Chronik | Wien
13.11.2016

Der Islam verbietet das Händeschütteln nicht

Mit seinen Filmen vermittelt ein Wiener Imam zwischen Muslimen und Andersgläubigen.

Die Empörung war groß, als ein Islam-Lehrer eines Vorarlberger Gymnasiums Frauen den Handschlag verweigerte. Kolleginnen und Mütter fühlten sich vor den Kopf gestoßen und brachten die Causa heuer im Sommer an die Öffentlichkeit. Einzelfall war das freilich keiner. Das Thema „Händeschütteln zwischen Männern und Frauen“ ist unter Muslimen ein heiß diskutiertes – sorgt es im Umgang mit Andersgläubigen doch oft für Irritationen.

Grund genug für Tarafa Baghajati, mit „Islamische Botschaften 13" ein Aufklärungsvideo auf YouTube zu stellen, das sich an Muslime und Nicht-Muslime gleichermaßen richtet. Und wie auch in seinem Film über die vermeintliche Hunde-Phobie im Islam, mit dem der syrischstämmige Obmann der „Initiative Muslimischer Österreicher“ (IMÖ) international Schlagzeilen machte, empfiehlt er beiden Seiten: Gelassenheit.

Zum einen sei die Verweigerung des Händeschüttelns keineswegs als Beleidigung oder Ablehnung zu verstehen – sondern als andere Vorstellung von Höflichkeit (und das nicht nur bei Muslimen, sondern zum Beispiel auch in Japan oder unter orthodoxen Juden). Zum anderen stehe ein Handschlag zwischen Mann und Frau aber in keinerlei Widerspruch zum Islam.

Nicht haram

„Im Koran steht dazu nichts“, sagt Baghajati, der als Imam das Thema auch in seine Predigten einbaut. Wohl sei überliefert, dass der Prophet Mohammed in Medina einen mündlichen Vertrag mit Frauen eingegangen sei – dies bedeute aber nicht, „dass Händeschütteln deshalb automatisch haram (verboten) ist“.

Und auch die von konservativen Rechtsgelehrten gern bemühte Aussage des Propheten, wonach ein Mann „besser mit einem Eisenstachel in den Kopf gestochen wird, als dass er eine Frau berührt, die er nicht berühren darf“, sei kein Argument gegen das Händeschütteln. „Gemeint ist hier nämlich die sexuelle Berührung. Somit ist es eine Botschaft gegen sexuelle Belästigung“, erläutert Baghajati.

Zudem sei dieser Hadith (Erklärung des Propheten; Anm.) weniger authentisch als die Hadith-Sammlungen Al-Buchari und Muslim. Und in Ersterer stehe, dass sich Mohammed von jungen Frauen an der Hand herumführen ließ. „Das wird von Kritikern aber gern unter den Tisch fallen gelassen.“

Theologisch herleitbar ist die Verweigerung also nicht. Dennoch nehmen traditionell erzogene Muslime vom Händeschütteln zwischen Mann und Frau Abstand, weil sie gelernt haben, das gehöre sich nicht. „Es geht um die Sorge, dass der Kontakt zu sexueller Erregung führen könnte“, sagt Baghajati. „Durch diese übertriebene Vorsicht und Tabuisierung kann es allerdings umgekehrt zu einer Übersexualisierung kommen.“ Ist doch nichts so reizvoll wie das Verbotene.

„Locker bleiben“

„Es gibt aber keinen Zusammenhang zwischen Höflichkeit bei der Begrüßung und sexueller Begierde.“ Baghajatis Empfehlung an Muslime lautet daher: „Locker bleiben! Das Händeschütteln ist ein Entgegenkommen gegenüber der Mehrheitsgesellschaft. Das Missverständnis, dass hier eine Respektlosigkeit oder Beleidigung vorliege, ließe sich leicht vermeiden. Wenn Ihnen eine Hand entgegengestreckt wird – ergreifen Sie sie.“

Und die Empfehlung an Nicht-Muslime: „Wenn es doch einmal passiert, dass der Handschlag verweigert wird: das ist kein Weltuntergang, bitte nicht überbewerten.“

Selbiges empfiehlt auch die Islamische Glaubensgemeinschaft (IGGiÖ) - auch dort rät man zu Gelassenheit. Und man registriert unter den Mitgliedern eine gesteigerte Sensibilität in der Thematik. "Immer mehr Muslime erkennen die Problematik und reflektieren. Es gibt zwar keine empirischen Studien, aber man bemerkt schon, dass es da viel Bewegung gab: Die Leute sehen das Händeschütteln heute entspannter als noch vor 15 bis 20 Jahren", meint Frauenbeauftragte Carla Amina Baghajati (sie ist die Ehefrau von Tarafa Baghajati). "Vielen wird bewusst, dass es dabei um nichts Anstößiges geht und dass sie in keinen religiösen Konflikt geraten, wenn sie ihr Verhalten gegenüber ihrem Ursprungsland ändern."