Chronik | Wien
24.10.2017

Gefängnis-Seelsorger: "Haben nichts im Geheimen getan"

Nach dem Fund eines Salafisten-Buches in einer nö. Haftanstalt, nimmt der Leiter der islamischen Gefängnis-Seelsorge, Ramazan Demir, zu den Vorwürfen Stellung.

Nach dem Fund eines Salafisten-Buches in der Justizanstalt Korneuburg, entzog Justizminister Wolfgang Brandstetter (ÖVP) der Islamischen Glaubensgemeinschaft (IGGÖ) die Verantwortung für Österreichs Gefängnis-Bibliotheken. Der Grund: ein muslimischer Seelsorger hatte das in kyrillischer Schrift verfasste Werk des Salafisten Abu A-la Maududi für eine tschetschenische Koran-Übersetzung gehalten und es für unbedenklich erklärt. In der Kritik steht nun sein Vorgesetzer, Ramazan Demir. Der KURIER sprach mit dem Leiter der islamischen Gefängnisseelsorge.

KURIER: Herr Demir, Sie haben das Misstrauen des Justizministers noch bestärkt, als Sie nach dem Fund des Buches die Korneuburger Gefängnisbibliothek durchforsteten und weitere Bücher beiseite legten. Warum haben Sie das getan?
Ramazan Demir: Das Misstrauen war von Anfang an ungerechtfertigt. Weil es mir als Leiter natürlich wichtig war, sofort zu kontrollieren, ob besagter Seelsorger noch weitere Fehler gemacht hat. Deshalb hab’ ich noch bevor über den Fall berichtet wurde die Anstaltsleitung angerufen und gemeinsam einen Kontrolltermin vereinbart. Und bevor ich hingefahren bin, habe ich das Ministerium informiert, dass wir nun alle Gefängnis-Bibliotheken kontrollieren sollten. Wir haben ja nichts im Geheimen getan.

Das vermittelt aber den Eindruck, als ob dort noch mehr bedenkliche Literatur aufliegen könnte.
Wo Menschen arbeiten, passieren leider Fehler. Deshalb wollte ich ja sichergehen, dass dem nicht so ist.

Und haben Sie weitere problematische Bücher gefunden?
Keine radikalen, nein. Aber ich habe Bücher aussortiert, die veraltet oder für die Insassen unverständlich sind. Außerdem ließen wir einige Koran-Übersetzungen beiseite legen, die nicht von Mohammad Asad stammen (nur diese Version ist seit Kurzem von der IGGÖ vorgesehen; Anm.).

Was ist mit diesen Büchern geschehen?
Gar nichts, die sind immer noch in der Justizanstalt. Wir haben sie ja in Absprache mit der Anstaltsleitung und im Beisein des Bibliothekars aussortiert.

Dass nun ein salafistisches Buch gefunden wurde, ist ja auch insofern brisant, weil die Initiative zur Entfernung bedenklicher Literatur aus Gefängnis-Bibliotheken 2015 von der IGGÖ selbst ausging. Was wurde seither konkret getan?
Erstens haben wir in Eigeninitiative bereits Hunderte Bücher entsorgt. Da waren durchaus radikale Sachen dabei, die Insassen von Besuchern bekommen hatten. Die Bücher, die wir behielten, bekamen einen Stempel. Und zweitens hat die IGGÖ in Absprache mit der Uni Wien eine Bücherliste mit 20 geeigneten Titeln erstellt. Die Finanzierung der insgesamt 695 Bücher für alle 27 Justizanstalten wurde uns vom Justizministerium zugesagt. Das wurde bereits vor Monaten geplant und hätte demnächst über die Bühne gehen sollen.

Aber wieso haben Bücher, die sie nun als veraltet aussortiert haben, überhaupt die Zustimmung der IGGÖ erhalten?
Weil sie nicht radikal waren und weil wir den Bestand ohnehin aktualisieren wollten. Außerdem war damals die Verwendung einer einheitlichen Koran-Übersetzung noch nicht beschlossen.

Gehen wir zum Ausgangspunkt zurück: Wie kann es überhaupt sein, dass ein Seelsorger einem Buch, das er selbst nicht versteht, seine Zustimmung gibt?
Unsere Mitarbeiter sollten natürlich nur freigeben, was sie selbst kennen. Ich bin selbst empört, dass so ein drastischer Fehler passieren konnte. Das Buch hätte niemals abgestempelt werden dürfen. Aber genau deshalb brauchen wir ja unbedingt eine einheitliche Bücherliste.

Wird das Konsequenzen für den Seelsorger haben?
Der betreffende Kollege ist wegen seines Fehlers zutiefst bestürzt und hat seinen Rücktritt angeboten. Ich will ihn aber nicht aufgrund eines einzigen Fehlers bestrafen, nachdem er 15 Jahre lang gute Arbeit geleistet hat. Zumal er keine Literatur mehr kontrollieren würde, sobald es die Einheitsliste gibt.

Und Sie? Werden Sie Konsequenzen ziehen?
Ich sehe keinen Grund dafür. Tritt ein Anstaltsleiter zurück, wenn einer seiner Justizmitarbeiter einen Fehler macht? Das tut wirklich weh, dass man nun so auf uns eindrischt, nachdem wir jahrelang gute Arbeit geleistet haben. Vom Minister zu hören, die IGGÖ habe „völlig versagt“ und er habe „das Vertrauen verloren“, war schon ein Schlag ins Gesicht. Gerade von einem Justizminister würde ich mir erwarten, dass er mit uns persönlich redet, anstatt über die Medien zu pauschalisieren.

Hat man denn nicht mit Ihnen geredet?
Nein, obwohl ich der Leiter der Gefängnisseelsorge bin, wurde mit mir noch kein Kontakt aufgenommen.

Das Justizministerium hat der IGGÖ jedenfalls die Zuständigkeit für die Gefängnis-Bibliotheken entzogen und sie dem Verein Derad übertragen. Haben Sie überhaupt noch Zugang?
Nein, wir dürfen nicht mehr rein. Aber wir haben einen Termin beim Minister, wo wir Tacheles reden müssen. Denn die islamische Lehre untersteht der IGGÖ.

Wird es trotz der Intervention des Ministeriums weiterhin eine islamische Gefängnisseelsorge geben?
Selbstverständlich. Dass wir nicht mehr in die Bibliotheken dürfen ist zwar traurig, aber wir haben natürlich Zugang zu den Häftlingen. Die Zusammenarbeit mit den Justizanstalten funktioniert ja gut. Dafür sind wir dankbar.

Werdet Ihr mit Derad kooperieren?
Zuerst werden wir einmal mit dem Ministerium reden. Eine Kooperation mit Derad punkto Häftlingsbetreuung ist schwierig, weil wir als Seelsorger der Schweigepflicht unterliegen. Ich kann ja nicht erst ein Vertrauensverhältnis mit einem Häftling aufbauen und ihn dann einfach an jemand anderen weitergeben. Aber in Bezug auf die Bibliotheken können wir gern mit Derad kooperieren.

In der muslimischen Community meinen viele, eine schwarz-blaue Regierung wolle die IGGÖ schwächen, indem man ihr sukzessive Zuständigkeiten entzieht. Interpretieren Sie Brandstetters Vorgehen so?
(Lacht.) Darauf möchte ich nicht antworten.