Vatikan: Die guten und die bösen Päpste

ARCHIBVBILD: PAPST-BESUCH 1988
Foto: APA/J?ÄGER Robert Zweifellos einer der bedeutendsten Päpste des 20. Jahrhunderts: Johannes Paul II. (1978–2005).

An der Spitze der katholischen Kirche findet man in 2000 Jahren sowohl Kriminelle als auch Heilige.

Sie waren alles, was Menschen nur sein können, die rund 265 Päpste in der katholischen Kirche: Man findet unter ihnen Intriganten, Despoten, Kriminelle, Mörder und sexbesessene Monster. Aber natürlich auch grundgütige, vorbildliche Diener Gottes und Heilige im wahrsten Sinn des Wortes. Ja, das alles gab es in 2000 Jahren Kirchengeschichte.

„Heilige Inquisition“

Beginnen wir mit einem Bösen: Papst Gregor IX. war es, der im 13. Jahrhundert die kirchliche Inquisition und damit die Tötung unschuldiger Menschen, die man „Ketzer“ nannte, begründete. In den folgenden drei Jahrhunderten wurden Hunderttausende unschuldige Menschen in ganz Europa Opfer der „Heiligen Inquisition“, bei der die Kirche eine mehr als unrühmliche Rolle spielte.

Dabei war besagter Papst Gregor der Neffe eines der bedeutendsten Päpste der Kirchengeschichte, nämlich Innozenz III., der durch Reformen die Führungsstellung des Bischofs von Rom über die Christenheit sicherte und zu ihrem Höhepunkt führte.

Vetternwirtschaft

Beim Thema Onkel–Neffe sind wir bei einem weiteren historischen Schwachpunkt angelangt: dem Nepotismus. Dutzende Päpste insbesondere aus den italienischen Adelsgeschlechtern der Medici, Barberini, Borghese und der Borgia setzten Söhne, Neffen oder ihre homosexuellen Geliebten als Kardinäle oder gar als päpstliche Nachfolger ein.

Vor allem in der Renaissance verstießen viele „Nachfolger Christi“ gegen alle nur erdenklichen kirchlichen (und weltlichen) Gesetze, wobei Papst Alexander VI. eine der schillerndsten Figuren war: Rodrigo Borgia, wie er eigentlich hieß, wurde 1492 vermutlich durch Bestechung zum Papst gewählt, ohne davor die Priesterweihe empfangen zu haben. Alexander war, als er den Stuhl Petri bestieg, Vater von acht unehelichen Kindern und während seines Pontifikats kamen mindestens zwei weitere dazu. Bei einer Audienz staunte ein kaiserlicher Gesandter über ein kleines Mädchen, das zu Füßen des Heiligen Vaters saß und ihn „Papa“ nannte.

Alexander VI. war einer der Päpste, die sich und seine Kinder und Mätressen auf Kosten der Kirche enorm bereicherten. Und er stand unter dem verheerenden Einfluss seines Lieblingssohnes Cesare, der den Vatikan in Kriege und politische Intrigen verwickelte.

So sehr die Päpste auf die sexuelle Enthaltsamkeit ihrer Priester, Ordensmänner und Nonnen bedacht waren, so wenig hielten sich viele von ihnen selbst daran. Im 15. und 16. Jahrhundert war kaum ein Pontifex päpstlicher als der Papst, weshalb schönen jungen Frauen (und auch Männern) die Türen zum Vatikan offen standen.

Orgien im Vatikan

Handout picture of painting of Lucrezia Borgia by Foto: Reuters/HO Papst Alexanders VI. (1492–1503) Lieblingstochter Lucrezia Borgia, eines der zehn Kinder, die er mit seinen Mätressen hatte Während die Konkubinen meist still und heimlich in die Privatgemächer des Papstes geschleust wurden, hatte Alexander VI. kein Problem, seine Gespielinnen in aller Öffentlichkeit zu empfangen. Seine Orgien im Vatikan sind legendär, und er scheute selbst davor nicht zurück, die Braut eines Paares, das er getraut hatte, in sein Bett zu zerren. Sie hieß Giulia Farnese und ging als „Hure des Papstes“ in die Geschichte ein. Ihr Bruder wurde Kardinal und später als Paul III. (und vielfacher Vater) selbst Papst. Dass Papst Alexander VI., wie von Victor Hugo und Alexandre Dumas beschrieben, mit seiner Lieblingstochter Lucrezia Borgia in Blutschande lebte, wird von der modernen Geschichtsschreibung jedoch bezweifelt

