Chronik | Wien
28.06.2017

Der "Schwarzfeind" Nummer eins

Was reitet jemanden, der auf der U-Bahn surft? Der KURIER hat den jungen Mann getroffen.

Er kommt zu spät. "Tut mir wirklich leid", sagt er. "Ihr werdet nicht glauben, was mir passiert ist. Ich bin in eine Fahrscheinkontrolle in der U-Bahn gekommen und musste aussteigen." Der junge Mann, nennen wir ihn Tom, legt großen Wert auf Anonymität. Die Wiener Linien etwa würden nur allzu gern wissen, wie sein Name lautet: Denn in der Vorwoche wurde ein Video veröffentlicht, in dem er auf einer fahrenden U-Bahn surft. "Lebensgefährlich", nennen das die Wiener Linien und prüfen rechtliche Schritte. "Aktionismus", sagt Tom dazu. "Nur, dass wir eben nicht im Atelier stehen oder uns am Boden wuzeln."

Aufforderung

Tom gehört zu den "Schwarzfahrern", einer Gruppe junger Leute, die das Schwarzfahren zum Programm gemacht haben. Die Aussage eines Wiener-Linien-Sprechers, dass es unmöglich sei, auf dem Dach einer U-Bahn zu surfen, nahmen sie als Aufforderung. Der Rest ist Video-Geschichte.

Vor einigen Jahren ärgerten sie die Wiener Linien mit einem "Weltrekordversuch", bei dem sie das gesamte U-Bahn-Netz abfuhren – natürlich ohne Ticket.

Der KURIER traf Tom bei einem Würstelstand in einer U-Bahn-Station. Dort, wo sich Männer schon morgens Bier statt Kaffee bestellen.

"Ich hatte noch nie eine Jahresticket", sagt Tom, ein waschechter Wiener. "Schon als Schüler nicht." Damals habe er die Frist zur Beantragung der Freifahrt versäumt. Seither ist er ein Meister im Rausreden. "Dreistigkeit setzt sich durch", meint er. "Bei Kontrollen bin ich charmant, aber bestimmt. Damit fahre ich recht gut." Drohungen mit der Polizei sieht er sportlich. "Die hat Besseres zu tun. Und so lange wollen auch die Kontrolleure nicht warten." Die meisten kennt er übrigens ohnehin schon vom Sehen.

Für die jüngste Aktion gab es nicht nur Zustimmung. "Da haben Leute geschrieben, ich soll runterfallen und sterben. Das lässt schon tief in die Seele blicken. Für solche Menschen bin ich gern der Schwarzfeind Nummer eins."

Dass die Surfaktion tatsächlich lebensgefährlich war, ist Tom bewusst. "Es gab im Video auch den Hinweis, dass wir keine Nachahmer haben wollen. Aber wir haben das akribisch geplant. Ich bin die Strecke (Heiligenstadt-Spittelau, Anm.) vorher etliche Male gefahren und habe getestet, wo Wellen und Weichen sind." Bei einer Testfahrt am Dach habe er Gegenwind und Geschwindigkeit geprüft.

Freifahrt

Auf dem Video ist er mit einer rot-schwarzen, wehenden Fahne zu sehen. "Die Farben sind bewusst gewählt." Er selbst bezeichnet sich als regierungskritisch. "Die Fahne zeigt unsere kritische Haltung gegen das System." Ginge es nach Tom, sollten die Öffis frei zugänglich sein. "Auch für Menschen ohne Geld."

Schwarzfahren sei nicht die "entspannteste Art, ein Fahrzeug der Verkehrsbetriebe zu nützen." "Aber das Netz ist super ausgebaut in Wien. Da brauchst du kein Auto."

Die nächste Aktion sei übrigens schon in Planung. "Ideen haben wir genug", meint Tom. Welche? "Lass dich überraschen", sagt er und steigt wieder in die U-Bahn ein. Ohne Ticket.

Tödlicher Leichtsinn

Dieser politische Aktionismus der Schwarzfahrer ist brandgefährlich und durch nichts zu rechtfertigen. Öffis sollten gratis sein, daher irrt seit Jahren eine Gruppe junger Wiener Schwarzfahrer mit der U-Bahn durch die Stadt. Bisher konnte man das Katz-und-Maus-Spiel zwischen den Schwarzfahrern und Schwarzkapplern vielleicht noch mit etwas Amüsement verfolgen. Manchmal wurde einer erwischt. Das gehört dazu.


Doch jetzt geht die Gruppe deutlich zu weit. Auf dem Dach der U-Bahn zu surfen, ist absolut lebensgefährlich. Ja, hier begibt sich einer in Todesgefahr, um nachher seinen wirren Protest zu formulieren.


Auf diesen in den sozialen Netzwerken zur Schau gestellten Aktionismus kann Wien verzichten. Denn die ganze Sache birgt die Gefahr der Nachahmung durch verwirrte Geister in sich. Da nutzt auch kein Hinweis, einen derartigen brandgefährlichen Unsinn zu unterlassen.


Daher der Appell an die Gruppe, hören Sie damit auf, bevor wir beginnen müssen, Tote zu zählen. Und wir Sie dafür verantwortlich machen.

michael.jaeger@kurier.at