Der neue Wiener Erzbischof als Hoffnungsträger

Josef Grünwidl, der neue Erzbischof von Wien, sucht neben zahlreichen Besprechungen weiterhin den Kontakt zu den Menschen. Mit dem Canisibus hat er Bedürftigen Suppe und Freude gebracht. Der KURIER war dabei.
Ein Mann mit Priesterkragen steht vor einer Wand mit dem Graffiti „JESUS = HERR“ und kleinen grünen Herzen.

„Jesus ist Herr“. Dieses Graffiti ziert die Wand in der Unterführung unter dem Wiener Hauptbahnhof – als ob es für den neuen Erzbischof aufgesprüht worden wäre. Denn an diesem Abend ist Josef Grünwidl als freiwilliger Helfer dort. 

Und zwar mit dem Canisibus der Caritas. Dort ist eine der vier Stationen, die jeden Tag zur gleichen Zeit angefahren werden. Jeder, der Hunger hat, bekommt zu essen. Es gibt Erbsen-Curry-Suppe. Die Karotten sind bissfest, die Suppe ist würzig, sättigend und wärmt auch von innen. Von außen wärmt das freundliche Wort, das die Freiwilligen bei der Suppenausgabe für jede und jeden haben.

Kontrastprogramm

Das ist ein Kontrastprogramm für den Erzbischof. Erst ein Tag voller Besprechungen, eine Sitzung des Priesterrats, dann die Essensausgabe mit der Caritas. „Ich versuche, zu den Menschen zu kommen wie hier beim Canisibus“, lässt er in der neuen Funktion keinen Zweifel daran, nicht auf die Seelsorge zu vergessen.

Der heutige Sonntag ist meteorologischer Frühlingsbeginn. Mit Grünwidl verbinden viele in der Erzdiözese Wien Frühlingsgefühle, ein Aufbruch ist zu spüren, die Erwartungen an den 63-Jährigen sind groß. Ist das eine Last oder eine Freude? „Eine Freude“, sagt Grünwidl voller Überzeugung, „ich spüre sehr viel Rückenwind.“ Nicht aber ohne auch sehr offen klarzustellen: „Mein Leitspruch ist nicht, alles neu zu machen.“ Deshalb könne er auch nicht alle Hoffnungen und Erwartungen erfüllen – aber den Schwung des spürbaren Aufbruchwillens wolle er mitnehmen.

Drei Personen verteilen an einem offenen Kofferraum warme Suppe und Brot an eine Person mit Kapuze.

Erzbischof Josef Grünwidl  packte selbst an und half  den Freiwilligen der Caritas – an diesem Tag gab es Erbsen-Curry-Suppe.

Mehr miteinander reden

Was zur nächsten Frage führt. Bei der Bischofsweihe hat Grünwidl aufgerufen, mit ihm „das Protestlied gegen Gleichgültigkeit und das österliche Lied zu singen, das zum Handeln anregt“. Wo, Herr Erzbischof, muss gehandelt werden? „Unsere Hauptaufgabe ist es, mehr im Gespräch zu bleiben, miteinander zu reden und Mauern einzureißen“, sagt Grünwidl und verweist auf das Projekt „Runde und eckige Tische“, bei dem Menschen mit unterschiedlichen Ansichten und Zugängen einander im Gespräch begegnen.

„Uns verbindet viel, aber es gibt auch sehr viel Spaltung“, weiß Grünwidl und sieht gerade die Kirchen und kirchlichen Organisationen in der Pflicht, gegen diese Spaltung aufzustehen. Das ist ein Credo – sozusagen eine Glaubensfrage für den Erzbischof. Der von Kardinal Schönborn angestoßene Erneuerungsprozess werde weiter geführt, für Grünwidl ist die Frage der Glaubensvertiefung wesentlich. Er bringt seine Intention mit einer klaren Botschaft zum Ausdruck: „Wir müssen uns von einer ,Kommt-her-Kirche’ zu einer ,Geht-hin-Kirche’ wandeln.“ Und meint die Seelsorger, die – tatsächlich und im übertragenen Sinn – zu den Menschen gehen müssen. Dazu brauche es die passenden Strukturen, daran werde – neben anderen Grundsatzfragen – in der Diözesanklausur im März geredet.

