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Belgien
09/17/2016

Erstmals Sterbehilfe für todkranke Minderjährige geleistet

Erstmals wurde die legale Sterbehilfe an einem Minderjährigen angewandt.

In Belgien hat erstmals nach der entsprechenden Gesetzesänderung vor zwei Jahren ein Kind Sterbehilfe bekommen. Das Kind sei todkrank gewesen, sagte der Chef der nationalen Sterbehilfe-Kommission der Zeitung Het Nieuwsblad. "Zum Glück gibt es nur sehr wenige Kinder, für die Sterbehilfe in Frage kommt", sagte Wim Distelmans. "Aber das bedeutet nicht, dass wir diesen Kindern das Recht auf einen würdevollen Tod verweigern sollten. "Nähere Details wurden nicht veröffentlicht. Belgischen Medien nzufolge soll es sich einen 17-Jährigen Patienten oder Patientin gehandelt haben.

Sterbehilfe für Kinder

Das belgische Parlament hatte 2014 die Altersbeschränkung für Sterbehilfe aufgehoben. Belgien ist damit das einzige Land weltweit, das für Kinder jeden Alters Sterbehilfe erlaubt. Voraussetzung ist, dass das Kind nachweislich eine rationale Entscheidung getroffen hat und im Endstadium einer unheilbaren Krankheit mit unerträglichen und nicht zu lindernden Schmerzen ist. Die Entscheidung muss von Ärzten, Psychologen und Eltern unterstützt werden. Für Erwachsene hingegen ist die unheilbare Krankheit im Endstadium nicht Voraussetzung.

Sterbehilfe ist ein weltweit scharf diskutiertes Thema. In vielen Ländern ist sie verboten, in Deutschland wurde geschäftsmäßige Sterbehilfe Ende vergangenen Jahres vom Bundestag unter Strafe gestellt. In den Niederlanden ist dagegen wie in Belgien Sterbehilfe selbst für Minderjährige erlaubt, allerdings erst ab zwölf Jahren.

Sportlerin will Sterbehilfe, aber "jetzt noch nicht"

Sterbehilfe war in Belgien zuletzt während der Paralympischen Spiele wieder ein Thema. Die belgische Medaillengewinnerin im Rollstuhlfahren Marieke Vervoort hat bereits im Jahr 2008 die notwendigen Papiere für die Euthanasie unterschrieben. Die 37-Jährige will mit dem Schritt aber noch warten, bis sich ihr Zustand noch weiter verschlechtert.

"Wenn der Moment kommt, an dem ich mehr schlechte als gute Tage habe, dann habe ich meine Euthanasie-Unterlagen. Aber die Zeit ist noch nicht gekommen", sagte sie vor Journalisten in Rio. Sie genieße immer noch jeden kleinen Moment. Vervoort wurde mit 14 ein seltenes Muskelleiden diagnostiziert, dass chronische Schmerzen, Lähmungen und Anfälle auslöst. Die Spiele in Rio würden ihre letzten sein, sagte sie.

Allerdings habe ihr die Möglichkeit der Euthanasie die Courage gegeben, so lange durchzuhalten. "Sie gibt Leuten ein Gefühl der Ruhe. Ich weiß, wenn es genug ist für mich, dann habe ich diese Papiere." Man solle Euthanasie nicht als "Mord" charakterisieren, sagte Vervoort.

Österreich: Sterbehilfe nicht in Sicht

In Österreich tagte 2014 und 2015 eine parlamentarische Enquete-Kommission zum Thema "Würde am Ende des Lebens", nachdem sich die Parteien über neue Regelungen auch nach längeren Gesprächen nicht einig geworden waren. Die Kommission endete mit Empfehlungen in Bereichen Hospize und Palliativversorgung, das Thema Sterbehilfe wurde größtenteils ausgespart.

Verfassungsgericht entschied im Fall "Letzte Hilfe"

Der Verfassungsgerichtshof urteilte erst vergangenen März über den Fall des Sterbehilfevereins "Letzte Hilfe", der von den Behörden untersagt wurde. Das sei zurecht geschehen, lautete das Urteil. Beihilfe zum Selbstmord unter Strafsanktion zu stellen, liege im Spielraum des Gesetzgebers, sagte VfGH-Präsident Gerhart Holzinger damals in einer Pressekonferenz. Die Vereinsvertreter wollten sich daraufhin an den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte (EGMR) wenden.

Der Vereinszweck war zumindest teilweise gesetzwidrig - ging es doch darum, den Mitgliedern, die an einer unheilbaren schweren Krankheit leiden, Hilfe zum Selbstmord zu leisten. Paragraf 78 Strafgesetzbuch verbietet aber die Mitwirkung am Selbstmord. Ob dies verfassungskonform ist, war sehr schwierig zu beurteilen, erläuterte Holzinger.

Eine Medaillengewinnerin hat Sterbehilfe im Hinterkopf

Die Paralympics-Silbermedaillengewinnerin Marieke Vervoort hat Berichte zurückgewiesen, nach denen sie unmittelbar nach den Spielen Sterbehilfe in Anspruch nehmen will. "Ich habe alle Papiere griffbereit, aber ich genieße nach wie vor jeden kleinen Moment", sagte die 37-jährige Belgierin am Sonntag vor Journalisten in Rio de Janeiro.

"Sollte der Zeitpunkt gekommen sein, an dem ich mehr schlechte als gute Tage habe, dann habe ich meine Papiere - aber die Zeit ist noch nicht gekommen", sagte die Sportlerin. Vervoort leidet an einer degenerativen Muskelerkrankung, die ständige Schmerzen hervorruft und sie kaum schlafen lässt. Mit der Silbermedaille im Rollstuhlrennen über 400 Meter am Samstag endete die Sportkarriere der mehrfachen Medaillensiegerin, die Paralympics 2016 waren ihr letzter Wettbewerb, wie sie nun bestätigte.

Ihre Herausforderung sei es nun, das Leben jenseits des geliebten Sports schätzen zu lernen. "Ich werde jeden kleinen Moment in meinem Leben genießen, und ich werde mehr von meiner Kraft meiner Familie und meinen Freunden widmen, was ich bisher nicht konnte, weil ich jeden Tag trainieren musste", sagte sie weiter.

Interviews im August, in denen Vervoort den Wunsch nach Sterbehilfe erstmals angesprochen und den Sport als ihren einzigen Grund zum Leben bezeichnet hatte, hatten für einige Spekulationen gesorgt. Es seien einige falsche Sachen über sie berichtet worden, sagte sie nun. Diese wolle sie nun klarstellen.

Die Behindertensportlerin ist bereits seit 2008 im Besitz der erforderlichen Papiere. Die Möglichkeit der legalen Sterbehilfe in Belgien habe ihr den Mut gegeben, so lange es geht weiterzuleben. "Sie gibt den Leuten Ruhe. Ohne die Papiere hätte ich, glaube ich, schon längst Suizid begangen, denn es ist sehr hart, mit so vielen Schmerzen und der Ungewissheit zu leben".

Ihr derzeitiges Leben beschrieb Vervoort als ständigen Kampf. Ihre Sehkraft sei nur noch bei 20 Prozent, immer wieder leide sie zudem unter epileptischen Anfällen. Sie frage sich ständig, was als nächstes komme. Aber sie wisse, "wenn es für mich genug ist, dann habe ich diese Papiere".