Nicht nur in der Renaissance, auch im „Dunklen Jahrhundert“ vor dem Jahr 1000 trieben etliche Päpste ihr Unwesen. Einige waren in schwere Verbrechen verwickelt, manche verkauften ihr Amt, andere fügten dem Ansehen Roms wiederum durch ihr ausschweifendes Sexualverhalten Schaden zu. Papst Johannes XII. bezahlte das mit seinem Leben, als er im Jahre 963 angeblich vom Ehemann einer seiner Gespielinnen während des Geschlechtsakts erstochen wurde.

Moralische Instanz

Kreuz&Quer "Johannes XXIII. und der Aufbruch" Foto: APA/- Führte die katholische Kirche in ein neues Zeitalter: Johannes XXIII. (Papst von 1958 bis 1963) „Bei aller berechtigter Kritik“, betont der Grazer Kirchenhistoriker Maximilian Liebmann, „ist das Verhalten der überwiegenden Mehrzahl der Päpste dennoch untadelig: Das Papsttum hat im Lauf seiner Geschichte sehr an Ansehen und Bedeutung gewonnen und wird heute – trotz immer noch vorhandener Schwachpunkte – in aller Welt weit über die Reihen des Christentums hinaus als hohe moralische Instanz respektiert.“

Einer der großen Päpste, die maßgeblich dazu beitrugen, war Johannes XXIII., der 1962 das Zweite Vatikanische Konzil einberief und damit die Kirche in ein neues Zeitalter führte – oder zumindest führen wollte, denn manche seiner Dekrete sind noch immer nicht umgesetzt. „Es wäre die wichtigste Aufgabe des künftigen Papstes“, meint Professor Liebmann, „dort fortzusetzen, wo Johannes XXIII. aufgehört hat“ (siehe dazu Interview auf Seite 11).

„Unfehlbarkeit des Papstes“

POPE PIUS IX Foto: AP Verkündete die Unfehlbarkeit des Papstes: Pius IX. (1846–1878) Das wäre freilich eine Revolution im Vatikan, dem bisher mehrheitlich ultrakonservative Päpste vorstanden, bei denen interessanterweise der Name Pius überaus beliebt war. So bezeichnete der 1846 gewählte Pius IX. Demokratie, Glaubens- und Pressefreiheit als „Irrlehren“ und verbot mittels Päpstlicher Bulle allen Katholiken Italiens, sich an demokratischen Wahlen zu beteiligen. Wer wählen ging, wurde mit dem Kirchenausschluss bedroht. Pius IX. war es, der die „Unfehlbarkeit des Papstes“ verkündete, was zu Konflikten und der Abspaltung der Altkatholiken führte.

Gegen jede Neuerung wandte sich auch Pius X., der 1910 alle Priester einen „Antimodernisteneid“ schwören ließ, der erst 1967 durch Paul VI. aufgehoben wurde.

Im Kreuzfeuer der Kritik stehen zwei weitere „Piuse“: Papst Pius XI. war es, der 1933 mit Hitler-Deutschland das „Reichskonkordat“ abschloss, das ihm den Vorwurf einbrachte, nicht vehement genug gegen den Nationalsozialismus aufgetreten zu sein – auch wenn ihm zugute zu halten ist, dass er die NS-Ideologie in der 1937 verfassten Enzyklika „Mit brennender Sorge“ verurteilt hat.

