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Chronik | Wien
05/24/2019

Frauen verhungert: Jetzt prüft Jugendamt intern

Am Dienstag wurden die Leichen von drei Frauen gefunden. Das Jugendamt überprüft, ob alle "Standards" eingehalten wurden

War die Mutter, die am Dienstag mit ihren Zwillingstöchtern tot in ihrer Wohnung in Wien-Floridsdorf gefunden wurde, psychisch krank? Davon wird in den ersten Ermittlungen ausgegangen. Es steht mittlerweile auch fest, dass die drei Frauen offenbar verhungert sind. Zudem schätzt die Polizei den Zeitpunkt des Todes zwischen Mitte März und Anfang April.

Die Wahrnehmung eines Luxemburger Verwandten ist eine andere. Der Cousin der gestorbenen Mutter meldet sich Donnerstagabend beim KURIER: „Vesna war nicht psychisch krank“, sagt er. „Aber sie war geistig auf dem Niveau einer 18-Jährigen.“

Mädchen lebten "zurückgezogen und ängstlich"

Seit Bekanntwerden des Falles war von einer "Entwicklungsverzögerung" der beiden Töchter die Rede. Die Mutter soll psychisch krank gewesen sein. Hätte das Jugendamt, das die Familie bis März 2017 betreut hat, also wegen Gefährdung des Kindeswohl einschreiten müssen? Laut Andrea Friemel, Sprecherin des Jugendamts (MA11) dokumentierte die "Kollegin, die damals im Einsatz" war, den Zustand der Mädchen als "zurückgezogen und etwas ängstlich".

Das Jugendamt (MA11) leitet nun ein internes Prüfverfahren ein, wie der KURIER recherchierte. "Die Abteilungsleitung hat eine Prüfung hinsichtlich der Einhaltung unserer Standards eingeleitet", sagt Friemel. Überprüft wird, ob "alle Informationen über die Familie richtig eingeholt und bewertet wurden."

Die interne Prüfung soll nächste Woche abgeschlossen werden.

Auch Volksanwalt prüft

Auch Volksanwalt Günther Kräuter hat von Amts wegen ein Prüfverfahren eingeleitet. „Aufklärungsbedürftig erscheint, warum die Behörde im Jahr 2017 keine Gefahr für das Kindeswohl annahm und der Familie offenbar auch keine weiterführenden Betreuungsangebote machte“, sagte Volksanwalt Günther Kräuter.

Dass die Betreuung durch das Jugendamt wie berichtet im März 2017 endete, hält der Volksanwalt zumindest für hinterfragenswürdig. "Wenn von Entwicklungsverzögerungen bei Kindern die Rede ist, dann kann man nicht, wenn diese 18 Jahre alt werden, sagen: Das war's." Die Tragädie könne man ohnehin nicht mehr rückgängig machen, daher gelte es jetzt, daraus zu lernen.

Bis 17. Juni hat die Stadt Wien für ihre Stellungnahme an die Volksanwaltschaft Zeit. Damit kann Kräuter den Fall noch innerhalb seiner Amtszeit bearbeiten.

Der letzte Kontakt

Der Cousin der verstorbenen Frau bezweifelt jedenfalls das Datum des Todes, von dem die Polizei ausgeht: „Ich weiß, dass ihr Vater, mein Onkel, in Serbien am 15. April noch mit ihr telefoniert hat.“ Ihre Familie, erzählt er, lebe in Serbien. Vesna sei vor vielen Jahren mit ihrem damaligen Mann und den Töchtern nach Wien gezogen.

Nachdem ihr Vater nach dem 15. April nichts mehr von ihr hörte, habe er zunächst versucht, sie telefonisch zu erreichen. Ohne Reaktion. Danach schickte er einen eingeschriebenen Brief.  Doch dieser kam ungeöffnet retour und so alarmierte er Bekannte in Wien. Als er erfuhr, was passiert war, habe er so laut geschrien, „dass es das ganze Dorf in Serbien gehört hat“.

Die Familie sei im Ausnahmezustand. Sie könne nicht fassen, was passiert ist. Ihr Cousin sagt: „Es kann nicht sein, dass im 21. Jahrhundert drei Menschen in Wien einfach so verhungern!“

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Hilfe bei Suizid-Gedanken oder Depressionen gibt es in Österreich bei der Telefonseelsorge. Sie ist  kostenlos und rund um die Uhr unter der Rufnummer 142 erreichbar und vermittelt an Ärzte.