Chronik | Wien
13.03.2014

Das "mulmige Gefühl" im Zug

Zu wenige Securitys und Schaffner, da fühlen sich viele Frauen nicht besonders sicher.

Sexuelle Belästigung, Übergriffe, Angst – das sind die Situationen, denen sich 39 Prozent der Frauen auf Bahnhöfen und in Zügen ausgesetzt fühlen. Das besagt eine Studie des Wiener Instituts für Verkehrswesen der Universität für Bodenkultur Wien. Glaubt man den ÖBB, kann das so nicht stimmen. Laut Konzernsprecher Michael Braun gibt es genügend Sicherheitspersonal. Besonders auf die umfangreiche Videoüberwachung ist man stolz. Alles sei sicher.

Als der KURIER sich auf eine abendliche Tour über Wiens Bahnhöfe aufmacht, ergibt sich in Gesprächen mit Pendlerinnen aber ein anderes Bild. Startpunkt des Lokalaugenscheins ist die Schnellbahn-Station am Matzleinsdorfer Platz. Es ist 18 Uhr, die Nacht bricht langsam herein. Auf dem Bahnsteig ist weit und breit kein Security zu sehen. Im Zug Richtung Wien-Meidling sitzen einige Frauen, von einem Schaffner fehlt jede Spur.

Ausgeliefert

Am Bahnhof Meidling sitzt Tanja Egert, die täglich um 19 Uhr auf ihren Zug wartet. "Ich muss bis nach Deutsch-Wagram. Bei den letzten Stationen sind oft nur mehr zwei oder drei Leute im Waggon. Da bekomme ich ein mulmiges Gefühl. Man fühlt sich irgendwie ausgeliefert", erzählt die 18-Jährige. In den vielen Jahren, in denen sie schon in die Schule pendelt, hat sie höchstens ein oder zwei Mal einen Schaffner in der Schnellbahn gesehen.

Genau das kritisiert Roman Hebenstreit. Der ÖBB-Konzern-Betriebsratschef meint, dass die eingesetzte Videoüberwachung alleine nicht reiche. "Gewalttätige und zwielichtige Gestalten können nur mit Sicherheitspersonal abgeschreckt werden. Ob sie gefilmt werden, ist solchen Menschen egal."

Auf rund 50 Prozent der Streckenabschnitte in Österreich gibt es keine Schaffner mehr. Also ist der Lokführer für die Sicherheit zuständig. Wie man gleichzeitig brenzlige Situationen lösen und einen Zug fahren soll, bleibt offen. Laut Hebenstreit liegen derzeit drei Anzeigen gegen Lokführer vor – wegen unterlassener Hilfeleistung.

Für die ÖBB ist aber alles im Lot. Es gibt schließlich nur wenige Anzeigen. Doch das hat andere Gründe. Im Frauenministerium heißt es, dass sexuelle Belästigung oder kleinere Übergriffe fast nie angezeigt werden. Vorkommen tun sie aber sehr wohl. "Man wird öfter von komischen Typen blöd angemacht", sagt auch Pendlerin Miriam Steinkellner, die täglich zum Praterstern fährt.

Letzte Station des Abends ist der Westbahnhof. Dort fallen einem zum ersten Mal zwei Sicherheitskräfte auf. Insgesamt vier Securitys für einen derart großen Bahnhof sind aber anscheinend zu wenig. Alle Pendlerinnen, mit denen der KURIER vor Ort redet, fühlen sich nicht besonders sicher.

Schaffner: Auf jedem zweiten Streckenabschnitt in Österreich ist nur mehr der Lokführer Ansprechperson im Zug. Im Notfall ist es seine Aufgabe, die Züge zu evakuieren und Erste Hilfe zu leisten.

Videoüberwachung: 50 Prozent der österreichischen Bahnhöfe sollen bis 2015 erneuert und mit Videoüberwachung ausgestattet werden. Derzeit gibt es nur auf großen Bahnhöfen und in neuen Zügen Kameras.

Sicherheitspersonal: Im Bahnhof Meidling sind zwei Sicherheitsmitarbeiter ständig im Dienst. Auf dem Westbahnhof sind es vier. Laut ÖBB gehen aber auch die Mitarbeiter des Kundendienstes "auf Streife".

Ich bin schon öfter blöd angemacht worden

Miriam Steinkellner, Bahnhof Praterstern: "Ich pendle täglich vom Bahnhof in Meidling bis zum Praterstern und zurück. Die Ergebnisse der Umfrage wundern mich nicht. Ich bin selber schon öfter blöd angemacht worden. Solche Situationen kommen vor allem am Abend vor. Das ist natürlich unangenehm. Aber ich versuche das zu ignorieren."

Tanja Egert, Bahnhof Wien-Meidling: "Ich fahre immer mit der Schnellbahn von Meidling bis nach Deutsch-Wagram. Am Ende der Strecke sind die meisten schon ausgestiegen, dann ist man eigentlich ausgeliefert. Da bekomme ich schon oft ein mulmiges Gefühl. Außerdem finde ich zwei Securitys für so einen großen Bahnhof wie Meidling viel zu wenig."

Martine Neumayer, Westbahnhof: "Ich habe meinen Zug verpasst und warte jetzt bis 21 Uhr auf den nächsten. Gerade habe ich mir gedacht, dass sich viele zwielichtige Gestalten in und vor dem Gebäude herumtreiben. Ich versuche eigentlich ohne Vorbehalte auf Menschen zuzugehen, aber in manchen Situationen fühlt man sich einfach unwohl."