Chronik | Wien 05.12.2011

Das "Mörderhaus", die FPÖ und der ORF

Die FPÖ wettert gegen eine Einrichtung für abnorme Rechtsbrecher in Hernals und gegen den ORF, weil dieser nicht darüber berichtet.

Diese Leute haben eine zweite Chance verdient", sagt Milos Grubac. Der junge Wiener steht vor jenem Haus, das die FPÖ seit Donnerstag als das "Mörderhaus" von Hernals verunglimpft. In dem unscheinbaren Gebäude nahe der Hernalser Hauptstraße werden geistig abnorme Rechtsbrecher, die für ihre Taten in der niederösterreichischen Justizanstalt Göllersdorf gebüßt haben und die kurz vor einer Entlassung stehen, vom Verein Wobes behutsam auf ein Leben nach dem Häfen vorbereitet. Seit mehr als zehn Jahren läuft das Projekt erfolgreich. Doch am Montag kam es zu einem Zwischenfall. Zwei Klienten, 14 und 21 Jahre alt, gerieten in Streit, der in einer Messerstecherei mündete. Einer der beiden Burschen musste ins Spital.

Topsecret?

Der Vorfall ruft den Wiener FP-Chef Johann Gudenus auf den Plan. "Es werden völlig unkontrolliert gemeingefährliche Menschen auf die Wiener und deren Kinder losgelassen", poltert er. Und zwar ohne, dass die Nachbarn von dem Projekt Bescheid wüssten. "Das stimmt definitiv nicht", kontert Cornelia Leitner, die Sprecherin der Vollzugsdirektion. "Als das Projekt startete, wurden die Anrainer sehr wohl informiert. Bisher liegen keinerlei Beschwerden vor." Selbstverständlich sei der Vorfall vom Montag bedauerlich, "aber die Aussagen der FPÖ sind deutlich überzogen".

Einrichtungen wie jene in Hernals gibt es laut Leitner übrigens in allen Bundesländern. In Wien seien es knapp zehn. "Und das Projekt hat sich sehr bewährt."

Kindergarten in der Nähe

Was die FPÖ besonders wurmt: Nahe dem Haus befindet sich ein Kindergarten. "Uns stören diese Nachbarn ganz und gar nicht", sagt die junge Betreuerin, während im Hintergrund die Kinder Mittagsschlaf halten. Die FPÖ sieht das anders. Sie hat Anfragen in Gemeinderat und Parlament angekündigt.

Schon einmal führte eine ähnliche "Mörderhaus"-Kampagne übrigens zum Aus einer in Meidling geplanten Einrichtung. Die damalige Justizministerin Karin Miklautsch bedauerte "die gezielte mediale Fehlinformation und das Streuen von Skandalen in der Bevölkerung sehr". Die Ministerin stammte übrigens aus den Reihen der FPÖ.

"Tage gezählt"

Einen Tag nach der freiheitlichen Pressekonferenz, geht der Streit um das vermeintliche "Mörderhaus" in die nächste Runde. Die Wiener Blauen haben sich zeigen sich erbost, weil das Wiener ORF-Landesstudio nicht über die PK berichtet hat. Landesparteisekretär Hans-Jörg Jenewein ortete einen "Mörderhaus-Maulkorb" und attackierte den Chefredakteur des Wiener Landesstudios, Paul Tesarek frontal. Vom ORF wurde die Kritik postwendend "auf das Schärfste" zurückgewiesen.
"Es ist unfassbar, wie die Roten Paul Tesarek an der Leine herumführen dürfen", zeigte sich Jenewein empört. Immerhin habe Tesarek den für "Wien heute" geplanten Beitrag streichen lassen. Jenewein bezeichnete Tesarek als "Pseudo-Journalisten", der in Wahrheit "nur ein Werkzeug der Wiener Sozialisten" sei. "Der ORF braucht richtige Journalisten, nicht willfährige Parteisoldaten. Und dann fiel jener Sager, der selbst ORF-Chef Alexander Wrabetz auf's Tapet rief. "Die Tage des Herrn Tesarek sind gezählt", prophezeite Jenewein.

ORF-Chef kontert

Nachbar Grubac: "Diese Leute haben eine zweite Chance verdient"
© Bild: KURIER/Gantner

Die Reaktion des ORF ließ nicht lange auf sich warten. Generaldirektor Alexander Wrabetz wies persönlich die Anschuldigungen "auf das Schärfste" zurück: "Die in einer heutigen FPÖ-Aussendung gewählten Worte überschreiten nicht nur bei weitem jedes Maß an zulässiger Kritik, sondern stellen mit der unverhohlenen Drohung eine neue erschreckende Dimension der versuchten Einflussnahme auf journalistische Arbeit dar. Von derartigen Drohungen werden sich weder der ORF noch einzelne Redakteure einschüchtern lassen und auch in Zukunft den Weg der objektiven und unabhängigen Information fortsetzen", versicherte der ORF-Chef in einer Aussendung.
Auch der ORF-Redakteursrat konterte: Unverhohlen bedroht zu werden, sei selbst aus "dieser Ecke" etwas Neues, hieß es. Was eine Geschichte sei und was keine, werde im ORF von den Journalisten entschieden und nicht von Parteisekretären. Indirekt wird der Rücktritt Jeneweins - er ist seit vergangenem Jahr auch Bundesrat - verlangt: "Ein Mandatar, der einen Journalisten offen bedroht, ist in einer demokratischen Gesellschaft untragbar. Da sind Konsequenzen gefordert."

( Kurier ) Erstellt am 05.12.2011