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Chronik Wien
02/02/2021

Der große Bruder: Ein neuer Abt im Schottenstift

Nikolaus Poch ist der neue Abt des Wiener Stadtklosters. Wie ihn seine Familie prägte und wie er künftig mehr Öffentlichkeit im Kloster zulassen will.

von Nina Oezelt

„Wenn Fiakerfahrer hier vorbeifahren, erzählen sie meist, dass hier einmal Benediktinermönche gelebt haben“, erzählt Nikolaus Poch. Dabei sind die Mönche noch immer da –  und Poch, demnächst 56, ist ihr neuer, frisch gewählter Abt. 

„Eine eigene Wohnung hatte ich tatsächlich nie“, sagt er, während er durch das  Kloster mitten im Stadtzentrum von Wien führt. Schon als Student lebte er im Kloster. Der Geistliche wuchs in Dornbach auf und besuchte selbst das traditionsreiche Schottengymnasium, das sich auch im Klosterkomplex auf der Freyung befindet.

Schottenstift-Kloster

Das Schottenstift-Kloster bei der Freyung gilt als eines der ältesten Klöster Wiens. Im Mittelalter wurde es die Benediktinerabtei „Unserer Lieben Frau zu den Schotten“ von den Babenbergern gegründet.

Denkmal Babenbergerherzog Heinrich II. Jasomirgott

1155 wurde es gestiftet von Babenbergerherzog Heinrich II. Jasomirgott. Er berief der Regensburger Benediktinerabtei St. Jakob nach Wien. „Scoti“ sagte man im Mittelalter, auch zu den Iren auf lateinisch, daher der Name „Schottenstift“. Noch heute finden eine besondere St. Patricks-Feier dort statt

Schottenpfarre

Im Kloster befindet sich die Schottenkirche, das Schottengymnasium mit Hort und der Schottenkindergarten. Es gibt ein Museum, eine Bibliothek, eine historische Schriftensammlung und auch einen Klosterladen. Dort werden Marmelade, Kosmetika und Obst aus eigenen Anbau der Benediktiner oder religiöse Gegenstände verkauft.

Kirche aus dem 17. Jahrhundert

Mehr als zwanzig Jahre war der neue Abt Pfarrer in der Schottenkirche. Zuletzt war P. Nikolaus als Pfarrer in St. Ulrich (7. Bezirk) und als Novizenmeister tätig.

Am Weg zur Krypta

In der Krypta unter der Kirche befinden sich das Grab von h das Grab von Heinrich II. Jasomirgott und seiner zweiten Frau Theodora.  

Krypta

Unter der Barockkirche befinden sich auch die Gräber der Mönche.

Im Kloster

Lange Gänge findet man im Klosterinneren.

Johanneskapelle

Im Inneren des Klosters befindet sich die Johanneskapelle.

Damals war es nur für Knaben. Seit 2004 ist die Privatschule auch für Mädchen zugänglich. „Als streng habe ich die Schulzeit nie empfunden, eher weltoffen“, sagt Poch. Und dass seit nunmehr 17 Jahren  auch Mädchen in diese Schule gehen dürfen, fand er „gut“, wie er sagt.

Als Kind wollte Poch Entwicklungshelfer werden, mit dem Kloster war er aber schon immer familiär verbunden. „Mein Vater arbeitete hier, er war zuständig als Steuerberater der Klöster in Österreich“, sagt er und zeigt auf einen Teil des Komplexes, wo der Vater oft zu finden war. Die geistliche Führung der Benediktiner an der Schule habe ihn maßgeblich geprägt.

Die Schotten waren Iren
Die Benediktinerabtei „Unserer lieben Frau zu den Schotten“  wurde von den Babenbergern gegründet. 1155 berief Herzog Heinrich II. Jasomirgott iro-schottische Mönche aus der Regensburger Benediktinerabtei St. Jakob nach Wien. „Scoti“ nannte man die Iren, daher der Name „Schotten“. 1418 kamen heimische Benediktiner aus Melk

ÖVP-Gründungsort
Am 17. April 1945 trafen sich Politiker wie Leopold Figl, Julius Raab und Felix Hurdes dort, um den 74-jährigen christlichen Arbeiterführer Leopold Kunschak  zu ihrem Parteichef zu wählen

