Tatort Praterstern: Weitere Anzeige gegen Verdächtigen.

© KURIER/Franz Gruber

Wien
05/02/2016

Erneut Vorfall am Wiener Praterstern

Ein 18-Jähriger wurde mit einem Schweizermesser am Kopf verletzt. Drei Festnahmen.

Derzeit vergeht kaum ein Tag, ohne dass die Polizei über eine gewalttätige Auseinandersetzung am Praterstern in Wien-Leopoldstadt berichtet. So auch am Montag: Demnach gab es am späten Sonntagabend eine Rauferei mit mehreren Beteiligten. Als Polizisten eingriffen, zogen sich die meisten Beteiligten allerdings zurück. Ein 18-Jähriger wurde vom Griff eines Schweizermessers am Kopf verletzt.

Die Hintergründe des Streits, der um 22.20 Uhr ausbrach, waren laut Polizeisprecher Paul Eidenberger auch am Folgetag noch reichlich unklar. Fest stand lediglich, dass eine Gruppe aus dem Iran stammender Männer auf Afghanen losging.

Bei Festnahme gewehrt

Drei Angreifer, 18, 24 und 29 Jahre alt, wurden kurz nach der Auseinandersetzung in der Nähe des Pratersterns auf der Flucht festgenommen. Dass sie sich gegen die Exekutive wehrten, nützte ihnen nichts. Das Messer dürften sie auf der Flucht in ein Gebüsch geworden haben.

Jedenfalls stöberte es dort der Polizeihund "Carlos" auf. Der 18-Jährige wurde in ein Krankenhaus gebracht. Bei der Aufarbeitung der Geschehnisse meldete sich noch ein 21-Jähriger als Opfer.

Nach dem schockierenden Höhepunkt der Straftaten am Pratersterndie Vergewaltigung einer 21-jährigen Studentin durch drei afghanische Asylwerber – ändert die Wiener Polizei jetzt am Drogen-, Bettler- und Gewalt-Hotspot der Stadt ihre Strategie. Laut Statistiken werden aktuell ein Prozent aller in Wien angezeigten Straftaten (420 strafrechtliche Delikte) am Pendler-Drehkreuz in der Leopoldstadt begangen. Die Dealerszene am Praterstern rekrutiert sich aus jungen Nordafrikanern und Afghanen. 140 Drogendelikte wurden in den vergangenen Tagen angezeigt. Sprengt die Polizei diese Szene, sollten auch die Eigentums- und Gewaltdelikte zurückgehen. Mehr dazu lesen Sie hier.

Jene drei Burschen im Alter von 16 und 17 Jahren, die die 21-Jährige am Wiener Praterstern brutal vergewaltigt und misshandelt haben sollen, waren nicht die ersten afghanischen Flüchtlinge, die verdächtigt werden, ein Sexualdelikt begangen zu haben. Da lassen sich leicht voreilige Schlüsse ziehen. Sind Afghanen besonders brutal? Sexuell durchtrieben? Wissen sie nicht, welche Werte in Europa hochgehalten werden? Laut Bundeskriminalamt waren 2015 tatsächlich afghanische Asylwerber jene, die am häufigsten (16-mal) wegen einer Vergewaltigung angezeigt wurden. Gefolgt von Irakern (fünf), Russen und Algeriern (je vier).Mehr dazu lesen Sie hier.

Vergewaltigung: Opfer gezielt abgepasst

Zuvor war aus der polizeilichen Einvernahme der drei Verdächtigen der Vergewaltigung am Praterstern hervorgegangen, dass die Männer ihr Opfer offenbar gezielt vor der Toilettenanlage im Bahnhofsbereich abgepasst haben.

Der Jüngste des Trios - ein 16-Jähriger - gab nach seiner Festnahme an, sie hätten gewartet, "bis ein Mädchen auf das WC geht, um mit diesem dann Sex zu haben". Als die junge Frau - eine aus der Türkei stammende Studentin für Ziviltechnik und Raumplanung, die im Rahmen eines Erasmus-Austauschprogramms ein Semester in Wien verbringt - die Toilette aufsuchte, folgten ihr die Burschen, und der 16-Jährige öffnete mit einer Münze die Kabinentür. Die Studentin beschimpfte ihn, es gelang ihr auch, die Tür zunächst wieder zu verriegeln, worauf laut Protokoll der Älteste der Afghanen - ein 17-Jähriger - die Münze an sich nahm. Er machte damit wieder die Tür auf und übernahm den wörtlichen Angaben des 16-Jährigen zufolge "das Kommando". Mehr dazu lesen Sie hier.

