Der Bagger beseitigt die Reste der vergangenen Nachtschicht.

© Kurier/Juerg Christandl

Chronik Wien
02/15/2019

Die Neuordnung des Wiener Untergrunds

In eineinhalb Wochen Bauzeit hat sich die gesperrte Station Pilgramgasse stark verändert. Ein Lokalaugenschein am künftigen U4/U2-Kreuz.

von Stefanie Rachbauer

"Solche Arbeiten versuchen wir natürlich untertags zu machen", ruft Martin Jatzko und steigt die Stiegen in Richtung Gleise hinab. Ein riesiges Bohrgerät liefert die Erklärung dafür, was er meint.

Dröhnend und hämmernd bahnt sich die Maschine neben dem Otto-Wagner-Gebäude an der Pilgrambrücke ihren Weg in die Erde.

Jatzko ist inzwischen unten angekommen. "Vor eineinhalb Wochen war hier noch Betrieb", sagt er. Seit hier gebaut wird, betreut Jatzko als Ombudsmann der Baustelle in der U4-Station Pilgramgasse die Anwohner.

Die Mülleimer und Sitzbänke auf den Bahnsteigen wurden inzwischen durch Regenrohre, Baugitter und Holzlatten ersetzt. Statt Fahrgästen werden dort bis Ende Jänner 2020 nur Bauarbeiter anzutreffen sein.

Züge durchfahren solange die Station. Der Grund: Die Wiener Linien erneuern beide Bahnsteige.

Unter freiem Himmel

Dazu müssen sie vorher abgerissen werden. Die Arbeiter kommen damit offensichtlich gut voran: Auf dem Bahnsteig Richtung Heiligenstadt erinnern noch Stahlträger daran, dass hier kürzlich noch ein Dach existierte.

Auch das historische Brückengeländer ist passé. "Das haben wir mit einem Restaurator abgetragen", sagt Jatzko und schlendert den Bahnsteig entlang. "Natürlich wird das wieder aufgebaut. Und das Stationsgebäude bleibt auch."

Beim Aufzug stapeln zwei von Jatzkos Kollegen mit gelben Helmen gerade Holzbretter aufeinander. Damit werden sie später die Schutzwand an der Bahnsteigkante vervollständigen.

"Für die Sicherheit der durchfahrenden Züge ist das ganz wichtig", erklärt Jatzko.

Manche Arbeiten seien aber trotz dieser Vorkehrung zu gefährlich, um sie bei U-Bahn-Verkehr durchzuführen – die Entfernung des Dachs am Bahnsteig Richtung Hütteldorf etwa.

Um solche Aufgaben kümmert sich die zehn- bis fünfzehnköpfige Nachtschicht. Gearbeitet wird auf der Baustelle im 24-Stunden-Betrieb, wie Jatzko im KURIER-Interview erklärt.

Die Spuren der vergangenen Nacht beseitigt gerade ein Bagger. Zügig hievt er ein verbogenes Blechteil nach dem anderen weg von der Stationsmauer und lässt es auf einen Haufen fallen.

"Das wird für den Abtransport vorbereitet", sagt Jatzko.

Hinter der gelben Maschine befindet sich das eigentliche Herzstück der Baustelle: Eine 2000 Quadratmeter große Plattform über dem Wienfluss. Die Wiener Linien ließen die terrassenartige Konstruktion errichten, um rund um die Baustelle nicht noch mehr Raum zu beschlagnahmen.

Am Kreuzungsplateau Rechte Wienzeile/Pilgramgasse bleibt dem Auto-Verkehr wegen der U-Bahn-Baustelle derzeit nämlich nur eine Spur.

Neuer Knotenpunkt

Auf der Arbeitsplattform finden auch große Maschinen und sperriges Baumaterial Platz, sagt Jatzko. Zum Beispiel rund 30 Meter lange Bohrpfähle, die für die künftige Kreuzung der U4 mit der U2 eingebaut werden.

Die Wiener Linien nutzen den Abbruch der Bahnsteige nämlich dazu, das neue U-Bahn-Kreuz vorzubereiten.

Um den Schacht für die neue lila Linie bauen zu können, verankern die Arbeiter während der aktuellen Stationssperre unter jedem Bahnsteig rund 60 Bohrpfähle. Die Arbeiten für das neue Zwischengeschoß starten 2020. Wenn die U4-Station wieder öffnet, geht es unter der Erde also erst so richtig los.

Dem entsprechend wird die Terrasse der Arbeiter über dem Wienfluss noch länger zum Stadtbild gehören. "Sie bleibt bis zum Schluss – also bis 2027", sagt Jatzko. Dann soll der neue U-Bahn-Knoten Pilgramgasse eröffnet werden.