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Chronik Wien
04/30/2021

Nach Mord im Gemeindebau: "Er hat mich immer blöd angeredet"

In dem Gemeindebau sitzt der Schock tief. Das Opfer war bei allen sehr beliebt.

von Markus Strohmayer

Es war kurz vor 20 Uhr, als Zoran J. am Donnerstag nachhause kam und auf das Grölen eines Betrunkenen aufmerksam wurde, der gerade mit einer Waffe hantierte. Dieser saß oben ohne auf einer Spielplatzbank im Winarskyhof in der Wiener Brigittenau. Rundherum waren zu dem Zeitpunkt noch einige Kinder, dann ging es schnell: Ein junger Mann stürzte auf den Betrunkenen zu und schlug ihm die Schusswaffe aus der Hand. Im nächsten Moment stürmten auch schon WEGA-Beamte in den Hof. 

Wie sich herausstellte, wollte der junge Mann helfen. Denn Minuten zuvor fielen auf Stiege 17 des weitläufigen Gemeindebaus in der Stromstraße tödliche Schüsse. Das Opfer, eine 35-jährige Mutter von zwei Kindern, starb noch am selben Abend im Spital. Bei dem Schützen dürfte es sich um ihren Ex-Freund und jenen Mann handeln, der alkoholisiert im Innenhof saß.

Der 42-jähriger Wiener, ein Bierwirt, der in den letzten Monaten zweifelhafte Bekanntheit  erlangte, weil er der Grünen Klubchefin Sigi Maurer angeblich obszöne Nachrichten schickte, verlor aufgrund einer Alkoholvergiftung noch bei der Festnahme das Bewusstsein. Laut Polizei hatte er eine Wodkaflasche in der Hand und wie sich später herausstelle, drei Promille Alkohol und „andere Substanzen“ im Blut. Dem KURIER liegt ein Video vor, in dem Verdächtige kurz vor der Festnahme von der Bank kippt.

Umzug vor einem Jahr

Im Winarskyhof herrschte am Tag nach der Bluttat tiefe Betroffenheit. Die Schüsse hörte so gut wie jeder und das Opfer kannte man gut, obwohl die Frau mit ihrem knapp zweijährigen Sohn und der 13-jährigen Tochter erst vor ungefähr einem Jahr hergezogen war. „Sie war so eine freundliche Frau, hat draußen mit den Kindern gespielt. Hat immer ihre Hilfe angeboten“, erzählt etwa Dzemail S., der im zweiten Stock wohnt und somit alles mitbekommen hat. 

Noch besser kannte sie Nachbarin Sandra M., die regelmäßig mit ihr im Hof plauderte: „Ihr kleiner Sohn hat immer mit meinem Hund gespielt. Sie wirkte eigentlich glücklich. Aber sie hat mir erzählt, dass sie sich von ihrem Freund getrennt hat.“

Ob Alkohol dabei eine Rolle spielte, ist nicht bekannt. Im Gemeindebau wollen allerdings einige gewusst haben, dass der mutmaßliche Täter ein Alkoholproblem hat. An ihm scheiden sich auch die Geister. So beschreiben ihn manche als hilfsbereit, andere haben eher schlechte Erfahrungen mit ihm gemacht: „Die ganze Familie war immer sehr herzlich, er hat mich aber immer blöd angeredet“, erzählt Postler Muhsin S.

Mehrere Nachbarn berichten jedenfalls, dass sich der angebliche Schütze immer wieder um die Kinder der Frau kümmerte. Seine Schwester war laut KURIER-Informationen außerdem die beste Freundin der Getöteten und wohnt im selben Gemeindebau. Auch sie wird von allen Seiten als äußert höflich beschrieben.

Insgesamt scheint es, als könnten die Nachbarn noch gar nicht so richtig begreifen, was sich Stunden zuvor in dem grünen Innenhof abspielte. Die vereinzelten Kinder, die wieder am Spielplatz spielen, erzählen, dass sie mit der 13-jährigen Tochter des Opfers befreundet seien und sich nun Sorgen um ihre Freundin machen würden.

Andere Bewohner zeigen sich besorgt: "Ich habe Schüsse gehört und aus dem Fenster geschaut. Dann habe ich die Polizisten gesehen und wenig später, wie die verletzte junge Frau von der Rettung weggebracht wurde. Am Abend traue ich mich jetzt nicht mehr raus", erzählt Josefine G.

Wie es zu der schrecklichen Tat kommen konnte, kann sich hier niemand so genau erklären. Seitens der Polizei wartet man nun auf die Einvernahme des Verdächtigen. Erst dann wolle man sich zu einem möglichen Motiv äußern.

 

Gewalt von Männern gegen Frauen gibt es in allen sozialen Schichten, Nationen, Familienverhältnissen und Berufsgruppen. Morde an Frauen werden auch als Femizide bezeichnet. Der Begriff soll ausdrücken, dass hinter diesen Morden oft keine individuellen, sondern auch gesamtgesellschaftliche Probleme wie etwa die Abwertung von Frauen und patriarchale Rollenbilder stehen.

Hilfe für Gewalt-Betroffene gibt es hier:

Frauenhelpline (Mo – So, 0 – 24 Uhr, kostenlos), 0800 / 222 555 Männernotruf: (Mo – So, 0 – 24 Uhr, kostenlos), 0800 / 246 247.

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