Das Netzwerk des Dompfarrers: Warum Wien Toni Faber nicht vergessen wird
Dompfarrer Toni Faber und Bürgermeister Michael Ludwig - auf eine gesegnete Freundschaft.
Wir schreiben das Jahr 2020, die SPÖ befindet sich in einer unglücklichen Partnerschaft mit den Grünen – und Bürgermeister Michael Ludwig ist, begleitet von Medien, auf einer Wahlkampf-Tour durch den 1. Bezirk. Sein Ziel: beim virulenten Thema der verkehrsberuhigten Innenstadt wieder die Oberhand zu bekommen.
Wie gut, dass der Stadtchef beim Schlendern über den Stephansplatz ganz zufällig Dompfarrer Toni Faber trifft. Und dieser noch zufälliger dem Stadtchef in der heiklen Causa beipflichtet: Verkehrsberuhigung? Es könne nicht sein, dass seine Schäfchen nicht mehr zur Messe fahren können und so ihrer „spirituellen Tankstelle“ beraubt würden, meinte Faber. Dann posiert man – weniger zufällig, sondern sehr geübt – für ein Bild. Mission erfüllt.
Es ist nur eine von vielen Anekdoten, die verdeutlicht, welche Rolle der Dompfarrer in Wien spielt: Er ist nicht nur Kirchen-Manager, Seelsorger, Society-Star und Reibebaum vieler Katholisch-Konservativer – sondern nicht zuletzt ein politischer Player. Der vielseitige Toni Faber ist ein talentiertes Zoon politikon.
Grünwidls heikle Mission
Das weiß – zurück im Jahr 2026 – freilich auch der neue Wiener Erzbischof Josef Grünwidl, der selbst als progressiv gilt und in manch umstrittener Frage (etwa dem Zölibat) durchaus mit Faber konform geht.
Den Druck aus dem konservativen Lager spürt die Erzdiözese aber auch – vor allem wegen der offensiven Auftritte Fabers mit seiner Freundin Natalie Nemec. So gibt es nun Verhandlungen mit dem Dompfarrer, um diesen im Laufe des kommenden Jahres mit 65 in Pension zu schicken.
Michael Ludwig und Toni Faber vor dem Stephansdom.
Seither wird in Wien diskutiert – auch in der Stadtpolitik. Vor allem die SPÖ konnte sich in der Vergangenheit meist auf Faber verlassen. Nicht nur als Aufputz bei so manchem Event, mit dem die Sozialdemokraten zeigen konnten, dass sie in Wien die Partei der Mitte sind. Sondern auch inhaltlich. In der Frage der Sonntagsöffnung etwa kämpfen Ludwig und Faber Seite an Seite. Die SPÖ will partout keine Tourismuszonen. Faber sprang ihr immer wieder bei. Und das – wie bei vielem, was er tut – durchaus medienwirksam. Etwa im Jahr 2021, als er vor seinem Dom bei einem Flashmob für den arbeitsfreien Sonntag auftrat.
Ein Verbinder auf vielen Ebenen
„Im Zweifel“, sagt ein Polit-Insider, „sind in Wien auch die Pfarrer Rote.“ Wiewohl Faber niemand Parteilichkeit vorwerfen will: Er sei ein „Verbinder“, der die Menschen zusammenbringe, ist von allen Seiten zu hören. „Mit zwei Drittel der Wiener Bezirksvorsteher bin ich per Du, weil ich überall zu Veranstaltungen gehe“, meinte Faber erst unlängst selbst im KURIER-Gespräch.
Tatsächlich sind auch die Bande zur Wiener ÖVP eng: Als Karl Mahrer – damals Parteichef – zum Jahresauftakt eine „Zuversichtsmesse“ abhalten ließ, predigte der Dompfarrer für die Partei.
Dass als Messwein im Dom mitunter auch jener von ÖVP-Bauernbund-Chef und Winzer Norbert Walter auf den Altar kommt, ist kein Zufall. Faber tritt alljährlich zur Weinsegnung des neuen Jahrgangs bei Walter an, die beiden sind einander freundschaftlich verbunden. Auch der neue Parteichef Markus Figl, der zugleich Bezirksvorsteher in der City ist, feierte mit Faber den Gottesdienst. Auch sonst sind die beiden in bestem Einvernehmen, wie man hört. (Außer vielleicht bei der Sonntagsöffnung. Bei der Verkehrsberuhigung, die Figl befürwortet, ist hingegen kein Streit mehr zu erwarten – die SPÖ ist mittlerweile ja auch für das Projekt.)
Dompfarrer Toni Faber in seinem Büro.
Nicht einmal die FPÖ, deren Bundesparteichef Herbert Kickl sich zuletzt persönlich mit Kirchenoberen anlegte, verliert in Wien ein böses Wort über Faber. Man kommt miteinander aus. Nur als die Blauen unter Heinz-Christian Strache den Dom im Wahlkampf 2010 als Kulisse nutzten und blau anstrahlten, distanzierte sich der Pfarrer höflich; und als ihm die FPÖ drei Jahre später ein „Nächstenliebe“-Wahlplakat vor die Nase hing, fand er das „unerquicklich“.
Auf Konfrontation ging er nicht: „Ich habe dem Versuch widerstanden, Don Camillo und Peppone zu spielen“, sagte er 2010 in der Presse. Nachhaltig gram war er angeblich nur der damaligen Bezirkschefin Ursula Stenzel, die das FPÖ-Event genehmigt hatte (und später von der ÖVP zur FPÖ wechselte).
Die (gesellschafts-)politische Komponente des Dompfarrers wurde nicht immer so ausgeprägt gelebt. Fabers Vorgänger Anton Guber war längst nicht so präsent wie sein Nachfolger. Und auch dieser ist erst mit der Zeit in diese Rolle hineingewachsen, nachdem er 1997 zum Dompfarrer bestellt worden war.
Großes Gefallen an öffentlicher Rolle
Aber er hat an dieser Rolle Gefallen gefunden. Und seine Spuren hinterlassen. So hat sich seine Kirche auch mit einer Bühne am Donauinselfest (der SPÖ) etabliert. Die Eventseelsorge, auf die man bei der Erzdiözese große Stücke hält, geht darauf zurück. Kulinarik und Kultur sind Faber immer ein Anliegen gewesen. Auf diesem Parkett hat er sein Netzwerk zu spinnen begonnen – und es über diese 30 Jahre verdichtet. Seine Predigten gelten vielen als Richtschnur und Wegweiser.
Dieses Netzwerk wird halten, ob Faber nun Dompfarrer ist oder nicht. Wobei es Möglichkeiten einschränkt, wenn er nicht auf das stattliche Budget der Dompfarre zugreifen kann. Was ihn nicht daran hindern wird, seine Art der Citypastoral weiter zu leben. Jünger, um ein Bild aus der Bibel zu verwenden, wird er weiter um sich scharen. Männer wie Frauen. Grünwidls Aktion könnte nach hinten losgehen, sagt so mancher im politischen Umfeld: Dass sich Faber aus der Öffentlichkeit zurückzieht, ist unwahrscheinlich.
Sein Nachfolger wird es nicht leicht haben, neben ihm zu bestehen. „Ohne sein Amt als Dompfarrer kann er künftig vielleicht sogar noch expliziter seine Meinung kundtun“, sagt manch einer. Zuhören wird man ihm in Wien jedenfalls.
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