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Chronik Wien
07/03/2019

87-Jährige musste 24 Stunden in Ambulanz warten

Patientenanwältin verzeichnet deutlichen Anstieg der Beschwerden über Wartezeiten in den Spitälern.

von Josef Gebhard

Die 87-jährige Patientin musste einen ungeheuren Leidensweg durchmachen: Mit starken Knieschmerzen wurde sie in die Notaufnahme eines Wiener Spital gebracht. Dort musste sie 24 Stunden auf eine Untersuchung warten, ohne dass sich jemand um sie kümmerte. Sie bekam nichts zu essen oder zu trinken, konnte ihre Arzneien nicht einnehmen, niemand half ihr dabei, das WC aufzusuchen.

Das Spital begründete die enorme Wartezeit mit der hohen Patientenzahl bei einem gleichzeitigen Personalausfall. Die Patientin erhielt eine schriftliche Entschuldigung.

Zwölf Stunden musste wiederum eine 42-Jährige mit starken Kopfschmerzen, Übelkeit und Erbrechen ebenfalls in einer Wiener Ambulanz warten, ehe sie vom Arzt untersucht wurde. Dabei war sie als dringend eingestuft. Die Patientin litt an einer Gehirnblutung, wie sich später herausstellte. Auch in diesem Fall dürfte Überlastung Schuld an der enormen Verzögerung gewesen sein. Der Frau wurde eine Entschädigung angeboten.

Fälle häufen sich

Hinsichtlich Wartezeiten in den städtischen Notfallambulanzen sind das nur zwei von vielen Fällen, die im Vorjahr bei der Wiener Patientenanwaltschaft landeten. Sie beklagt in ihrem Jahresbericht eine Häufung der einschlägigen Beschwerden im Vergleich zu den Vorjahren. Betroffen seien häufig ältere Menschen.

„Es ist längst überfällig, dass der Wiener Krankenanstaltenverbund (KAV, Anm.) und andere Akteure Maßnahmen zur Entlastung der Notfallambulanzen vornehmen “, sagt Patientenanwältin Sigrid Pilz.

Im AKH etwa gäbe es bereits einen allgemeinmedizinischen Dienst, der die große Zahl an Patienten mit leichteren Beschwerden, die eigentlich nicht ins Spital gehören, herausfiltert und versorgt. Vergleichbare Angebote oder vorgelagerte Primärversorgungseinheiten fordert Pilz für alle Spitäler. „Man wird auch hinterfragen müssen, ob jede Rettungsfahrt notwendig ist.“ Wichtig wäre es zudem, die telefonische Gesundheitsberatung (Tel. 1450) und die Öffnungszeiten der Ordinationen weiter auszubauen.

Im KAV kann man es sich nicht erklären, warum es zu einer Häufung der Beschwerden gekommen ist. „Es handelt sich aber um Einzelfälle, die natürlich sehr bedauerlich und nicht akzeptabel sind“, betont eine Sprecherin.

Um die Ambulanzen zu entlasten, habe man das Konzept Erstversorgungsambulanz entwickelt, das mit dem Angebot im AKH vergleichbar sei. Geplant sind Versorgungseinheiten für leichtere Beschwerden, die von den Notfall-Aufnahmen getrennt sind. Noch ist aber offen, wann und in welchen Spitälern das Konzept umgesetzt wird.