Chronik | Wien
19.03.2018

Ein Airbnb für Autos und Roller

"Enormer" Leerstand in privaten Garagen. Eine Plattform will jetzt den Parkplatzdruck mindern.

Schuld war seine Vespa. Als Vincent Gummlich 15 Jahre alt war, kaufte er sich eine solche. Weil seine Eltern aber keine Garage hatten, hatte Gummlich keinen Platz, wo er seine Vespa unterstellen konnte. Auch, als der Hamburger für das Studium nach Wien zog, war sein Vespa-Problem nicht gelöst. Garagenplätze nahe der Wohnung sind schwer zu finden, schwer zu bekommen und meist auch noch teuer.

Also gründete Gummlich (28) nach seinem Betriebswirtschaftsstudium an der WU mit Josef Sorocin (24) die Plattform MyNextGarage. Über die Web-Applikation (eine mobile Version soll demnächst folgen, Anm.) werden Plätze in Einzel- oder Tiefgaragen, oder Parkplätze für Roller mit Foto und Beschreibung angeboten. "Es ist wie Airbnb, nur für Stellplätze und langfristig", sagt Gummlich.

"Viele Garagen stehen leer, weil Hausverwaltungen und Makler sich nicht wirklich darum kümmern", sagt Gummlich. Mit Garagen sei eben nicht so viel Geld zu machen. Dazu kommt, dass vor allem Parkplätze in Häusern von Wohnbauträgern freistehen. Obwohl derzeit 90 Prozent der Angebote bei MyNextGarage von Maklern kommen, geht es den Gründern vor allem darum, Private zu motivieren, freie Stellplätze zu melden.

700.000 Autos

Mit 31. Dezember 2017 waren in Wien laut Statistik Austria 701.657 Pkw zugelassen. Laut einer Schätzung des Büros von Vizebürgermeisterin Maria Vassilakou (Grüne) aus dem Jahr 2015 (aktuellere Zahlen konnten nicht eruiert werden) stehen in Wien auch 650.000 Garagenplätze zur Verfügung. Gummlich meint: "Auch die Stadt hat ein Interesse daran, dass die Autos von der Straße wegkommen." Wüssten die Menschen von halbwegs günstigen Dauerparkplätzen in unmittelbarer Nähe zu ihrer Wohnung, würden sich viele dafür, statt für die langwierige Parkplatzsuche entscheiden. Das würde auch den Parkplatzdruck in den Bezirken verringern.

Harald Frey vom Institut für Verkehrswissenschaften an der TU Wien sieht das ähnlich: "Wir haben enormes Potenzial an Leerstand in diesem Bereich", sagt er. Allein bei den gemeinnützigen Bauträgern in Wien würden 10.000 Parkplätze leer stehen. Zwar seien es laut Gesiba, die gemeinsam mit anderen gemeinnützigen Bauträgern die Wiener Parkplatzbörse betreibt (siehe rechts), knapp 6400 – laut Frey sei das aber noch immer zu viel.

Parkpickerl zu billig

Er ortet zwei Probleme. Erstens: Der Preis für einen Parkplatz im öffentlichen Raum (sprich: das Parkpickerl) ist mit zehn Euro pro Monat deutlich günstiger als ein Garagenplatz, der auf etwa 100 Euro monatlich kommt.

Zweitens würde durch die Stellplatzverpflichtung (pro 100 m² Wohnnutzfläche ist bei Neubauten ein Stellplatz zu schaffen) ständig neuer Leerstand produziert. Gerade jüngere Menschen, die Wohnungen kaufen oder mieten, würden diese Stellplätze oft gar nicht brauchen. "Es ist Aufgabe der öffentlichen Hand, da nachzubessern", sagt Frey.

Auch aus dem Büro von Vizebürgermeisterin Maria Vassilakou heißt es, dass es in Wien "kaum noch zusätzliche Abstellplätze in Garagen" bräuchte. Die seien in der Errichtung sehr teuer und stünden dann oft leer.

Vor dem Hintergrund, dass es in Wien etwa gleich viele Stellplätze in Garagen, Höfen etc. wie zugelassene Autos gibt, sollten eher Parkparkbörsen "gepusht" werden: "Sie sorgen dafür, dass die, die einen Garagenplatz suchen, auch einen finden können", sagt Vassilakou. In Gebieten, die gut mit öffentlichen Verkehrsmitteln erreichbar sind, bestehe auch jetzt schon die Möglichkeit, die Stellplatzverpflichtung zu reduzieren. Eine Erhöhung des Preises für das Parkpickerl sei nicht geplant.

Der Preis für einen auf MyNextGarage vermieteten Dauerparkplatz ist derzeit mit etwa 120 Euro übrigens noch sehr hoch. Bestimmen kann ihn der Vermieter – je mehr Angebote, desto niedriger der Preis.

Auch die gemeinnützigen Bauträger (derzeit Gesiba, Bauhilfe, Heimbau, GSG, Heimat Österreich, Migra, Sozialbau, ÖVW, Wohnbauvereinigung, Wien Süd) melden freie Stellplätze in ihren Garagen – und zwar in der 2013 von den Bauträgern gegründeten Wiener Parkplatzbörse (www.parkplatzboersewien.at).

Dort können auch andere gewerbliche oder private Anbieter Stellplätze anbieten. In das Online-Suchfeld werden die Adresse, der maximale Umkreis, in dem ein Parkplatz gefunden werden soll, und die Preisobergrenze eingegeben. Laut Richard Wiesmüllner, Leiter der Abteilung Kunden und Wiedervermietung bei der Gesiba, seien in Bezirken, wo lange nichts neu gebaut wurde – etwa in Döbling –, die Wartelisten für Garagenplätze lang. In Bezirken, wo viel gebaut wird (Donaustadt), gebe es viel Leerstand. Deshalb will die Parkplatzbörse nun mit Payuca (www.payuca.com) kooperieren. Über die ebenfalls in Wien gegründete Online-Plattform wollen die Bauträger nun auch Kurzparkplätze anbieten.

Denn auf Payuca können Parkplätze oder Stellplätze auch stundenweise gemietet werden. Um Leerstand zu verhindern, will die Gesiba in manchen ihrer Garagen – etwa in der Langobardenstraße – kostenpflichtige Besucherparkplätze anbieten. "Dann müssen auch Besucher nicht ewig Parkplatzsuchen", sagt Wiesmüllner.