ESC-Spaziergang in Wien: Wenn die Stadt zur großen Bühne wird

Von Staatsoper bis Rathausplatz zeigt eine Tour, wie ESC und queere Geschichte mit Wien verbunden sind.
Stadtspaziergang Eurovision Song Contest Stadtspaziergang Gerti Schmidt

Gerd Brandstätter bleibt stehen, schaut über den Karlsplatz und zeigt auf eines der Ampelpärchen. Er ist staatlich geprüfter Austria Guide und seit Jahren als Fremdenführer in Wien tätig. „Da laufen jeden Tag Tausende vorbei“, sagt er, „und kaum jemand weiß, was es dazu zu erzählen gibt.“

Stadtspaziergang Eurovision Song Contest Stadtspaziergang Gerti Schmidt

Beim letzten Song Contest, der 2015 in Wien  stattgefunden hat, wurden damals an 49 Standorten die Händchen haltenden Ampelpärchen errichtet. Damals sorgten sie für viel Aufsehen, heute sind sie Teil des Stadtbildes und ein wichtiger Programmpunkt des ESC-Stadtspaziergangs. 

Verborgene Geschichte 

Während sich Wien auf den Song Contest im Mai vorbereitet, gibt es auch abseits der großen Shows Programme, die die Stadt aus einer anderen Perspektive zeigen sollen. So auch der ESC-Stadtspaziergang. Er verbindet bekannte Orte der Innenstadt mit queerer Geschichte und gesellschaftlicher Veränderung. „Der ESC ist nicht nur ein Event auf einer Bühne“, sagt Brandstätter. „Er ist auch eine Bühne in der Stadt.“ 

Wer Brandstätter zuhört, merkt schnell, dass hinter einigen Sehenswürdigkeiten viel queere Geschichte steckt, und das durch viele Jahrtausende hindurch. 

Stationen der Sieger

Der Spaziergang startet bei der Wiener Staatsoper am Karlsplatz. Ein wichtiger Ort für den Gewinner des letzten ESC: Johannes Pietsch, bekannt als „JJ“. Er holte den Sieg und den Song Contest nach Wien, seine musikalische Karriere begann aber in der Staatsoper. 

JJ - Mein Traum wird wahr

Weiter führt die Route Richtung Helmut-Zilk-Platz. Am Weg verweist Brandstätter immer wieder auf kleine versteckte Details, wie Gedenktafeln, hinter denen sich wichtige Personen für die österreichische und queere Geschichte verbergen. 

Über den Michaelerplatz geht es weiter zur Hofburg. Dort fand 1967 das erste Mal der Song Contest in Wien statt, nachdem Udo Jürgens das Jahr zuvor gewonnen hatte. Die Tour endet nach  zwei Stunden am Rathausplatz  im Eurovillage, dort werden rund um den ESC internationale Fans zusammentreffen. „Hier reden wir über den heurigen ESC, aber auch über die damalige Gewinnerin Conchita Wurst und den Liveball“, sagt Brandstätter. 

Neue Route, alte Geschichte

Zwar wurde der ESC-Spaziergang eigens für dieses Jahr entwickelt, baut aber zum Teil auf bereits bestehenden queeren Stadtführungen auf, die seit Jahren angeboten  werden. „Queere Menschen sind oft aus der Geschichte herausgestrichen worden“, sagt Brandstätter. 

Konzipiert wurde die Tour vom Zentrum für queere Kultur und Geschichte „QWIEN“. Neben Brandstätter gibt es drei andere Guides, die durch die ESC-Tour führen. 

Interessierte können sich auf der  Website https://www.qwien.at/esc/ anmelden. Die Teilnahme kostet 26,77 Euro pro Person. Öffentliche Termine sind bereits angesetzt, zusätzlich können private Gruppenführungen gebucht werden. Bei extremen Wetterbedingungengen werden Alternativtermine angeboten. Auf die Tour wird in den ESC-Fan-Clubs aufmerksam gemacht, laut Brandstätter sei man  auch Partner des Wien-Tourismus und  in deren digitalem Veranstaltungsprogramm vermerkt.

Spontane Buchungen

Obwohl der größte Ansturm an ESC-Fans noch auf sich warten lässt, trudeln laut Brandstätter bereits jetzt viele Anfragen ein. Die Buchungslage sei derzeit aber vor allem von Spontanität geprägt, erklärt Gerti Schmidt, Obfrau der Fachgruppe der Freizeit- und Sportbetriebe der Wirtschaftskammer Wien (WKW). Sie selbst ist seit 30 Jahren selbstständige Fremdenführerin, wie Brandstätter Austria Guide, und vertritt auch deren Interessen in der WKW. „Es ist im Moment sehr volatil“, sagt Schmidt. Die Buchungslage erinnere sie an die Corona-Zeit. Für  Fremdenführer bedeutet das: mehr Vorbereitung und Flexibilität. 

Auch für den ESC-Stadtspaziergang hat sich Brandstätter lange vorbereitet. Viele Inhalte stammen aus Archiven, Gesprächen mit  Zeitzeugen oder aus persönlicher Recherche. „Wir graben Geschichten aus, die sonst kaum jemand kennt.“ Und diese Geschichten vermittelt er gerne an seine Kunden. 

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