Jungmann & Neffe in der Wiener Innenstadt

© Kurier/Gilbert Novy

Chronik Wien
12/06/2020

Die schönsten Geschäfte in Wien

Sie sind einzigartig und leben Tradition. Wiens Familienbetriebe öffnen am Montag wieder ihre Türen. Wir haben vorher einen Blick in die berühmten Verkaufsräume geworfen.

von Barbara Mader, Katharina Salzer

„Gnädige Frau, darf ich Ihnen behilflich sein?“ Ja bitte, gerne.

Diese Frage wird morgen wieder gestellt, wenn auch Wiens Traditionsbetriebe aufsperren können. Beim Lobmeyr, der Jungfrau, beim Knize und vielen anderen. Einkaufen kann einfach schön sein. Einst, in Vor-Corona-Zeiten, kamen die Touristen, um Selfies vor Lustern, Stiegenaufgängen, wohlsortierten Regalen zu machen. Das brachte zwar nichts für das Geschäft, aber Bilder, die in alle Welt gingen. Wir haben einen Blick in die Verkaufsräume geworfen.

Servietten für den Sultan bei der "Schwäbischen Jungfrau"

Frau Vanicek hat viel zu erzählen. Sie kennt die Welt.  Ihr Geschäft beliefert Königshäuser und Sultanspaläste, bürgerliche Haushalte  und Prominente. Alle Kunden sind willkommen  in der 300 Jahre alten „Schwäbischen Jungfrau“ am Graben. Sie finden Servietten, Bettwäsche, Morgenmäntel,  Tisch- und Handtücher. Seit sie 21 Jahre alt ist, leitet Hanni Vanicek den Betrieb,  jetzt, mit 82, steht sie noch immer  im Geschäft.  Und sie liebt es. Ihr Anliegen: Die Traditionsbetriebe in Wien müssen erhalten bleiben.   
Zur Schwäbischen Jungfrau, 1., Graben 26

Die Lebensdauer des Knize-Sakkos? Ewig

Erst kam der Kaiser, dann Marlene Dietrich, Billy Wilder und Thomas Bernhard. 1858 von Josef Knize gegründet, ist der Herrenausstatter  immer noch Kult. Samt des von Adolf Loos gestalteten Geschäftslokals. Bis heute nahezu unverändert.  7.000 Nadelstiche liegen einem Knize-Maßanzug zugrunde.  Die Freude daran hält ewig. Oder zumindest 53 Jahre. So alt ist das Sakko, das Eigentümer Rudolf Niedersüß (im Bild mit seiner Frau Claudia) am liebsten trägt. Der Kundennachwuchs? Kommt via Krawattenbindekurse für Volksschüler.

Knize, 1., Graben 13

Lobmeyr: Der Familienbetrieb in sechster Generation

Lobmeyr-Luster  hängen in der Hofburg und  in der Metropolitan Opera,  aber als Luxus-Unternehmen will sich die  Glasmanufaktur  nicht verstanden wissen. 1823 gegründet, wird Lobmeyr   in sechster Generation als Familienbetrieb geführt. „Wir sind ein Handwerksbetrieb,“ sagt Andreas Rath, der die Firma heute mit seinen beiden Brüdern leitet.  Gestalter von  Hoffmann bis Stefan Sagmeister designten für Lobmeyr, gefertigt wird in Wien-Landstraße. Schwellenangst braucht trotz des noblen Ambientes niemand zu haben. Man kann   Gläser auch einzeln kaufen.

Lobmeyr, 1., Kärntner Str.  26

Jungmann & Neffe: Man zieht sich schließlich auch daheim ordentlich an

Man sieht dem Geschäft die Altehrwürdigkeit an: Seit 1866 gibt’s die Schneiderei Jungmann, an dieser Adresse seit 1881, wo ein Otto Wagner-Schüler das prächtige Lokal  entwarf. Jungmann-Nachkomme  Georg Gaugusch führt  Wiens ältestes  Stoffgeschäft seit 2005 mit seiner Frau, der Historikern Marie-Theres Arbom. So altehrwürdig das Geschäft daherkommt, so quirlig sind die Inhaber. Doch auf Etikette wird Wert gelegt: Lockdown hin oder her – man zieht sich auch daheim ordentlich an. Gern auch mit Mascherl, hier in den prächtigsten Farben zu haben.  

