Chronik | Wien
13.11.2017

Andrea Maria Dusl: Wiener Typen

Andrea Maria Dusl porträtiert Figuren, denen man auf der Straße oder in der Sprache begegnet.

Die resolute Marktstandlerin, der freche Schusterbub, der stolze Fiaker. Wer hat bei diesen Begriffen nicht sofort ein Bild vor Augen?

Die sogenannten "Wiener Typen" sind seit Jahrzehnten immer wieder von Künstlern aufgegriffen worden. Im 19. Jahrhundert kamen populäre Bildserien auf, die stereotypische Darstellungen von Straßenhändlern zeigten. Später wurden diese Stereotypen auf die Bühne gebracht. Dabei schaffte es der Schauspieler Alexander Girardi – behauptete jedenfalls der Schriftsteller Felix Salten – "das Wienerische so perfekt zu Essenzen zu verdichten, dass man den Tonlaut verschiedener sozialer Typen in seiner Stimme hören konnte".

Im Laufe der Jahre, mit der fortschreitenden Industrialisierung, Technologisierung und Globalisierung, haben sich die Figuren auf den Straßen der Bundeshauptstadt natürlich gewandelt.

Ihnen zollt nun die Autorin und Zeichnerin Andrea Maria Dusl Respekt. In ihrem neuesten Werk " Wien wirklich" nimmt sie sich traditioneller Typen wie dem "Pülcher", ebenso an wie dem modernen "Krocha" und hat 29 davon auch zeichnerisch festgehalten.

Eine Auswahl der vorgestellten Charaktere:

Der Pülcher (ausgesprochen: Bücha) hat schon in der Kindheit den Großteil der Zeit auf der Straße verbracht; zunächst als "Gossnbua" (Gassenjunge) oder "Prodabub" (Praterbub), später in der Jugendstrafanstalt. "Bei Vorliegen von Geschicklichkeit", meint Dusl weiter, habe der Pülcher eine gute Chance auf Arbeit im Einbrechergewerbe. Dann sagt er vielleicht Sätze wie: "Auf d’Nocht strah i a Bank hea!" (Nachts breche ich in eine Bank ein.)

Die Frau Doktor ist eine Vertreterin der gehobenen Wiener Gesellschaft. Ihr Titel ist "nicht der eigenen Promotion geschuldet, sondern jener des Mannes" und wird vorwiegend "aushäusig bei Besorgungen familienlogistischer Natur" verwendet. "Die Notfalltropfen sind angerührt, Frau Doktor. Ein Tiegerl Vitello Tonnato, Frau Doktor? Der Reifen-Umstecktermin ist notiert, Frau Doktor" sind Sätze, die häufig an sie gerichtet werden. Den Schmerz darüber, kein eigenes Palais und keine Dienstboten zu überwachen, lindert sie bei "rauschenden Gartenfesten – am Grundlsee, am Altausseersee. Und wenn es denn sein muss, am Wörthersee."

Der Piefke, der Deutsche, der in den Bergen meist als Tourist in Erscheinung tritt, mischt sich in Wien vordergründig als Wirtschaftsmigrant unters Volk. Obwohl "mischen", wirft Dusl ein, vielleicht nicht das richtige Wort ist. "Gelten die Nachbarn aus dem Nordwesten doch als nicht integrierbar. Deutsche heiraten Deutschinnen, verweigern die Annahme der Landessitten und sind an privaten wie staatlichen Sprachkursen uninteressiert."

Der Krocharekrutiert sich aus den Jugendlichen der Wiener Flächenbezirke und sagt am liebsten "Bam, Oida". Seinen Namen hat er vom "Einekrochen", vom Hineinkrachen in eine Großraumdiskothek.

Der Würstelmannbezeichnet den Verkäufer im wohl typischsten Wiener Restauranttypus, dem Würstelstand. Obwohl der Würstelmann "weniger die Rolle des Sprachfeuerwerkers, als die des Katalysators" zukommt. Tatsächlich gibt es oft einen einzigen Moment, in dem zwischen "Würstelmann und Würstelstandbesucher" so etwas, wie ein Dialog stattfindet. Und zwar wenn es um Würze und Beilage geht. Dann fragt er "Siaß oda schoaf?" (der Senf) und "Brod oda Semme?"

Die Urstrumpftantwird nervenden "Gschichtldruckern" als Ansprechpartner genannt. Und zwar mit den Worten: "Des khaunds deina Uaschdrumpfdant dadsöön!" Als Ausweich-Destination für sinnlose und unwillkommene Eingaben nennt Dusl die Jettitant. Ebenso hilft vielleicht der Ausdruck: "Red’s in a Sackl und stö mas vua die Tia!"

Die Autorin: Andrea Maria Dusl ist Filmregisseurin, Zeichnerin und Autorin. Die 56-Jährige lehrt an der Universität für Angewandte Kunst in Wien und publiziert Kolumnen im Falter und in den Salzburger Nachrichten.

Das Buch:Wien wirklich: Von Amtsperson bis Würstelmann“ nimmt sich der Frage an, wer ein echter Wiener ist, wer eine echte Wienerin. Dusl untersucht den Schmäh des Strizzis ebenso wie den Jargon der Jeunesse. Sie erläutert den Beruf des Bewegers, die Unterkategorien der Gschupften oder auch das Geheimnis des starken Manns. Metroverlag,
192 Seiten, 24,90 Euro.