Chronik | Welt
20.09.2017

Beben in Mexiko: Mindestens 37 Tote in Schule

Erdbeben der Stärke 7,1 erschütterte Mexiko. Pazifische Platte wurde unter amerikanische gedrückt. Mindestens 224 Tote, allein 37 in einer Schule. Keine Hinweise auf Österreicher unter den Opfern.

Bei dem verheerenden Erdbeben in Mexiko mit der Stärke 7,1 sind mindestens 224 Menschen getötet worden. Das sagte Innenminister Miguel Angel Osorio Chong am frühen Mittwochmorgen (Ortszeit) in einem Fernsehinterview. Demnach wurden bisher 117 Tote in Mexiko-Stadt gezählt, 55 im Bundesstaat Morelos und 39 in Puebla. Der nationale Zivilschutzkoordinator gab die Zahl der Toten kurz darauf mit 226 an.

Angesichts der verzweifelten Rettungsmaßnahmen forderte Präsident Enrique Pena Nieto die Bevölkerung auf, zu Hause zu bleiben: "Sofern die Häuser sicher sind, ist es wichtig, dass die Bevölkerung drinnen bleibt, um die Straßen für Krankenwagen frei zu halten und die Arbeit der Rettungshelfer zu erleichtern", sagte er in einer Videobotschaft. Oberste Priorität habe nun die Suche nach Vermissten und die medizinische Versorgung der Verletzten.

Das schwere Erdbeben hatte sein Zentrum am Dienstagmittag mexikanischer Ortszeit rund 120 Kilometer Luftlinie südöstlich von Mexiko-Stadt.

Keine Österreicher unter Opfern

"Es gibt derzeit keine Hinweise auf Österreicher unter den Opfern des Erdbebens in Mexiko." Das sagte der Sprecher des Außenministeriums, Thomas Schnöll. Dem Gesandten zufolge leben derzeit etwa 3.200 Auslandsösterreicher längerfristig in dem lateinamerikanischen Staat. Zusätzlich waren mit Stand Mittwoch etwa 500 Personen beim Außenministerium für eine Reise in Mexiko im fraglichen Zeitraum registriert. Über die Botschaft steht das Ministerium mit diesen Menschen in Kontakt.

Erdbeben in Mexiko

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Volunteers gather water, medicine, and blankets donated by neighborhood residents in the Condesa neighborhood of Mexico City, Tuesday, Sept. 19, 2017. A 7.1 earthquake stunned central Mexico, killing more than 100 people as buildings collapsed in plumes of dust.(AP Photo/Rebecca Blackwell)

Volunteers wearing dust masks wait in line to pass out rubble as rescue workers search inside a collapsed building in the Condesa neighborhood of Mexico City, Tuesday, Sept. 19, 2017. A 7.1 earthquake stunned central Mexico, killing more than 100 people as buildings collapsed in plumes of dust.(AP Photo/Rebecca Blackwell)

A car stands crushed by rubble after a 7.1 earthquake, in Jojutla, Morelos state, Mexico, Tuesday, Sept. 19, 2017. The earthquake stunned central Mexico, killing more than 100 people as buildings collapsed in plumes of dust. (AP Photo/Eduardo Verdugo)

Search and rescue operations are carried out at the site of a collapsed building after an earthquake in Condesa, Mexico City, Mexico, in this September 19, 2017 image from social media. Rafael Arias/Social Media/via REUTERS ATTENTION EDITORS - THIS PICTURE WAS PROVIDED BY A THIRD PARTY. MANDATORY CREDIT. NO RESALES. NO ARCHIVE. MUST ON SCREEN COURTESY RAFAEL ARIAS TPX IMAGES OF THE DAY

People pass buckets and shovels to remove the rubble of a collapsed building after an earthquake hit Mexico City, Mexico September 19, 2017. Picture taken September 19, 2017. REUTERS/Ginnette Riquelme

Soldiers arrive with shovels near the site of a collapsed building after an earthquake hit Mexico City, Mexico September 19, 2017. Picture taken September 19, 2017. REUTERS/Ginnette Riquelme

Families fearing aftershocks sleep on the street in the Roma neighborhood of Mexico City, Tuesday, Sept. 19, 2017. A magnitude 7.1 earthquake has stunned central Mexico, killing more than 100 people as buildings collapsed in plumes of dust. Thousands fled into the streets in panic, and many stayed to help rescue those trapped. (AP Photo/Rebecca Blackwell)

A man trapped in the rubble of a collapsed building in the Condesa neighborhood is given a sip of water as he waits to be rescued, after an earthquake struck Mexico City, Tuesday, Sept. 19, 2017. The 7.1 earthquake stunned central Mexico, killing more than 100 people. (AP Photo/Pablo Ramos)

Rescue workers search for people trapped in a collapsed building in the Piedad Narvarte neighborhood of Mexico City, Tuesday, Sept. 19, 2017. A magnitude 7.1 earthquake has stunned central Mexico, killing more than 100 people as buildings collapsed in plumes of dust. Thousands fled into the streets in panic, and many stayed to help rescue those trapped. (AP Photo/Rebecca Blackwell)

