Chronik | Welt
11.03.2014

Champions League der Sünder

Finanzamt sieht 27 Millionen Euro hinterzogen, doch Uli Hoeneß bleibt FC-Bayern-Chef.

Es war als kurzer Prozess mit vier Verhandlungstagen angesetzt, nun dürfte es Wochen dauern: Das Strafverfahren gegen den Präsidenten des FC Bayern Uli Hoeneß sprengt alle Erwartungen.

Galten die ursprünglich genannten 3,5 Millionen Euro Steuerhinterziehung des prominentesten Sportmanagers des Landes schon als Sensation, sind die von ihm am ersten Prozesstag eingeräumten zusätzlich hinterzogenen 15 Millionen Euro eine Steigerung, die ihn an die Spitze der bisher bekannt gewordenen Steuersünder bringt. Am Dienstag ging die Behörde sogar noch weiter: Sie rechnet mit einem Schaden von 27,2 Millionen Euro für den deutschen Staat.

Dass Hoeneß trotzdem immer noch nicht als Chef des FC Bayern zurücktritt, ja sogar am Abend des zweiten Prozesstages zu dessen Spiel der Champions League auf die Ehrentribüne kommen wollte, kostete ihn die letzten Sympathien in der Öffentlichkeit. Außer bei dessen hartgesottensten Fans.

Verzögerungstaktitk

Der zweite Tag der Verhandlung vor dem Wirtschaftssenat des Münchner Landesgerichts begann mit der Aussage der die Ermittlungen führenden Finanzbeamtin aus Rosenheim. Sie berichtete von immer neuen, nicht begründbaren Verzögerungen bei der Vorlage der vollständigen Kontounterlagen von Hoeneß’ Schweizer Konto in den 14 Monaten seit seiner Selbstanzeige.

Über das Konto bei der Bank Vontobel hatte er seine über 50.000 Spekulationsgeschäfte an den Weltbörsen von 2003 bis 2009 abgewickelt. Erst zehn Tage vor Prozessbeginn habe Hoeneß der Finanzverwaltung einen USB-Stick mit allen Daten zukommen lassen. Die ausgedruckten 70.000 Seiten Papier seien daher erst grob gesichtet, so die Beamtin. Die Bank habe diese Daten, anders als von Hoeneß bisher dargestellt, ihm aber schon vor über einem Jahr, nämlich zwei Tage nach seiner Selbstanzeige, übermittelt. Die Cheffahnderin schätzte Hoeneß’ Steuerschuld auf bisher 27,2 Millionen Euro.

Nach dem Verständnis der inzwischen nicht mehr ganz so zahlreichen Zuhörer wie am ersten Tag hat Hoeneß den Fiskus doppelt geprellt: Der große, nun rund 23,7 Millionen Euro ausmachende Teil bei den Spekulationsgewinnen, überwiegend Devisentermingeschäfte. Weil die unterschiedlichen Steuersätzen unterliegen und teilweise hätten mit Verlusten verrechnet werden können, fehlte offenbar Hoeneß eine genaue Übersicht: Er habe immer nur die Kontensaldi abgefragt, so Hoeneß am ersten Verhandlungstag. Die anfangs genannten 3,5 Millionen Euro wären "nur" die Steuern auf die Erträge jener Kapitalanlagen, hauptsächlich länger gehaltene Aktien, gewesen, die er mit seinen Spekulationsgewinnen aufgebaut hatte.

Wegen der nun doch viel komplexeren Materie hat der Vorsitzende Richter inzwischen neue Zeugen geladen, darunter einen Wirtschaftsprüfer. Die Gerichtssprecherin hielt es am Dienstag Nachmittag für "sehr wahrscheinlich, dass die Verhandlung noch mehrere Wochen dauern wird".

Verteidigungsstrategie

Indessen wird in den Medien über die Verteidigungsstrategie von Hoeneß spekuliert. Erfahrene Gerichtsreporter wundern sich über das große Risiko, das er einging: Um dem Gericht zu zeigen, dass nur seine Selbstanzeige und sein umfassendes Geständnis zur Aufdeckung des Schadens führte, aber nicht die Recherchen des Finanzamts, habe er viele Unterlagen offenbar vorsätzlich zurück gehalten. Hoeneß setze seine ganze Hoffnung auf Haftverschonung offenbar auf die strafmildernde Eigenschaft der Selbstanzeige.

Diese wird aber nur dann wirksam, wenn sie vor der Entdeckung und vollständig erfolgt. Beides bestreitet die Staatsanwaltschaft. Die weit überwiegende Mehrheit der von Medien befragten Juristen geht davon aus, dass Hoeneß einer unbedingten Haftstrafe nicht mehr entgeht.

Dies entspricht auch der Erwartungshaltung jener öffentlichen Amtsträger, die glauben, sich jetzt schon zum laufenden Verfahren äußern zu müssen, darunter des Präses der Evangelischen Kirche und der Chef der Linkspartei. Sie forderten vom Gericht, Hoeneß "keinen Prominentenbonus" zu gewähren. Was angesichts des guten Rufs des Vorsitzenden Richters als akribisch und streng von Prozessbeobachtern als überflüssig kritisiert wurde.

Rücktrittsforderungen

Weit darüber hinaus geht allerdings das Kopfschütteln über das Kleben von Hoeneß auf seinem Präsidentenstuhl von FC Bayern. Schon seit seinem Geständnis am Montag von der für die meisten Menschen unvorstellbaren Summe allein an hinterzogenen Steuern wird stündlich mit seinem Rücktritt gerechnet.

Kritisiert wird nun auch der Aufsichtsrat des Klubs, dass er zu wenig Druck auf Hoeneß mache. Rupert Stadler, Vorstandschef von Audi und dessen Stellvertreter im Klub-Aufsichtsrat, wollte zu der Frage bei der Audi-Aktionärsversammlung nicht Stellung nehmen, obwohl Audi einer der drei Hauptsponsoren des FC Bayern ist.

Noch unangenehmer werden die Fragen, die seriöse Medien wie die FAZ nun noch intensiver als bisher stellen: Woher nahm eigentlich Hoeneß, der zwischendurch bis zu 70 Millionen Gewinn machte, das Kapital für diese Spekulationen?

Zitate zur Steuer-Affäre

Zitate zur Steuer-Affäre

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Bayern Munich President Uli Hoeness arrives for a

Bayern Munich President Uli Hoeness answers questi

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File photo of Bayern Munich President Uli Hoeness

Bayern Munich's manager Hoeness is pictured before

Bayern Munich's CEO Rummenige and Bayern Munich's

Bayern Munich's president Uli Hoeness and former p