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Lueger-Statue auch in Werkstatt nicht vor Angriff sicher

Eine Gruppe mit dem Namen „Kritik im öffentlichen Raum“ hat die Statue beschädigt.
LUEGER-DENKMAL: BRONZEFIGUR VOR DEM KIPPEN VORÜBERGEHEND ABGEBAUT

Von Josef Kleinrath und Johanna Worel

Wien und die Geschichte um sein Lueger-Denkmal wird in mehrfacher Hinsicht um ein Kapitel reicher. Seit Anfang des Jahres ist die Statue des umstrittenen ehemaligen Bürgermeisters von Wien weg vom Lueger-Platz – nicht weil sich die Stadt dafür entschieden hätte, dem Antisemiten diesen Ehrenplatz, den er selbst für sich festgelegt hatte, künftig zu verwehren. 

Nein, die Statue wird saniert. Sie wird nun gereinigt, wobei die grüne Patina erhalten bleiben soll. Abgeschlagene Teile an den Skulpturen und Reliefs des Podests sollen wiederhergestellt werden, von Protestaktionen stammende Farb- und Bitumenreste entfernt werden.

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Angriff auf Statue

Eine Sisyphos-Arbeit, wie sich jetzt herausstellt. Denn wie schon während der Debatte um die „Kontextualisierung“ des Denkmals gehen die Protestaktionen weiter. Nun hat sich eine anonyme Gruppe, die sich „Kritik im öffentlichen Raum“ nennt, dazu bekannt, einen Anschlag auf das Denkmal verübt zu haben. „Wir haben Antisemitismuskritik praktiziert, wir haben die Statue von Karl Lueger in einer Werkshalle südlich von Wien aufgespürt und angegriffen.“

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„Nazi-Werk für Antisemit“

Auch den Grund für den Angriff auf die Statue liefern die Lueger-Gegner mit: „Wir fanden es unerträglich, dass in Wien einem Antisemiten und Hitlervorbild wie Lueger gedacht wird.“

Man habe „mit Freude Hand an des Nazi-Werk und des Antisemiten-Abbild gelegt“, schreibt die Gruppe auf ihrem Bekennerschreiben in Sozialen Medien weiter – samt dem Aufruf, es im eigenen Umfeld gleich zu tun: „Es gibt zu viele solcher Statuen.“ 

Die Gruppe „Kritik im öffentlichen Raum“ kritisiert mit dieser Aktion auch die Pläne der städtischen Gesellschaft „Kultur im öffentlichen Raum“, die für die künstlerische Kontextualisierung der Statue verantwortlich ist. Eine künstlerische "Anpassung" ändere nichts an den Zuständen – nämlich, dass in Wien am Ring eine überlebensgroße Ehrenstatue für einen Antisemiten stehe, die noch dazu von einem NSDAP-Mitglied und Hitlerverehrer geschaffen worden sei. 

Ironischer Dank geht an die Stadt Wien, die „uns die einmalige Gelegenheit“ gegeben habe, „in Ruhe und auf Augenhöhe mit der Statue zu arbeiten“.

Was allerdings versichert wird: Die Kontextualisierung des Lueger-Denkmals werde voraussichtlich diesen Sommer abgeschlossen, die Beschädigungen würden daran nichts ändern. 

 3,5 Grad nach rechts

Hinter dem Projekt steckt der Entwurf „Schieflage – Karl Lueger 3,5°“ des Wiener Künstlers Klemens Wihlidal – und eine Idee, die bereits vor mehr als 15 Jahren entstanden ist. Konkret soll das Denkmal um 3,5 Grad nach rechts geneigt werden. Durch diese bewusst kleine Veränderung soll die Statue sichtbar „aus dem Gleichgewicht“ geraten. Das Denkmal wirke dadurch „zwischen Stehen und Fallen“, heißt es in der Projektbeschreibung. 

Künstlerischer Kipppunkt

Die Idee dazu entwickelte Wihlidal bereits 2009 im Rahmen eines Wettbewerbs an der Universität für angewandte Kunst. Damals habe er sich intensiv mit sogenannten „Kipppunkten“ beschäftigt – also Momenten zwischen Stabilität und Fall. Genau dieses Gefühl solle auch die Schräglage des Denkmals auslösen. Warum das Denkmal dabei nur leicht geneigt wird, erklärt der Künstler: „Eine dezentere Form der Neigung hat eine viel brutalere Aussagekraft.“ 

Gerade die subtile Veränderung löse Irritation aus und zwinge Menschen dazu, genauer hinzusehen.  Die Stadt Wien setzt mit dem Projekt bewusst nicht auf einen Abriss oder eine Entfernung des Denkmals, sondern auf eine dauerhafte künstlerische Auseinandersetzung mit dessen Geschichte. 

Neben der baulichen Umsetzung informieren derzeit auch neue Tafeln am Bauzaun über Lueger, dessen Antisemitismus sowie die Hintergründe des Projekts.

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