Chronik | Welt
08.09.2017

Hurrikan "Irma" bricht alle Rekorde

"Irma" ist der weltweit am längsten wütende Hurrikan seit Beginn der Aufzeichnungen.

Hurrikan "Irma" hat nach Angaben der Weltwetterorganisation (WMO) in Genf mindestens zwei Rekorde gebrochen. Mit einer über mehr als 37 Stunden ununterbrochenen Windgeschwindigkeit von fast 300 Kilometern in der Stunde sei "Irma" weltweit der am längsten wütende Hurrikan gewesen, zumindest seit Beginn der Aufzeichnungen Anfang des letzten Jahrhunderts, sagte eine WMO-Sprecherin am Freitag in Genf.

Den Rekord hielt bisher Zyklon "Haiyan", der 2013 auf den Philippinen mehr als 24 Stunden mit Topgeschwindigkeiten wirbelte und mehr als 6.000 Menschenleben forderte. Hurrikan, Zyklon und Taifun sind je nach Weltregion verschiedene Bezeichnungen für dasselbe Wettersystem.

Im Atlantik (ausgenommen Karibik und Golf von Mexiko) sei "Irma" nach Windgeschwindigkeit der bisher stärkste Hurrikan seit Beginn der Aufzeichnungen gewesen. Dass dort derzeit drei Hurrikane gleichzeitig wirbeln - "Irma", "Jose" und "Katia" - sei zwar ungewöhnlich, aber nicht neu. So sei es auch 1967, 1980, 1995, 1998 und 2010 gewesen.

Es gebe keine Hinweise, dass der Klimawandel häufiger so schwere Stürme verursacht, sagte die Sprecherin. Allerdings legten Computersimulationen nahe, dass ein wärmeres Klima für stärkere Stürme sorge. Damit werde die Zahl der Hurrikane in den Kategorien 4 (Windgeschwindigkeiten bis zu 251 Kilometer in der Stunde) und 5 (mehr als 251 Kilometer in der Stunde) wahrscheinlich steigen.

Bereits 13 Tote

Inzwischen ist die Zahl der Toten durch den Hurrikan "Irma" ist auf mindestens 13 gestiegen. Der britischen Zeitung Guardian zufolge starben vier Menschen in dem französischen Überseegebiet Saint-Martin, vier auf den Amerikanischen Jungferninseln, drei in Puerto Rico und je ein Mensch auf Anguilla (Großbritannien) und Barbuda. Die "Washington Post" berichtete von bislang insgesamt elf Toten. Es wird erwartet, dass die Zahl der Toten weiter steigt, da hinter "Irma" bereits der nächste Hurrikan "José" heranzieht.

"Irma" hat in den vergangenen Stunden zudem an Stärke abgenommen. Das Nationale Hurrikan-Zentrum (NHC) der USA stufte den Wirbelsturm am Freitag auf die zweithöchste Stufe vier herab, nannte ihn aber weiterhin "extrem gefährlich". Der Sturm zog demnach mit Windgeschwindigkeiten von 250 Stundenkilometern in Richtung Florida.

Großbritannien, Frankreich und die Niederlande entsandten Soldaten und Marineschiffe, um den betroffenen Menschen zu helfen.

Die Austrian Airline (AUA) streicht von Freitagnachmittag bis Sonntag alle Flüge zwischen Wien und Miami.

Millionen Menschen ohne Strom

In dem US-Außengebiet war mehr als die Hälfte der drei Millionen Einwohner ohne Strom. Angesichts von Überschwemmungen im Zentrum und im Norden der Insel mobilisierte der Gouverneur von Puerto Rico, Ricardo Rossello, die Nationalgarde. Zudem ließ er Notunterkünfte für bis zu 62.000 Menschen einrichten.

Das Hurrikan-Zentrum in Miami gab am Freitag offizielle Hurrikan-Warnungen aus, die Gebiete im US-Staat Florida sowie auf Haiti, den Bahamas, Kuba und dem britischen Überseegebiet der Turks-und Caicosinseln umfassen. Zu den Gebieten, für die nun die Hurrikanwarnung in Kraft ist, gehörten in Florida unter anderem die Inselkette Florida Keys sowie Lake Okeechobee nordwestlich von Fort Lauderdale und die Florida Bay zwischen dem südlichen Ende des Festlands und den Florida Keys.

