Ein Supermarkt in Deutschland. In Österreich ist die Lage ähnlich.

© REUTERS/FABRIZIO BENSCH

Chronik Wien
03/19/2020

Billa-Verkäufer übers Hamstern: "Das Heftigste, was ich erlebt habe"

Ein Supermarkt-Mitarbeiter erzählt über seine vergangene Woche, den härtesten Arbeitstag seines Lebens und darüber, was die Leute in rauen Mengen kauften.

von Lukas Kapeller

Milo Tadic* arbeitet in einer Billa-Filiale in einem Wiener Außenbezirk. Es ist außergewöhnlich ruhig an diesem Donnerstag, das Coronavirus lässt die Menschen zuhause bleiben. Hinter der Wurstvitrine unterhält sich Tadic' Kollegin minutenlang mit einem Stammkunden. Ein wenig wirkt die Wiener Filiale so friedlich-ruhig wie ein Greißler am Land.

Im Drogeriemarkt nebenan hat die Verkäuferin übrigens die letzte Schachtel mit Desinfektionsmittel hinter ihrer Kassa gebunkert - und gibt nur mehr ein Stück pro Person ab.

Tadic hat den KURIER gebeten, seinen echten Namen und seine Filiale nicht zu nennen, und berichtet von der ungewöhnlichsten Arbeitswoche seines Lebens.

KURIER: Am Freitag waren die Medien voller Berichte über massenhafte Hamsterkäufe. Wie waren die Tage seitdem?

Tadic: Der Samstag war auch noch stark, aber so wie der Freitag war gar kein Tag. Diese Woche ist wieder relativ normal.

Wie ist der Freitag für Sie abgelaufen?

Ich hatte eigentlich frei und bin gegen 14 Uhr angerufen worden, dass ich reinkommen soll. Weil es einfach einen Ansturm gab. An allen drei Kassen waren Schlangen, und wir sind mit dem Füllen der Regale nicht nachgekommen. Das war das Heftigste, was ich bisher erlebt habe.

Was haben die Leute am meisten gekauft?

(lacht) Toilettenpapier. Aber nicht nur eine Packung, sondern sechs oder sieben. Als ich um 14 Uhr gekommen bin, waren Mehl, Nudeln, Reis und Germ schon weg. Germ haben wir sowieso wenig. Aber auch Baguette, Toastbrot und Eier waren am Nachmittag ausverkauft.

Warum kaufen die Kunden so viel Toilettenpapier?

Wenn ich das wüsste. Das Coronavirus führt ja nicht dazu, dass man öfter aufs Klo muss. Was wir in der vergangenen Woche verkauft haben, verkaufen wir normal in drei Monaten nicht. Es ist ja irre, dass die Leute sechs, sieben Packungen holen.

Gab es am vergangenen Freitag und Samstag unter den Kunden auch Streit oder Spannungen?

Es haben sich Leute aufgeregt, dass es kein Klopapier mehr gibt. Aber nicht uns gegenüber, sondern sie waren sauer, dass andere Kunden Hamsterkäufe gemacht hatten.

Wie ist es seit Montag weitergegangen?

Momentan ist es nicht so hektisch. Das liegt wahrscheinlich am Ansturm vom Freitag. Ich glaube, die Leute gehen auch einfach nicht mehr raus. Wir haben jetzt genügend Arbeitskräfte in der Filiale. Das Problem ist derzeit, man kann nie wissen, was kommt. Wenn es heute Abend eine Ankündigung der Regierung gibt, dass zum Beispiel manche Supermärkte schließen oder die Öffnungszeiten verkürzt werden, könnten die Leute wieder anstürmen. Deswegen ist man in diesen Tagen vorsichtig mit der Besetzung: In der Früh kommen viele Mitarbeiter, und wenn es ein normaler Tag wird, gehen auch viele im Laufe des Tages nach Hause.

Machen Sie sich Sorgen, sich anzustecken?

Hin und wieder schon. Wenn jemand hustet, habe ich schon Angst.

Haben Sie Handschuhe bekommen?

Ja, sogar mehrere Paare.

Lässt Ihre Filialleiterin derzeit mehr Waren als sonst liefern?

Ja, aber schon am Freitag. Also wir haben jetzt Reserven. Wegen der Großbestellung am Freitag wird in meiner Filiale derzeit nur in kleinen Mengen nachbestellt.

Gibt es Waren, die Sie nicht mehr bekommen?

Eigentlich wird alles geliefert. Und Klopapier mittlerweile jeden zweiten Tag, weil es einfach weggeht.

Die Gewerkschaft fordert eine Zeit lang kürzere Öffnungszeiten im Handel wegen des Ansteckungsrisikos und der Arbeitsbelastung. Was wünschen Sie sich?

Solange sich das Coronavirus bei uns ausbreitet, würde ich mir kürzere Öffnungszeiten wünschen. Wir sind ja gefährdet, wenn wir hier arbeiten. Weil wir ständig mit Menschen in Kontakt sind. Es kommen ja nicht nur gesunde Kunden, sondern auch kranke Menschen, die nicht kommen sollten. Mich betrifft es nicht so, aber es gibt natürlich viele Mitarbeiterinnen, die Kinder zuhause haben oder älter als 50 sind. Mehr Hilfe vom Staat wäre schön: kürzere Arbeitszeiten oder eine Lohnerhöhung.

Hört man im Unternehmen, dass die Öffnungszeiten verkürzt werden sollen?

Es wird von den Kunden gemunkelt, aber wir Mitarbeiter haben davon nichts gehört.

* Name von der Redaktion geändert.

Bilder nach Hamsterkäufen am vorigen Freitag