Der Praterstern: Auch nach Umbau ein Brennpunkt

Es war ein dunkler, trostloser und wenig heimeliger Ort - der alte Bahnhof Praterstern. Mit dem groß angelegten Neubau und der Aufwertung der Station durch eine weitere U-Bahn-Linie (U2) sollte damit Schluss sein. Tatsächlich ist das Gebäude inzwischen modern und lichtdurchflutet. Die Hoffnung, dass damit auch die soziale Problemen verschwinden, hat sich aber nicht erfüllt.

2008, wenige Monate vor der Fußball-Europameisterschaft, wurde der neue Bahnhof seiner Bestimmung übergeben. Drei Jahre war an der Erneuerung des Verkehrsknotenpunktes gewerkt worden. Rund 100 Mio. Euro wurden investiert. "Unsere Kunden verlangen Qualität, und das zurecht, sie zahlen ja auch dafür", hielt der damalige ÖBB-Chef Martin Huber beim Eröffnungs-Festakt fest.

Neu am Praterstern ist seither vor allem die 7.400 Quadratmeter große Überdachung der Bahnsteige sowie die Bahnhofshalle mit Geschäften und diversen Serviceeinrichtungen. Dass Bahnhöfe auch soziale Brennpunkte sind, zeigt sich aber weiterhin. Für Sicherheit soll darum Security-Personal sorgen, auch Sozialarbeiter sind im Einsatz. In der Nähe wurde zudem ein gemeinsames Tageszentrum von Stadt und Caritas eingerichtet.

Zu tun gibt es auch nach dem Umbau genug: Suchtgift- und Alkoholkranke sowie Obdachlose bestimmen vor allem zur späteren Stunde das Bild. Von einer friedlichen Koexistenz der diversen Szenen kann eher nicht gesprochen werden. Tatsächlich sind Raufereien und Diebstähle mehr oder weniger an der Tagesordnung. Immer wieder kommt es zu schweren gewaltsamen Übergriffen.

Die Polizeipräsenz wurde zuletzt erhöht, wie auch der Vorsteher des zweiten Bezirks, Karlheinz Hora (SPÖ), kürzlich betonte. Und, ein Novum für Wien: Ein Alkoholverbot wird längst nicht mehr ausgeschlossen. Das etwa von der FPÖ geforderte Konsumationsverbot wird von den Bezirksverantwortlichen aber abgelehnt. Es sei zu schwierig zu exekutieren, heißt es. Der Vorsteher kann sich jedoch vorstellen, dass der Verkauf alkoholischer Getränke eingeschränkt wird.

Dreimal so viele Österreicher verurteilt wie Ausländer

Österreicher sind in der Verurteilungsstatistik 2015 bei Sexualdelikten mit insgesamt 294 Schuldsprüchen drei Mal so stark vertreten wie die Ausländer (103). In Sachen Drogendelikten betrafen im vergangenen Jahr 14 Prozent aller 3.045 Verurteilungen von Ausländern nach dem Suchtmittelgesetz afghanische Flüchtlinge (219).

Diese Zahlen stammen aus einer Beantwortung einer parlamentarischen Anfrage der FPÖ betreffend "Kriminaltourismus" durch Justizminister Wolfgang Brandstetter (ÖVP), über die der "Kurier" in der Samstag-Ausgabe berichtete. Stellt man generell die Verurteilungen der Nicht-Österreicher 2015 mit jenen der Inländer gegenüber, zeige sich, "dass die Ausländer mit 23.609 Verurteilungen (fall- und nicht personenbezogen, daher sind Doppelzählungen enthalten) den Inländern (29.439 Verurteilungen) dicht auf den Fersen sind".

Wegen der Vergewaltigung eines zehnjährigen Buben im Theresienbad in Wien-Meidling muss sich ein irakischer Asylwerber vor Gericht verantworten. 2015 wurde aber in ganz Österreich kein einziger Iraker wegen eines Sexualdelikts schuldig gesprochen. Auch die Afghanen, seit der Vergewaltigung einer 21-jährigen Studentin durch drei afghanische Asylwerber am Praterstern im Zwielicht, sind bei den Sexualdelikten mit acht Verurteilungen nicht überrepräsentiert, zitiert der "Kurier" aus der Anfragebeantwortung.

Bei den Gewaltdelikten steht es zwischen In- und Ausländern 2:1 (5.266 zu 2.560 Verurteilungen). Afghanischen Flüchtlinge fallen bei den Gewaltdelikten mit 189 Verurteilungen zwar ins Gewicht, bleiben aber unter den Zahlen anderer Nationalitäten wie etwa den Serben mit 228 oder den Türken mit 329. Auch Straftäter mit deutscher Staatsbürgerschaft spielen mit 152 Verurteilungen wegen Gewaltdelikten durchaus eine Rolle.