Chronik | Wien
28.06.2018

Flüchtlinge als Lehrer: Projekt könnte Eintagsfliege bleiben

Am Freitag erhalten 23 Flüchtlinge Zertifikate, die sie zum Unterricht in Wien berechtigen. Vielleicht zum letzten Mal.

Mit dem Projekt CORE ließ die Stadt Wien heuer im Februar aufhorchen. Nach Prüfung ihrer fachlichen Eignung wurden geflüchteten Lehrern in einem einjährigen Zertifikatslehrgang die pädagogischen Grundlagen für den Unterricht in Österreich vermittelt – quasi im Eiltempo. Ab dem kommenden Wintersemester sollen sie in ihren angestammten Fächern an Neuen Mittelschulen (NMS) und Gymnasien zum Einsatz kommen. Heute, Freitag, bekommen die ersten 23 Absolventen ihre Zertifikate.

Damit schlägt Wien zwei Fliegen mit einer Klappe. Zum einen wird die Integration geflüchteter Menschen beschleunigt, indem man ihnen eine berufliche Perspektive gibt. Und zum anderen besteht Bedarf an neuen Lehrern. Die Initiative ist europaweit die erste dieser Art.

Wie sich nun herauskristallisiert, ist die Zukunft des Projekts aber gefährdet. Bildungswissenschafter der Uni Wien haben im Vorjahr zwar den Kurs gestartet, um geflüchteten Lehrern Einstiegsmöglichkeiten in Wiener Schulen zu ermöglichen. Nachdem aber keine Weiterfinanzierung in Sicht ist, läuft das Projekt Gefahr zur Eintagsfliege zu werden.

Bis dato hat sich noch kein Förderer der ursprünglich vom Außenministerium getragenen Initiative gefunden, der die rund 70.000 Euro für die nächste Runde des Zertifikatskurses übernimmt. Dieser hätte eigentlich im Herbst starten sollen. Dabei dürfte sich um „eine Sache des politischen Willens“ handeln, mutmaßt Gottfried Biewer vom Institut für Bildungswissenschaft.

Bedarf wäre da

Es gebe jedenfalls vor allem in Wien Bedarf an Lehrern mit Fluchthintergrund und guten Kenntnissen in Arabisch und Deutsch. Neben der Tatsache, dass der Großteil der Kursteilnehmer in MINT-Fächern (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik) ausgebildet sei, könnten sie als Mediatoren zwischen Schulen und Flüchtlingsfamilien fungieren. Abseits des Kurses haben in ihren Herkunftsländern ausgebildete Lehrer aktuell keine Möglichkeit, im österreichischen Schulsystem Fuß zu fassen.

Seitens der Uni wartet man noch ab, wie die Absolventen am Arbeitsmarkt angenommen werden, um dann gegebenenfalls einen neuen Finanzierungsversuch zu starten. Für eine Neuauflage des europaweit einzigartigen Kurses mangle es nicht an qualifizierten Interessenten.