Chronik | Wien
31.01.2018

Gafferei wird "immer schlimmer"

Schaulustige sollen sensibilisiert werden, Feuerwehr setzt bereits auf Sichtschutz.

Der tödliche Unfall am Montag in Wien-Rudolfsheim, bei der eine 19-Jährige von einem Lkw erfasst wurde und starb, bringt die Diskussionen um die sogenannten Gaffer wieder ins Rollen: Dutzende Schaulustige haben bei dem Polizei- und Rettungseinsatz ihre Smartphones gezückt, ohne jede Rücksichtnahme Videos und Fotos gemacht. Die Beamten mussten mehrere Zeugen ermahnen und wegweisen. Die Unfallstelle wurde dann großräumig abgesperrt. Der Unfallhergang wird noch ermittelt.

Klar ist: Die 19-Jährige wollte einen Zebrastreifen überqueren, als es zu dem tragischen Unfall kam. Laut Zeugenaussagen hatten die junge Frau sowie der Lkw-Fahrer Grün. Die Schuldfrage soll bald die Staatsanwaltschaft klären.

Kein Einzelfall

Das Phänomen Gaffer tritt immer mehr in den Vordergrund und stellt die Rettungskräfte vor eine große Hürde, wie der Notfallsanitäter Mathias Gatterbauer erzählt: "Es gehört schon fast zum routinemäßigem Betrieb, dass man von Leuten behindert wird, die Fotos machen. Dass solche Aktionen die Sanitäter ablenken, steht außer Frage. Im Endeffekt geht das auf Kosten des Patienten."

Der bisher schlimmste Fall spielte sich im vergangenen Sommer in Wien-Simmering ab. Eine Straßenbahn-Garnitur erfasste eine schwangere 33-Jährige, sie erlag ihren schweren Verletzungen. Eine Vielzahl an Schaulustigen soll mit ihren Smartphones auf bis zu 30 Zentimeter an die Einsatzkräfte herangetreten sein. Gatterbauer war damals im Einsatz und schätzt sieben Monate später die Vorkommnisse mit den Gaffern so ein: "Ich würde schon sagen, dass es schlimmer geworden ist. Jeder Mensch ist neugierig, aber man muss ein Bewusstsein schaffen, dass es eine Grenze gibt." Laut Gatterbauer mache man sich bereits vor dem Eintreffen am Unfallort Gedanken über mögliche Schaulustige.

Die Berufsrettung Wien warnt schon seit längerem auf Facebook unter dem Hashtag #habAnstandhaltAbstand vor den Gefahren, die damit einhergehen. "Auf Facebook sprechen wir genau diese Zielgruppe an", sagt Sprecher Andreas Huber. Auch die Wiener Polizei setzt auf den Social Media-Kanal und hatte bereits nach dem angesprochenen Vorfall im vergangenen Sommer die Schaulustigen aufs Schärfste kritisiert.

Sichtschutz als Abhilfe

Als Augenzeugen nach einem tödlichen Fenstersturz in Wiener Neustadt (NÖ) vor etwa einem Jahr das Opfer aus nächster Nähe filmten und fotografierten, war die örtliche Feuerwehr mit ihrer Geduld am Ende. Für 800 Euro wurde ein mobiler Sichtschutz angeschafft, der seither häufig zur Abschirmung zum Einsatz kommt. Die Erfahrungen, die die Einsatzkräfte damit gemacht haben, sind sehr gut. "Die Autolenker fahren vorsichtiger und bleiben nicht mehr zum Fotografieren stehen", sagt Feuerwehr-Sprecher Richard Berger. Davor sei es sogar vorgekommen, dass Schaulustige Bilder von Menschenrettungen auf sozialen Medienportalen veröffentlichen, während die Rettungsaktion noch in vollem Gange war. "Man muss die Sache aus Sicht der Opfer sehen. So etwas ist keinem Angehörigen zumutbar", sagt Feuerwehr-Kommandat, Josef Bugnar.

In Wien sei der Sichtschutz laut Berufsfeuerwehr kein Thema – noch nicht: "Wir beobachten das intensiv. Ausschließen werden wir das mit jetzigem Stand nicht", sagt Sprecher Gerald Schimpf.