© Rainer Eckharter

Chronik Wien
01/09/2019

Brüder entführten Schwester, weil sie zu westlich lebte: Haft

In Tschetschenien geborene Brüder und ein Helfer wurden zu 24 Monaten teilbedingter Haft verurteilt; nicht rechtskräftig.

von Michaela Reibenwein

Die jungen Männer sprechen akzentfrei Deutsch, einer ist gerade in der Maturaklasse, der andere studiert BWL. Sie tragen keinen auffälligen Bart, wirken nicht religiös. Und dennoch: Dass ihre Schwester mit einem Österreicher zusammen war, das ging nicht.

Die beiden Brüder, die in Tschetschenien geboren wurden, haben Mittwochvormittag im Landesgericht für Strafsachen in Wien nicht allzu viel zu sagen. "Es stimmt alles. Ich schäme mich so sehr." Für alle weiteren Auskünfte wären sie zu nervös.

Neues Leben

Was passiert ist, legt der Staatsanwalt dar: Die Schwester wollte ein westliches Leben. Sie wollte nicht länger, dass ihre Brüder ihr Handy kontrollieren. Sie wollte kurze Röcke tragen, eine Beziehung zu einem Österreicher haben. Doch im Kreise ihrer Familie war das unmöglich.

Also entschied sie sich für eine dramatische Lösung: Sie hinterließ einen Brief, in dem sie erklärte, vergewaltigt worden zu sein. Damit hoffte sie, aus der Familie verstoßen zu werden. Die junge Frau legte sich eine neue Sozialversicherungsnummer und einen neuen Namen zu. Sie zog mit ihrem Freund nach Salzburg und brach alle Kontakte ab.

"Dem jüngeren Bruder sind dann die Pferde durchgegangen", sagt Rechtsanwalt Nikolaus Rast. Er habe sich Sorgen gemacht. Also machte sich der 18-Jährige mit seinem älteren Bruder auf die Suche. Über einen Bekannten kamen sie in Kontakt mit einer jungen Frau, die Zugang zum Melderegister hatte. Nachdem sie zwei Wochen lang täglich kontaktiert wurde, gab sie die - gesperrten - Daten über die untergetauchte Schwester weiter.

Am 27. August des Vorjahres warteten die beiden Brüder in Saalfelden auf die verschollene Schwester. "Ich wollte gerade in die Fahrschule gehen", schildert diese. Da sah sie, wie sich eine Autotür öffnete und der jüngere Bruder ausstieg. "Ich bin sofort weggelaufen, ich habe um Hilfe geschrien." Sie klammerte sich an einen Holzzaun, doch die jungen Männer zerrten sie ins Auto.

Schweigsamer Zeuge

Ein Zeuge beobachtete das sogar: "Das hat jetzt aber nicht so ausgeschaut, als wäre das freiwillig gewesen." Er wurde aufgefordert, weiterzufahren - und tat das auch. Der Polizei meldete er den Vorfall nicht.

Die kam erst ins Spiel, als die Entführte ein SMS an die Oma ihres Freundes verfasste. Darin schrieb sie, dass sie ihre Brüder gefunden hätten und sie freiwillig mit ihnen nach Wien zurückkehre. "Natürlich habe ich mich gefreut, als ich dann meine Mutter wieder gesehen habe. Aber ich wollte in dieses Leben nicht mehr zurück", schildert sie.

Ein paar Stunden später stand die WEGA vor der Tür und befreite die junge Frau.

 

"Verstanden"

"Die Angeklagten haben verstanden, dass so etwas nicht geht. Sie sitzen seit vier Monaten in Untersuchungshaft", sagt Anwalt Rast. Sie sehen auch ein, dass sie ihre Schwester nicht mehr kontaktieren dürfen.  Ein dritter Mann, der als Chauffeur geholfen hat, entschuldigt sich. "Man muss nachdenken, bevor man etwas tut." Und das junge Mädchen, das die Daten weitergegeben hat, weint. "Es tut mir sehr leid."

Urteile für die drei jungen Männer: jeweils 24 Monate Haft, davon 16 bedingt. Die junge Frau wird zwar schuldig gesprochen, bekommt aber keine Strafe; nicht rechtskräftig.