lage hat sich wieder entspannt. Es waren auch nie mehr als 20 Suchtkranke vor Ort. Und wir haben sofort mit Sozialarbeit reagiert. Die Handelsszene, also jene, wo offen in S- und U-Bahn Drogen verkauft und konsumiert werden, ist heute überschaubar. Klar ist auch: Wir leben in einer Millionenstadt. Zu glauben, dass man die Szene ganz wegbekommt, wäre illusorisch.

Wo befindet sich die offene Szene heute? Wie groß ist sie?

Sie zählt zirka 300 Suchtkranke. Neuralgische Punkte sind Stationen wie Handelskai, Dresdner oder vor einiger Zeit Josefstädter Straße. Unser Job ist es, rasch auf neue Trends zu reagieren, und das machen wir auch.

 

Dressel ist gegen Konsumräume
© Bild: Ulrike Wieser

10.000 Wiener sind drogenabhängig. Rund 7500 sind in Therapie. Wie erreicht man die restlichen 2500?

Wir haben das Angebot im niederschwelligen Bereich verdoppelt. Und wenn eine Person Kontakt mit der Polizei hat, werden auch wir auf sie aufmerksam. Dadurch erreichen wir fast alle Suchtkranken im Lauf der Zeit.

Die Grünen möchten über Konsumräume diskutieren. Ihre Meinung?

Konsumräume sind sinnvoll, aber nicht in Wien. Ein Drogenproblem, wie es andere Städte wie Zürich kennen, liegt bei uns nicht vor.

Was spricht dagegen, wenn Süchtige Drogen in einem hygienisch sauberen Umfeld konsumieren können?

Wenig, außer einem Bundesgesetz. In diesen Räumen werden illegale Substanzen konsumiert. Das zwingt die Polizei, dagegen vorzugehen. Würde ein Konsumraum eingerichtet, würde auch Handel im Umfeld entstehen, der zu Recht verboten ist. Und jemand, der in Floridsdorf Drogen aufstellt, fährt nicht quer durch Wien, um sie zu konsumieren.

Man bräuchte also gleich mehrere Konsumräume?

Ja, aber dafür ist die Szene wiederum zu klein.

Die Grünen wollen auch eine Entkriminalisierung von Cannabiskonsumenten.

So harmlos, wie viele glauben, ist der Marihuana-Konsum nicht. Immer häufiger stoßen wir auf hochgezüchtete Sorten, die sehr schädlich sein können. Dennoch bin ich der Meinung, dass Jugendliche, die beim Kiffen erwischt werden, aufgeklärt, nicht aber kriminalisiert werden sollten. Ein neuer Weg wurde nun mit dem Gesetz gegangen, das sich mit psychoaktiven Substanzen wie der Modedroge Spice beschäftigt. Bestraft wird da nur noch, wer auch selbst mit der Substanz handelt.

Sollte das auch bei Cannabis so gehandhabt werden?

Das wäre möglich. Doch so weit sind wir wohl noch nicht. Das ist einfach ein sehr ideologisches Thema.

( Kurier ) Erstellt am 12.12.2011