Volunteers and rescue workers search for children trapped inside at the collapsed Enrique Rebsamen school in Mexico City, Tuesday, Sept. 19, 2017. The 7.1 earthquake stunned central Mexico, killing more than 100 people as buildings collapsed in plumes of dust as rescue efforts took place at the school in southern Mexico City, where a wing of the three-story building collapsed into a massive pancake of concrete floor slabs killing scores of students. (AP Photo/Gerardo Carrillo)

Schuleinsturz: Opferzahl steigt auf 37

In den Trümmerbergen einer in Mexiko-Stadt eingestürzten Schule haben Helfer in der Nacht auf Mittwoch (Ortszeit) nach Dutzenden verschütteten Kindern und einigen Lehrern gesucht. "Wir schätzen, dass noch zwischen 30 und 40 Menschen in den Trümmern gefangen sind. Wir hören aber Stimmen, einige sind noch am Leben", sagte Marine-Sprecher Jose Luis Vergara dem Fernsehsender "Televisa".

Beim Einsturz der Schule Enrique Rebsamen kamen mindestens 32 Kinder und fünf Erwachsene um, wie der Fernsehsender "Televisa" unter Berufung auf Helfer berichtete. Die Leichen dieser Opfer seien alle geborgen worden. Elf Kinder seien lebend gerettet worden. Ein "Televisa"-Reporter, der die Rettungsaktionen aus nächster Nähe verfolgte und unter anderem die Bergung eines toten Mädchens erlebte, sagte: "Mein Herz ist gebrochen."

Rotes Kreuz: "Zeitfenster von 72 Stunden"

Es gebe ein Zeitfenster von 72 Stunden, in denen die Chancen gut sind, Menschen lebendig aus den Trümmern zu retten, sagte Walter Hajek, Leiter der Internationalen Zusammenarbeit beim Roten Kreuz, am Mittwoch gegenüber der APA.

Mindestens 40 Gebäude seien eingestürzt. "Der Fokus des Roten Kreuzes liegt auf Such- und Rettungsmaßnahmen", erzählte Hajek. "Das mexikanische Rote Kreuz ist mit über 500 Mitarbeitern im Einsatz.

Weitere Behandlung erfolgt in Spitälern. Einige Krankenhäuser mussten jedoch evakuiert werden. "Die Behandlung wird auf den Straßen fortgeführt, sagte Hajek. Notunterkünfte wurden eingerichtet, und die Menschen werden mit dem Wichtigsten versorgt.

Experte: Knick zum Glück in großer Tiefe

Die geologische Konstellation des Erdbebens vom Dienstag war laut den Experten der Zentralanstalt für Meteorologie und Geodynamik (ZAMG) so geartet, dass Mexiko an einer womöglich viel größeren Katastrophe vorbeigeschrammt ist. Laut Wolfgang Lenhardt, Leiter der Abteilung Geophysik der ZAMG, hat sich die Pazifische Platte unter die amerikanische geschoben.

Dabei bekam sie einen Knick an der Oberkante, der aber glücklicherweise in großer Tiefe lag. Damit befand sich auch das Hypozentrums des Bebens sehr tief unten. Wäre es wesentlich höher gelegen, hätte es wohl bedeutend mehr Opfer gegeben. Letztlich sei es zu Zugspannungen an der Oberfläche des Knicks gekommen.

Zehntausend Tote vor genau 32 Jahren

Ausgerechnet am Jahrestag des verheerenden Erdbebens von 1985 bebte die Erde erneut heftig. Vor 32 Jahren kamen rund 10.000 Menschen ums Leben. Rund zwei Stunden vor dem heftigen Erdstoß am Dienstag hatten viele Behörden, Unternehmen und Schulen sich noch an der alljährigen Erdbebenübung beteiligt.

Allein in Mexiko-Stadt stürzten mindestens 38 Gebäude ein. Der Flughafen wurde geschlossen und auf Schäden untersucht. Beschädigte Krankenhäuser wurden evakuiert. Nach Angaben des Elektrizitätsunternehmens CFE waren mindestens 3,8 Millionen Menschen ohne Strom.

US-Präsident Donald Trump schrieb auf Twitter: "Gott schütze die Menschen in Mexiko-Stadt." Man stehe an ihrer Seite.

Ein Reporter berichtete von schwankenden Gebäuden in der Hauptstadt und Gasgeruch. Tausende verängstigte Menschen seien auf die Straßen und Plätze geflüchtet. Das Telefonnetz brach zusammen. Auf TV-Bildern waren verschüttete Menschen in Trümmern zu sehen.

In der Hauptstadt und dem angrenzenden Großraum leben rund 20 Millionen Menschen. Die Universität von Mexiko-Stadt teilte mit, dass alle Kurse und Veranstaltungen bis auf Weiteres ausfallen, um die Gebäude auf Schäden zu untersuchen. Auch Schulen setzten den Unterricht aus.

