Chronik | Wien
07.03.2018

Der Wiener Bezirk Favoriten: "Wunderschön" statt kriminell

Nach der Videokritik eines ungarischen Ministers entdeckt Wien die Liebe zum 10. Bezirk.

So viel Lob hatte man über Wien-Favoriten lange nicht gehört: Galt der 10. Bezirk einst eher als bodenständige Wohngegend, wurden Stadtpolitiker am Mittwoch nicht müde, Favoritens Vorzüge zu loben. Von einem "wunderschönen Bezirk" sprach etwa Wirtschaftsstadträtin Renate Brauner (SPÖ). Und Favoritens SPÖ-Bezirksvorsteher Marcus Franz nannte ihn gar den "beliebtesten Wohnbezirk in der lebenswertesten Stadt der Welt".

Der Grund dafür: Der ungarische Kanzleramtsminister János Lázár hatte in der Nacht auf Mittwoch ein Video auf seiner Facebook-Seite veröffentlicht, in dem Wien als "schmutzig, unsicher und höchst kriminell" dargestellt wird. Der Schauplatz des Videodrehs wird im Film zwar nicht namentlich genannt, es handelt sich aber um Favoriten.

Im Grunde zeigt das (mittlerweile vom Netz genommene) Video vor allem Lázár selbst, der über die vermeintlich schlimmen Zustände referiert. "Weiße, christliche" Bewohner seien weggezogen, nun würden Müll, Schmutz und Gewalt dominieren. Lázár ist von der rechtskonservativen Regierungspartei Fidesz. Und schuld an den unschönen Zuständen seien – wie könnte es aus Sicht von Rechtspopulisten auch anders sein – die Zuwanderer. Daher warnt Lázár: Siege die Opposition am 8. April bei den Parlamentswahlen in Ungarn, werde Budapest in 20 Jahren aussehen wie Wien.

"Verwundert, entsetzt"

Wiener Stadtpolitiker reagierten naturgemäß verärgert: "Ich bin verwundert und entsetzt, dass man Wien so herabwürdigt", betonte etwa Brauner. Sie sage das nicht nur "als gebürtige Favoritnerin und stolze Wienerin" – das Video sei fremdenfeindlich und inhaltlich falsch: So gebe es in Favoriten eine der größten Fachhochschulen Österreichs und mit Oberlaa eine der modernsten Stadtthermen Europas. "Außerdem leben mehr als 21.000 Ungarn in Wien. So schlimm kann die Stadt nicht sein", lautete Brauners Nachsatz.

Bezirksvorsteher Franz betonte, dass es die meisten Suchanfragen beim Immobilienportal "FindMyHome" im Vorjahr für Wohnungen in Favoriten gab. Der Bezirk sei "jung und dynamisch". Er heiße Lázár in Favoriten herzlich willkommen – "ich bitte ihn aber, seinen Wahlkampf im eigenen Land zu belassen".

Auch die FPÖ äußerte sich kritisch über das Video: "Vieles in Wien ist verbesserungswürdig, auch die Integrationspolitik", erklärte Vizebürgermeister Dominik Nepp. Dennoch empfinde er das Video als "unangemessen".

Doch was sagen die Favoritner selbst? Sei der Bezirk tatsächlich dreckig und gefährlich? "Ja", erwidert ein Passant auf die Frage des KURIER-Reporters, bevor er schnell weitergeht.

Andere sehen die Lage jedoch optimistischer. Der 88-jährige Heinz Schlosser etwa widerspricht der Video-Botschaft zum Teil: Wien sei nicht dreckig. "Der soll sich bei sich in Budapest in den Slums einmal umschauen." Das mit dem Migranten sei eine andere Geschichte, die Kritik habe zum Teil ihre Berechtigung.

"Schmutzig? Das finde ich gar nicht", sagt wiederum Passantin Sabine Alioska. Auch gefährlich sei es keineswegs.

Das sieht auch 28-jährige Marina Zack so: "Unsicher ist es hier nicht. Ich kann hier auch in der Nacht spazieren gehen, und ich bin hier noch nie blöd angemacht worden." Die Leute seien friedlich, und gefährlich sei es in Favoriten keineswegs, sagt auch Richard Kurz, der mit seiner Frau durch den Bezirk spaziert.

Das bestätigt auch Blumenverkäufer Rudi: "Nein, gefährlich ist es nicht, und unseren Stand hier haben wir seit einer Ewigkeit und drei Tagen. Gefährlich ist da gar nix." Ob man Budapest und Favoriten vergleichen könne? "Gegen Budapest ist unser Quellenplatz ja Hollywood", scherzt er.