Kaffeehaus im Kloster
2016 eröffnete der junge Johann Diglas hier sein Café Diglas. Besonders schön ist der Gastgarten im Innenhof – man sitzt zwischen alten Linden

Tatort Schottenstift
1993 wurde im Schottenstift der Frauenmörder Alfred Engleder ermordet. Er wurde zu lebenslanger Haft verurteilt. Nach 26 Jahren kam er frei und wurde im Kloster  aufgenommen. Dort wurde er später von einer Prostituierten erstochen

Neuer Abt bis zum Jahr 2033

Am Montag der Vorwoche wurde im Schottenstift Pochs Zukunft besiegelt. Zwei Äbte reisten an, auch der Abtpräses der Benediktiner war da, so wie alle 13 Mönche des Klosters (acht davon leben im Kloster, die anderen in Pfarren), um einen neuen Abt (lateinisch „abbas“ steht für Vater; Anm.), Leiter des Klosters, zu wählen.  Zuerst wird entschieden, für wie lange die Wahl erfolgt – für eine Periode von zwölf Jahren oder auf Lebenszeit. Dann wird der Abt gewählt.


Poch wurde – per Urnengang – von einer Mehrheit  zum neuen Abt des Schottenstiftes gewählt: auf zwölf Jahre. Er folgt damit – ab 22. März offiziell – auf Johannes Jung, dessen zwölfjährige Amtszeit abläuft.

Gewählt wird der Abt aus all jenen, die dafür theoretisch in Frage kommen (man muss Priester sein und vor mindestens 5 Jahren die ewige Profess, also das Gelübde, abgelegt haben; Anm). „Überraschend war es schon“, sagt der neue Abt.

Aber er habe schon so etwas geahnt. Auf dem Weg durchs Kloster – vom Innenhof mit den großen Linden vorbei am Schottenstift-Kindergarten bis zur Schule – wird der Geistliche unentwegt gegrüßt. „Wir freuen uns sehr über deine Wahl“, sagt etwa eine Lehrerin, die im Hort arbeitet. Den Pater kennen hier alle beim Namen – und auch er kennt alle. 

Die Bibliothek

Ein expliziter Bibliotheksraum wurde um 1450 eingerichtet. Im Zuge des Neubaus des Konventgebäudes (1828 bis 183) entstand die heutige Bibliothek nach Plänen des Architekten Josef Kornhäusl im klassizistischen Stil.

Alte Schriften

Die Handschriften- und Inkunabelsammlung, die vom Stiftsarchiv betreut wird, umfasst rund 740 Codices, von denen rund 400 mittelalterlich sind, sowie rund 440 Inkunabeln in rund 380 Einzelbänden.

Sammlungen

Zu diesem Bestand zählt auch die Fragmentensammlung, in der sich mittelalterliche lateinische, deutsche, hebräische und liturgische Fragmente finde

Festsaal

Der Festsaal des Klosters wird auch für externe Veranstaltungen vermietet.

Das Dach der Bibliothek

Die Räumlichkeiten der Bibliothek sind ein Highlight bei Führungen durch das Kloster. Sie finden - normalerweise - jeden Samstag statt.

Modell des Vatikans

In der Bibliothek befindet sich auch ein Modell des Vatikans.

Bücher ausleihen

Bücher können für Studien ausgebort werden. Ein Katalog ist derzeit aber nicht verfügbar.

In der Krypta zeigt er das Grab des Paters, der ihn das Mönchsleben  lehrte, und den geheimen Gang, der einmal unterirdisch zum Stephansdom führte. Auf dem Weg zum Stiftsarchiv wird klar, wie wichtig seine Familie für seinen Werdegang war.

Als Ältester von fünf Geschwistern lernte er Toleranz: Ein Bruder wurde Arzt, der zweite lebt als Aussteiger in Brasilien, der dritte ist Kunsthistoriker in der Nationalbibliothek und seine  Schwester wurde Psychologin (wie die Mutter).  Der große Bruder, das ist auch etwas, das ihm bei seiner Amtsausführung als Abt vielleicht helfen wird.

Prägend waren aber auch die Jugendwochen im oberösterreichischen Benediktinerkloster Kremsmünster. Und der Jugendkeller, der zu seiner Schulzeit im Untergeschoß des Schottengymnasiums eingerichtet war.  

