Die Äußere Mariahilfer Straße ist zwiegespalten, der Verkehr bleibt eine Baustelle.

© Kurier/Gilbert Novy

Chronik Wien
01/12/2022

Aus Rudolfscrime wird Rudolfsfein: Wie sich das Ikea-Grätzel wandelt

Angst vor Verkehrschaos, Hoffnung auf Aufwertung: Als der Möbelgigant in den 15. Bezirk zog, war die Aufregung im Viertel groß. Was aber hat sich tatsächlich getan?

von Nina Oezelt, Gilbert Novy

Viel Lärm um wenig Köttbullar: Vor fünf Monaten bildeten sich noch Menschentrauben vor dem neuen Stadt-Ikea. Heute scheint es neben dem weißen Riesen an der Kreuzung von Äußerer Mariahilfer Straße und Mariahilfer Gürtel ruhiger zu sein. Nur einige Menschen schlendern mit blauen Ikea-Taschen herum. Der Fahrradständer ist am Vormittag noch eher leer.

Hat sich dieser Teil des 15. Bezirks – wie befürchtet und zugleich erhofft – bereits verändert? Und was passiert dort am Gürtel? Zieht sich die Gentrifizierung des Multikulti-Bezirks weiter bis in die Hauptverkehrsader? Der KURIER hat sich umgesehen.

In der Äußeren Mariahilfer Straße erkennt man die Entwicklung mit bloßem Auge. Auf der einen Seite erblickt man den Ikea, einen Bäcker, eine Trafik und ein Gesundheitsgeschäft. Letztere sind in das weiße Haus ins Erdgeschoß gezogen. Die Straße wurde hell gepflastert. Gegenüber, auf der unveränderten Seite, ist es dunkel. Dort befinden sich ein Wettbüro, eine Sportbar, eine Bank.

Noch nichts zu bemerken ist von dem versprochenen Verkehrskonzept für das Grätzel. Präsentiert wurde es – nach einem öffentlich ausgetragenen Streit zwischen Bezirk und Stadt – im Vorjahr (geplante Projekte siehe Grafik). Bis Ende des Jahres sollen die Baumaßnahmen erledigt sein und die Anfahrt mit dem Rad werde einfacher, verspricht Bezirkschef Gerhard Zatlokal (SPÖ) im Gespräch mit dem KURIER.

Eckhaus in Gotham City

Ebenso verlassen wie die dunkle Straßenseite ist das Eckhaus am Mariahilfer Gürtel. Seit Jahren dient es als Werbefläche. Wenn man an den eingeschlagenen Fenstern vorbeigeht und einen Blick hinein wirft, kommt einem Rapper RAF Camora in den Sinn, der genau dort für sein Album warb.

„Fünfhaus ist Gotham City, 1150, 1150“, rappt er in einem seiner Songs – in Anspielung auf die fiktive, triste und von Kriminalität geplagte Stadt aus Batman. Kürzlich sorgte er mit einer angekündigten Spende von 150.000 Euro für seinen Heimatbezirk für Schlagzeilen.

Eine andere bekannte Bezeichnung ist „Rudolfscrime“. Eine Anspielung auf die hohe Kriminalitätsrate im Bezirk. Dieser verwandelt sich aber immer mehr in „Rudolfsfein“.

Denn selbst das heruntergekommene Eckhaus soll bis 2024 ein Hotel werden. „Wir haben ein junges, dynamisches Lifestyle-Konzept“, sagt der Eigentümer. Investoren seien schwer zu finden gewesen, wegen Corona. Jetzt gebe es drei Interessenten.

Kritisch sieht das eine Anrainerin. Sie wohnt direkt am Mariahilfer Gürtel. „Eine ewige Baustelle ist das Haus. Und die Lokale hier am Gürtel haben echte Probleme – wie Schimmel“, sagt sie. „Gentrifizierung gibt es jedenfalls im Inneren, wie in der bekannten Reindorfgasse. Hier am Gürtel passiert das nur langsam.“

Madame Croissant

Frischen Wind bringt das Holz-Hotel „Wood“. Seit April kommen junge, internationale Gäste an den Gürtel. Zimmer können nur online gebucht werden, auch der Check-in passiert ohne Personal.

Diese Woche hat genau hier im Hotel, an der Nummer 33, Gastronomin Jessy Liu ein neues Restaurant mit Bar eröffnet. Es ist eine Mischung aus ihrem Brunch-Lokal Mae Aurel im 1. Bezirk und dem thailändischen Restaurant Thailanna im 22. Bezirk: Zu haben sind etwa Madame Croissant (Babyspinat, pochiertes Ei, Schinken, Sauce Hollandaise) um 9 Euro oder Sommerrollen und Tofu-Cashew um 12,50 Euro. „Wir bereiten Essen nicht nur für Hotel-Gäste zu, wir sind auch für Wiener da“, sagt Liu.

Und sie ist in guter Gesellschaft. Nur wenige Schritte weiter befindet sich ein weiterer Geheimtipp. Der Platz vor der neugotischen Backstein-Kirche Maria vom Siege ist im Sommer samt Bäumen und Sitzelementen erneuert worden. Dahinter befindet sich das Restaurant Dingelstedt 3 (Dingelstedtgasse 3) mit österreichischer Küche in stilvoller Atmosphäre.

„Der Gürtel ist nur eine psychologische Barriere“, sagt eine andere Anrainerin. Hier sehe es im Sommer aus wie in Paris, wenn das Lokal die Tische auf den Platz hinter der Kirche stelle. Rudolfheim-Fünfhaus sei ein lebendiger Bezirk, der jetzt Gefahr laufe, höhere Mieten zu bekommen.

Nur eine Gasse weiter findet man eine geheime Bar in einer Kapelle, die Chapel Bar, und den Burger-Laden Hank & Frank, (Haidmannsgasse 8) mit veganem Angebot.

Die Runde im Grätzel nimmt ein Ende bei der Pizzeria Tesla (Mariahilfer Straße 151). Dort gibt es seit Juli neapolitanische Pizza. Sie gehört übrigens zum Kaffeehaus Tesla (Mariahilfer Straße 147), das ein beliebter Treffpunkt der jungen Anrainer ist. Und davon gibt es viele, denn der Bezirk ist und bleibt der jüngste der Stadt.

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