Die Pius-Päpste

VATICAN POPE PIUS SAINTHOOD Foto: APA/FILES „Duldung und schuldhaftes Schweigen gegenüber dem Holocaust“: Papst Pius XII. (1939–1958) Auch seinem Nachfolger Pius XII. werfen Historiker Duldung und schuldhaftes Schweigen gegenüber dem Holocaust vor. „Es ist kein Zufall, dass sich vier der umstrittensten Päpste der neueren Zeit Pius nannten“, meint Professor Liebmann, „man spricht auch von den Pius-Päpsten, deren Name schon ihr Programm verkündet: Jeder wollte die Linie des anderen fortsetzen.“ Erstaunlicherweise genießen diese Päpste bis heute hohes Ansehen: Pius X. wurde heilig, Pius IX. erst im Jahr 2000 durch Johannes Paul II. selig gesprochen.

Der für Maximilian Liebmann dennoch zu den bedeutendsten Päpsten zählt: „Johannes Paul II. hat zwei Großtaten gesetzt. Erstens die Entschuldigung im Petersdom für die Verfehlungen der Kirche im Lauf der Jahrhunderte, von den Kreuzzügen bis zur Inquisition. Früher hat man nur gesagt, all das sei aus der Zeit heraus zu verstehen, doch durch die Entschuldigung Johannes Pauls II. ist diese Argumentation zusammengebrochen. Seine zweite Großtat war der Brief, den er in der Klagemauer in Jerusalem deponierte, mit dem er sich für das Verhalten der katholischen Kirche den Juden gegenüber entschuldigte.“

Unvergleichlicher Rücktritt

Wo wird man unter den bisher rund 265 Päpsten – die genaue Anzahl kennen wir nicht – den scheidenden Papst einordnen? „Benedikt XVI. geht als Mann der Glaubenslehre und durch seine Trilogie über Jesus Christus in die Geschichte ein“, meint Liebmann, „aber auch durch die Art und Weise seines freiwillig gewählten Rücktritts, der mit keinem Rücktritt seiner Vorgänger vergleichbar ist.“ Kritisch sieht Liebmann, dass Benedikt „die Kirchenleitung zu wenig in Händen hielt, er hat die Kirchenpolitik zu sehr seiner Umgebung überlassen. Dadurch ist in den wichtigen Fragen viel zu wenig weitergegangen.“

Petrus und seine Nachfolger

Der Papst wird in der katholischen Kirche als „Statthalter Christi auf Erden“ gesehen. Der Überlieferung nach kam der Heilige Petrus im Jahre 42 n. Chr. nach Rom, wo er zum ersten Papst erklärt wurde und 25 Jahre bis zu seinem Märtyrertod regierte.

Gegenpäpste

Petrus hatte bisher rund 265 Nachfolger, dazu kommen etliche Gegenpäpste, die durch Spaltung oder Streit innerhalb des Kardinalskollegiums (meist unrechtmäßig) ihr Amt antraten. Auch die genaue Anzahl der Gegenpäpste ist nicht bekannt.

Gewaltig waren die Intrigen und Verbrechen im Vatikans schon im Mittelalter: Allein im 10. Jahrhundert wurden fünf Päpste ermordet oder sie starben in Gefangenschaft. Die meisten Päpste lebten in Rom, im 14. Jahrhundert regierten sieben von der Kirche anerkannte Päpste im Exil in Avignon.

Päpstin Johanna

Einer Legende nach gab es im 11. Jahrhundert eine Päpstin namens Johanna, deren tatsächliche Existenz jedoch zweifelhaft ist. Eine der vielen Erklärungen besagt, dass sich Johanna als Mann verkleidet hätte und Johannes nannte. Der Schwindel flog auf, als „der Papst“ schwanger wurde.

Päpste und die Kunst

Papst Julius II. ließ den heutigen Petersdom errichten. Er und andere Päpste zählen zu den Auftraggebern bedeutender Künstler wie Michelangelo, Botticelli, Raffael und Leonardo da Vinci.

Papst Sixtus IV. gab im 15. Jahrhundert den Bau der nach ihm benannten Sixtinischen Kapelle in Auftrag, in der in wenigen Wochen das Konklave zusammentritt, das den nächsten Papst wählt.

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