Chronik | Wien
13.12.2015

Fahrplanwechsel: Hauptbahnhof nimmt Fahrt auf

Heute, Sonntag, tritt der neue Fahrplan der ÖBB in Kraft. Er macht den Hauptbahnhof zur zentralen Drehscheibe Österreichs. Gleichzeitig verliert der Westbahnhof an Bedeutung. Während Händler am neuen Knotenpunkt auf mehr Geschäft hoffen, sind die Pendler im Westen verärgert.

Besucht man den Bahnhof an einem stinknormalen Vormittag, man kann kaum glauben, dass er ab Sonntag zum wichtigsten Bahnhof Österreichs wird. In den kahlen Gängen trotten relativ wenige Menschen, am einzigen Punschstand vor dem Eingang steht kein Gast. Im als Adventmarkt verkleideten Teil im Souterrain drehen ein paar Plastikponys einsame Runden am Karussell. Noch deutet wenig daraufhin, dass ab Montag hier knapp 1000 Züge täglich halten sollen. Es gibt kaum Wegweiser, Touristen fragen nach dem Weg. Einzig an mobilen Infostationen verteilen ÖBB-Mitarbeiter neue Fahrpläne.

Ab Sonntag werden es aber wohl weit mehr Menschen. Denn fast alle regionalen, nationalen und internationalen Züge fahren ab sofort zum Hauptbahnhof. Die wichtigsten Änderungen im Überblick:

Alle Fernverkehrszüge fahren ab sofort zum Hauptbahnhof – somit ist fast jedes Fernverkehrs-Reiseziel der ÖBB mit maximal einmal Umsteigen erreichbar. Bei einer Fahrt von Graz nach St. Pölten – mit einem Umstieg in Meidling – spart man 24 Minuten. Auch von St. Pölten nach Wiener Neustadt sind Bahnfahrer eine halbe Stunde schneller. Wer von Salzburg nach Wien fährt, braucht zum Hauptbahnhof genauso lange, wie zuvor zum Westbahnhof. Das Stadtzentrum ist aber nur drei U-Bahn-Stationen entfernt.

Auch der Flughafen Wien ist nun besser erreichbar: Mit Bregenz, Innsbruck, Salzburg, Linz und St. Pölten sind nun fünf Landeshauptstädte direkt an den Flughafen angebunden. Wer etwa von Salzburg nach Wien-Schwechat möchte, muss nicht umsteigen und kommt 25 Minuten früher an als bisher.

Auch der Nah- und Regionalverkehr soll den Kunden praktischere Anbindungen bieten: Die S 40 etwa fährt vom Franz-Josefs-Bahnhof über Tulln bis St. Pölten und schließt so den Bahnhof Tullnerfeld besser ans Verkehrsnetz an. Die S 60, die bisher zwischen Hütteldorf und Bruck an der Leitha verkehrte, fährt nun von Wiener Neustadt nach Bruck. Dafür fährt die S 80 nicht mehr nach Wiener Neustadt, sondern verbindet nun Hirschstetten mit Hütteldorf und Unter Purkersdorf.

Eine zentrale Neuerung ist zudem, dass Fernverkehrszüge der Weststrecke ebenfalls zum Hauptbahnhof fahren. Dadurch verliert der Westbahnhof an Bedeutung. Von dort fahren künftig alle halben Stunden Regionalzüge über Neulengbach nach St. Pölten. Die Westbahn bleibt aber am Westbahnhof.

Abschied vom Westbahnhof

Die Begeisterung vieler Pendler am Westbahnhof ist endenwollend. Die Studentinnen Vanessa und Katharina etwa sind "extrem angefressen": Beide fahren fünf Mal pro Woche von Wien nach St. Pölten, da sie dort an einer FH studieren. Die Regionalzüge seien langsamer, die private Westbahn wiederum teurer. Die Fahrt zur Uni werde zwanzig Minuten länger dauern, schätzt Katharina: "Ich komme am Montag sicher zu spät zur Vorlesung."

Auch Michaela, die als Verkäuferin am Westbahnhof arbeitet und täglich aus Pöchlarn anreist, ärgert sich: "Bisher musste ich zirka eine Stunde Fahrzeit einplanen." In Zukunft werde die Anreise bis zu 40 Minuten länger dauern. Leopold Roitner wiederum pendelt täglich von Böheimkirchen nach Wien. Er brauche nun acht bis neun Minuten länger pro Richtung. Die Information von den ÖBB bezeichnet er als "eher dürftig".