Messen und Feiern wurden dort liberaler abgehalten.Vorbild für Poch war auch sein Großonkel Alexander. Er war Pfarrer der Leopoldskirche im 2. Bezirk und leistete Widerstand im Nationalsozialismus. Heute ist ein Platz im 2. Bezirk nach ihm benannt.

Eine eigene Wohnung hatte ich tatsächlich nie. Nach der Schulzeit im Schottengymnasium lebte ich als Student im Kloster.

Abt Nikolaus Poch

Die Entscheidung, Theologie zu studieren, traf Nikolaus Poch dennoch spontan: „Ich war im 43er auf dem Weg zur Inskription für das Medizinstudium, aber in letzter Sekunde entschied ich mich doch für die Theologie.“ Mit 20 Jahren ging er schließlich ins Kloster.

Zweifel gab es kaum, nur ein mulmiges Gefühl als all seine Freunde heirateten. Nach seinem Noviziat (die Probezeit des Ordenslebens; Anm.) legte er 1989 die ewige Profess  ab. 1994 wurde er zum Priester geweiht. Danach war er zwanzig Jahre Pfarrer der Schottenpfarre, bevor er in die Pfarre St. Ulrich kam. 

Finanzielle Verantwortung

Auch als Abt wird er künftig in der Klausur wohnen. Dort, wo die Äbte früher gewohnt haben, sind heute nämlich Kunstschätze  ausgestellt. Die Abtwohnung ist zum Klostermuseum geworden. Pochs Lieblingswerk:  der berühmte Schottenaltar. Das Bild aus dem Mittelalter zeigt eine der ältesten Ansichten auf Wien und die „Flucht aus Ägypten“. 

„Das ist auch heute Thema“, sagt er.  2015 nahm die Schottenpfarre  eine afghanische Flüchtlingsfamilie auf, für sie wurde später eine Wohnung im Stift gefunden. Flüchtlingen zu helfen, sagt Poch, werde ihm weiter ein Anliegen sein.

Stiftsmuseum

Das Museum ist in den Räumen der ehemaligen Abtwohnung eingerichtet.

Die Schottentafel

Kostbarster Schatz sind die Tafeln des sogenannten Schottenaltars, eines Hauptwerks der gotischen Tafelmalerei.

Der Abt und sein Lieblingsausstellungsstück

Auf zwei der Tafeln sieht man, wie Wien um 1470 ausgesehen hat: Es sind die ältesten topographischen Darstellungen der Stadt. Hier sieht man "Die Flucht aus Agypten".

Museum

Der Besuch des Museums kostet 7 Euro.

Die Flucht aus Agypten

Das mittelalterliche Wien als Hintergrund für die biblische Darstellung der flüchtenden heiligen Familie. Die Stadt ist von Süden her gesehen und zeigt neben dem mittelalterlichen Wien mit St. Stephan und der Stadtmauer besonders die an die Stadt heranreichenden Vorstädte (hier die Kärntner Vorstadt und Wieden)

Grundsätzlich liegt in der Verantwortung des Abtes vor allem die Wirtschaftsführung  aller Besitze des Stiftes. Dazu gehört das Schottengymnasium, die Schottenpfarre und andere Pfarrgemeinden (wie St. Ulrich oder Stammersdorf), die 530 Hektar Land- und Forstwirtschaft (Obst-, Acker- und Weinbau), die Vermietung und Verpachtung von Immobilien, der Klosterladen, das Stiftsmuseum und das Gästehaus  (85 Euro pro Nacht) sowie das pastorale und kulturelle Engagement der Abtei.

Entscheidungen muss der Abt aber nicht alleine treffen. Das erfolgt gemeinsam in der Vollversammlung der Mönche, dem Seniorenrat.

Wohin Abt Nikolaus das Kloster künftig führen möchte?

Er will es noch mehr für die Öffentlichkeit zugänglich machen. Der Digitalisierung ist er jedenfalls nicht abgeneigt,  er stellt eigene YouTube-Videos  online. Etwa: „Gedanken zum Evangelium“.  

Die Fiakerfahrer werden also bald mehr über die Mönche zu berichten haben.

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