Die Rolle der Frau

Und dann ist noch das Thema der Rolle der Frau in der Kirche. „Ich glaube, wir haben noch nicht alle Möglichkeiten für Frauen ausgeschöpft, die das Kirchenrecht jetzt schon vorsieht“, will Grünwidl in dieser Frage Akzente setzen. Und will Frauen explizit ermutigen, sich auch um Leitungsfunktionen in der Kirche zu bewerben. Die Frage nach kirchlichen Ämtern ist eine andere, weiß Grünwidl, und verweist darauf, dass das Frauendiakonat schon in Rom im Gespräch sei und eine Kommission im Auftrag des Papstes daran arbeite.

Und dann ist auch noch Fastenzeit, die Zeit der Vorbereitung auf Ostern. Eine wichtige Zeit für uns Christen, Herr Erzbischof? Da schmunzelt Grünwidl. „Ich habe nichts dagegen, dass man in der Fastenzeit aufs Rauchen oder auf Süßes verzichtet. Der Verzicht tut uns gut.“ Aber das christliche Fasten sei eine Form der Solidarität und ziele auf das Teilen ab: „Die Fastenzeit soll uns sensibler machen für die Not der Menschen und die Hilfe, die sie brauchen. Dieses Fasten soll auch eine Offenheit Gott gegenüber bewirken.“

Generell bittet Grünwidl aber um Geduld. Auch wenn er als Administrator schon intensiv in der Diözese gearbeitet habe, sei es in der Rolle des Erzbischofs noch einmal intensiver. Drei Jahre, meint er, werde es dauern, „bis man richtig drinnen“ ist. Darauf werde er sich jetzt konzentrieren. Deshalb stehe es nicht zur Debatte, den Vorsitz der Bischofskonferenz zu übernehmen: „Ich habe so viele Aufgaben in der Diözese, im ersten Jahr sind Bischöfe von Aufgaben über die eigene Diözese hinaus befreit.“ Er hofft, dass Franz Lackner diese Funktion noch einmal übernehme. Und dann wendet sich Grünwidl ganz seiner Aufgabe an diesem Abend zu: Den Menschen, die seiner Hilfe Aufmerksamkeit bedürfen. Die meisten von ihnen gehen mit einem Lächeln davon. Der Erzbischof auch.

Seine Arbeitstage als neuer Erzbischof sind zwar ausgefüllt, sagt Josef Grünwidl im Canisibus am Weg zur ersten Station. Diese ist am Bahnhof Meidling, wo viele Menschen schon auf den Bus warten. Der Kontakt mit den Menschen abseits des erzbischöflichen Palais ist dem Erzbischof sichtlich wichtig. Hemdsärmelig ist er mit den Öffis allein zum Treffpunkt im Chancenhaus der Caritas im 15. Bezirk gekommen, wo die Suppe immer von Freiwilligen – unter der Anleitung zweier Köche – zubereitet wird. „Schmeckt super“, sagt ein Bewohner des Hauses. Das bestätigt auch der Erzbischof, nachdem er eine Schüssel verköstigt hat.

Grünwidl packt später selbst an, stellt den Tisch auf und hebt den 30-Liter-Topf aus dem Wagen, während in schon Stammgäste warten. Die Suppe dampft, Grünwidl füllt Schüssel um Schüssel an, gibt eine Mandarine dazu und bietet Taschentücher an. Als es ruhiger wird, sucht er das Gespräch. „Wie geht es Ihnen“, fragt Grünwidl, den kaum jemand als Erzbischof erkennt, interessiert und zugewandt nach. Er bekommt traurige und dramatische Lebensgeschichten zu hören. Dennoch wird gescherzt und gelacht. Momente der Lebensfreude und Normalität. Wie es die Freiwilligen Tag für Tag zusätzlich zur Suppe jenen mitbringen, die es gerade nicht so leicht haben.

Kommentare