Die Geschäftsleute am Westbahnhof hoffen, dass in Zukunft nicht allzu viele Kunden ausbleiben: "Die Mieten hier sind sehr hoch", erklärt die Trafikantin Nancy Friedenthal. "Sollten mit der Zeit mehr Geschäfte leer stehen, werden die ÖBB hoffentlich reagieren und die Frequenz wieder erhöhen", hofft sie. Mario, Mitarbeiter in einem Blumengeschäft in der zentralen Bahnhofshalle, zuckt mit den Schultern: "Es werden sicher Kunden fehlen – aber wie viele?" Das werde man erst sehen.

Hoffnung am Hauptbahnhof

Die Händler am Hauptbahnhof schöpfen dagegen Hoffnung. "Viel haben sie uns versprochen, eingetroffen ist nichts", sagt eine Händlerin. Die Menschen müssten den Hauptbahnhof erst entdecken, "desto mehr kommen, desto besser." Derzeit sind die Gänge im Souterrain meist leer. "Viele Bahnkunden haben wenig Zeit", sagt die Drogerieverkäuferin. Daher sind es eher die Menschen aus der Umgebung, die für Umsatz sorgen, so wie Olga Virlan: "Ich wohne nicht weit weg von hier, das Einkaufszentrum ist super. Hier findet man alles, was man braucht." Neben Modegeschäften und Nahversorgern ist das auch überraschend viel Gastronomie. Doch nur in jenen Lokalen, die auf den Wegen der Reisenden zur nächsten Verbindung liegen, ist viel los. "Ich bin hier in einer Sackgasse, die Menschen gehen an mir vorbei", klagt Niko Cata, der einen Würstelstand betreibt. Besser liegt da schon das Blumengeschäft Flower Square. "Wir hoffen, dass jetzt mehr Kunden kommen", sagt Verkäuferin Terezia. Ihre Chefin ist ebenfalls vorsichtig zuversichtlich. "Wir haben uns alle im ersten Jahr mehr erwartet." Es liege aber schon auch am Center selbst. "Wir dürfen nicht einmal Blumen vor das Geschäft auf den Gang stellen, der Adventmarkt ist ein Witz", sagt sie. Es fehle auch an Sitzgelegenheiten. Zumindest die sollen bald kommen. Gemeinsam mit mehr Kunden.

Weitere Verzögerungen rund um den Bahnhof

Das Areal rund um den Hauptbahnhof nimmt langsam Gestalt an. So sind große Teile des neuen Wohngebietes im Sonnwendviertel bereits fertig. Auch der Erste-Bank-Campus wird noch vor Weihnachten vom Generalunternehmer an die Erste Group übergeben. "Wir konzentrieren am Hauptbahnhof 15 Standorte auf einen", sagt ein Pressesprecher der Erste. Knapp 4000 Mitarbeiter werden am Erste-Bank-Campus arbeiten, insgesamt wurden 300 Millionen Euro in die neue Konzernzentrale investiert.

Gleich daneben entsteht das Quartier Belvedere Center (QBC), das nach längeren Verzögerungen nun 2018 fertig werden wird. Von insgesamt 130.000 Quadratmetern Bruttogeschoßfläche entfallen rund zwei Drittel auf Büro- und Geschäftsflächen. Das andere Drittel teilen sich Wohnungen und zwei Hotels mit insgesamt 577 Betten.

Auch direkt neben dem Nordeingang des Hauptbahnhofs klafft noch eine große Baugrube. Hier errichtet die Signa Holding unter dem Namen "The Icon" drei Bürotürme. Sie werden 88, 60 und 38,5 Meter hoch. Gab man vor einem Jahr noch die Fertigstellung mit Ende 2017 an, spricht man mittlerweile von Mitte bis Ende 2018. Offiziell wollte man zur Zeitverzögerung nicht Stellung nehmen. Die Nähe zum Bahnhof dürfte aber das Projekt komplexer gemacht haben als angenommen.

Ebenfalls 2018 wird ein zweites Bauprojekt fertigt, das die Signa Holding von Seeste übernommen hat. Hier werden 340 Eigentumswohnungen errichtet, die auch betuchte Anleger ansprechen sollen. "Insgesamt investieren wir eine halbe Milliarde Euro in beide Projekte", sagt ein Signa Sprecher.

Ebenfalls kurz vor der Fertigstellung ist der Skytower samt Nebenhaus mit 168 Wohnungen der BUWOG. Das Bauprojekt entsteht gleich neben dem Rhomberg Baufeld und bieten ebenfalls frei finanziertes Wohnen, allerdings zu Preisen im mittleren Segment. Die Fertigstellung ist mit Frühjahr 2016 projektiert. "Das Angebot richtet sich primär an Anleger und Singles", heißt es von der Buwog.

Auch die BAI plant an zwei Baufeldern neue Wohnungen und Büros. Die Projektfertigstellung wurde mit 2018 projektiert, nähere Angaben wollte man nicht machen.