Saint-Martin zu "zu 95 Prozent zerstört"

Zuvor hatte der Wirbelsturm bereits verheerende Zerstörungen auf den Urlaubsinseln Saint-Martin, Saint Barthelemy und Barbuda angerichtet. Im französischen Teil von Saint-Martin wurden vier Tote und rund 50 Verletzte gezählt. In Sint Maarten, dem niederländischen Teil der Insel, wurde ein Mensch getötet, wie die Regierung in Den Haag bekannt gab. Ein Todesopfer gab es auf Barbuda. Damit stieg die Gesamtzahl der Opfer auf mindestens zwölf.

Die ersten Schadensbilanzen auf den betroffenen Inseln waren verheerend. Die Insel Saint-Martin sei zu "zu 95 Prozent zerstört", sagte der Präsident des französischen Teils, Daniel Gibbs. Die Insel Barbuda sei zu 95 Prozent zerstört und "kaum mehr bewohnbar", sagte der Premierminister des Zwei-Insel-Staats Antigua und Barbuda, Gaston Browne. Er bezeichnete die Insel als "Trümmerhaufen".

Sint Maarten war nach den Worten des niederländischen Ministerpräsidenten Mark Rutte wegen starker Schäden am Flughafen und am Hafen von der Außenwelt abgeschnitten. Dennoch bereitete die niederländische Luftwaffe eine Luftbrücke für Hilfsgüter vor, ebenso wie die französische Regierung. Großbritannien schickte zwei Kriegsschiffe in die Gegend, um den Opfern zu helfen.

Aufatmen in Haiti

Auch der Nordosten Haitis wurde von sintflutartigen Regenfällen heimgesucht. Windböen deckten Dächer ab, in der Stadt Ouanaminthe an der Grenze zur Dominikanischen Republik standen die Häuser bis zu 30 Zentimeter unter Wasser, wie der Zivilschutz mitteilte. Zwei Menschen wurden verletzt, als eine entwurzelte Kokospalme auf ihr Haus in der Nähe der Hafenstadt Cap-Haïtien stürzte.

Insgesamt sind ersten Einschätzungen von Hilfsorganisationen zufolge weniger Schäden entstanden als befürchtet. "Hätte "Irma" einen südlicheren Weg eingeschlagen, wäre es zur Katastrophe gekommen", sagte Martin van de Locht, Leiter der Internationalen Programme von World Vision.

Freitagabend dürfte "Irma" in Kuba erreichen

Am Freitagabend oder Samstagmorgen könnte der Wirbelsturm in Kuba auf Land treffen und dürfte dann zur Südostküste der Vereinigten Staaten weiterziehen. An Kubas Nordküste wurden 10.000 ausländische Touristen vorsorglich in Sicherheit gebracht, die Behörden riefen die höchste Alarmstufe aus.

Bis zu eine Million Menschen erhielten in den Küstengebieten Floridas und des Nachbarstaates Georgia die Anordnung, ihre Häuser zu verlassen. Es war die größte Massenevakuierung seit mehr als einem Jahrzehnt.

"Irma" war am Mittwoch mit Hurrikan-Stärke 5 über die nördlichen Antillen hinweggefegt. Nach Angaben von Meteorologen zählt er zu den stärksten Stürmen seit Beginn der Wetteraufzeichnungen im Atlantik.

"Jose" und "Katia"

Unterdessen verstärkte sich der Hurrikan "Jose" auf Kategorie 3, wie das Nationale Hurrikanzentrum (NHC) der USA mitteilte. Der Wirbelsturm befand sich am späten Donnerstag (Ortszeit) etwa 950 Kilometer östlich der Kleinen Antillen und bewegte sich mit einer Geschwindigkeit von 30 Stundenkilometern in Richtung West-Nordwest.

Ebenfalls in der Gegend wütet der Tropensturm "Katia", der derzeit auf Kategorie 1 eingestuft ist. Er könnte vor Freitag die Küste des mexikanischen Bundesstaates Veracruz erreichen.