Wilhelm Jungmann & Neffe, 1., Albertinaplatz 3

Herr Schatzer weiß garantiert, was Sie brauchen

Sie brauchen Deckel ohne Topf? Topf ohne Deckel? Wer wissen will, was Nachhaltigkeit bedeutet, bekommt hier Anschauungsunterricht. Natürlich gibt es bei Herrn Schatzer auch die sprichwörtliche einzelne Schraube, die bei Bedarf liebevoll in ein Papierstanitzel gepackt wird. Mit derselben Aufmerksamkeit, als hätte man einen ganzen Werkzeugkoffer gekauft. Auch Ringschrauben, Karniesen, Mauerhaken, Einkochtrichter, Fondue-Sets oder Klobürsten hat der Eisen- und Haushaltswarenhändler im Angebot. Sollten Sie nicht wissen, was Sie brauchen: Herr Schatzer weiß es.

Grandia, 8., Josefstädter Str. 50

Dem Bernstein seine flotte Opernwäsch’ 

Bei Beatrix Weissels Mama war der Samstag der beste Tag. Früher sind da die Wiener „in die Stadt“ gegangen. Das hat sich zuletzt ein bisserl aufgehört. Jammern will Frau Weissel  aber keinesfalls. Die Stammkunden sind treu und  bei den Jungen  liegt Nachhaltigkeit im Trend. Bis zu vier Wochen wartet man auf ein Maßhemd, auch Leonard Bernstein geduldete sich   für seine Opernwäsche.  1948 begann Frau Weissels Opa mit  den Wäschewaren: Hemden, Damenblusen, Nachtwäsche. Heute schneidern  sechs Näherinnen   in der Werkstatt im Dritten von Hand, verkauft wird im Ersten.

Wäscheflott, 1., Augustinerstr. 7

Briefpapier ist jetzt bei König & Ebhart der große Renner

Mehr als ein Dutzend verschiedene Tinten hat Gerhard Binder im Angebot. Das trifft sich gut, die Wiener  schreiben gern. 18.000 Produkte auf 35 Quadratmetern gibt’s hier,  die Regale der Papierfachhandlung König & Ebhardt sind bis oben voll, Inhaber  Binder weiß erstaunlicher immer, wo was ist. Nach dem ersten Lockdown hat man gemerkt, den Leuten war fad. Briefpapier haben sie gekauft (hier gibt’s besonders schönes aus Florenz) und Ordnungsmappen. Manche Leute kommen übrigens nur, weil Papier so gut riecht.   

Papier & Schreibwaren König & Ebhardt, 1., Wollzeile 17

Frau Witek kennt die Kunden beim Namen

Seit 58 Jahren steht Maria Witek jeden Tag im Geschäft. An Pension denkt die 84-jährige Geschäftsfrau  nicht. Als  sie 1962 ihre Parfümerie  eröffnete, sah es in Innenstadt noch anders aus. Es gab keine U-Bahn, keine Fußgängerzonen und es gab auch noch keine internationalen Ketten, die Europas Innenstädte  so verwechselbar gemacht haben. Was Maria Witek  so  unverwechselbar macht? Beratung und  Persönlichkeit. Sie kennt alle Kunden beim Namen und sieht auf den ersten Blick, wem welches Parfüm steht.  

Parfümerie Witek, 1.,  Köllnerhofgasse 2

Handelsbetriebe in Wien, die die Besitzer selbst führen, sind rar geworden. Und es sind noch weniger, die mehr als eine Generation überdauern. Aktuell zählt die Wirtschaftskammer 5.000 mit bis zu 50 Mitarbeitern in ganz Wien. Nur 11 Prozent aller Wiener Handelsunternehmen bestehen länger als 30 Jahre. In der Wiener Innenstadt sind übrigens 38 Prozent der Geschäfte Filialen. Leerstände gibt es im Herzen der Stadt kaum. Die A-Lagen sind trotz Corona-Krise nachgefragt.

Also dann, ein schönes Einkaufen, auf Wiedersehen und „Meine Empfehlung, gnädiger Herr“.

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