In Internetvideos waren Menschen zu sehen, die um ihr Leben bangen, schreien, weinen. An Gebäuden fielen riesige Gesteinsbrocken und Fassaden ab. Die Situation war zunächst völlig unübersichtlich. Menschen erhielten unter freiem Himmel Infusionen, Helfer suchten mit bloßen Händen in den Trümmern nach Überlebenden.

Nachbeben verbreiten Angst

Mehrere Nachbeben versetzten die Menschen kurz darauf zusätzlich in Angst. Wie das nationale Seismologische Institut auf Twitter mitteilte, wurden am Dienstagabend und in der Nacht auf Mittwoch (Ortszeit) unter anderem im südöstlich von Mexiko-Stadt liegendem Bundesstaat Oaxaca Nachbeben gemessen. Betroffen war mehrmals die Küstenregion vor der Stadt Salina Cruz, das schwerste Nachbeben hatte demnach die Stärke 4,9. Bei einem Beben im Landesinneren nahe der Stadt Loma Bonita gab das Institut eine Stärke von 4,0 an.

Erst am 7. September waren bei einem Beben der Stärke 8,2 rund 100 Menschen im Land umgekommen, dabei lag das Zentrum aber im Pazifik und war in Mexiko-Stadt längst nicht so stark zu spüren. Danach gab es weit über tausend Nachbeben.

Auto-Produktion steht still

Das schwere Erdbeben führt bei Audi zu Produktionsunterbrechungen. In dem Werk in San Jose Chiapa wurde die zweite Schicht früher beendet und die Nachtschicht abgesagt. Den Mitarbeitern solle damit die Gelegenheit gegeben werden, sich um ihre Angehörigen zu kümmern, nachdem es im nahe gelegenen Puebla zu massiven Schäden gekommen sei.

In dem Audi-Werk, in dem das Beben deutlich zu spüren gewesen sei, seien keine Menschen zu Schaden gekommen. Bisher hätten keine strukturellen Schäden festgestellt werden können, die Inspektionen dauerten aber noch an. Audi produziert in dem erst vor einem Jahr eröffneten Werk den Premium-SUV Q5 und beschäftigt dort rund 5.000 Mitarbeiter.

Einem Bericht der Nachrichtenagentur "Bloomberg" zufolge hat auch der Mutterkonzern Volkswagen seine Produktion im Werk in Puebla unterbrochen. Es ist das größte Autowerk in Mexiko mit rund 15.000 Mitarbeitern. Bei VW war zunächst keine Stellungnahme erhältlich.

Warum Mexiko regelmäßig erschüttert wird

Mexiko befindet sich in einer der weltweit aktivsten Erdbebenzonen. Der Großteil der Landmasse liegt auf der sich westwärts bewegenden nordamerikanischen Erdplatte. Unter diese schiebt sich die langsam nach Nordosten wandernde Cocosplatte. Der Boden des Pazifischen Ozeans taucht so unter die mexikanische Landmasse ab. Das führt immer wieder zu schweren Erschütterungen, die das Land bedrohen.

Die Stärke von Erdbeben wird mit Seismografen gemessen. Die Geräte zeichnen die Stärke von Bodenbewegungen auf, die sogenannte Magnitude. Weltweit kommen jährlich etwa 100.000 Beben der Stärke 3 vor. Rund 1.600 haben die Stärken 5 oder 6. Ein Großbeben hat mindestens den Wert 8 und tritt etwa einmal im Jahr auf.

Das heftigste bisher auf der Erde gemessene Beben hatte eine Magnitude von 9,5 und ereignete sich 1960 in Chile. Erdbeben können je nach Dauer, Bodenbeschaffenheit und Bauweise in der Region unterschiedliche Auswirkungen haben. Häufig gilt:

- Stärke 1-2: schwaches Beben, nur durch Instrumente nachzuweisen
- 3: Nur in der Nähe des Epizentrums zu spüren
- 4-5: 30 Kilometer um das Zentrum spürbar, leichte Schäden
- 6: Tote und schwere Schäden in dicht besiedelten Regionen
- 7: In weiten Gebieten stürzen Häuser ein, viele Tote
- 8: Verwüstung im Umkreis Hunderter Kilometer, sehr viele Tote

Die Intensität des Bebens nimmt dabei nicht gleichmäßig nach oben zu - mit jedem Stärke-Punkt Unterschied steigt die Erschütterungsenergie vielmehr um über das 30-fache. Ein Beben der Stärke 6 setzt rund 1.000 Mal so viel Energie frei wie ein Beben der Stärke 4.

Richterskala veraltet

Früher wurde die Erdbebenstärke nach der sogenannten Richterskala bestimmt. Der amerikanische Geophysiker Charles Francis Richter hatte die Skala 1935 speziell für Kalifornien ausgearbeitet, wo es entlang des Sankt-Andreas-Grabens häufiger zu Erdstößen kommt. Die klassische Richterskala gilt jedoch bei großen Beben als nicht besonders genau. Erdbebenforscher verwenden deshalb heute modernere Magnituden-Skalen.