Agnes konnte zuletzt nur noch die Augen bewegen und mit Mühe sprechen.

© /Maria Gurmann

Sterbehilfe
05/27/2016

Wunsch einer Todkranken: "Helft mir, sterben zu dürfen!"

Agnes U. kämpfte für das Recht auf den Tod.

von Maria Gurmann

Es passierte am Freitag, den 13., im Februar 2015. Agnes U. (Name von der Red. geändert) war auf dem Weg zu einer Freundin, als sie aus heiterem Himmel stürzte und nicht mehr aufstehen konnte. Mit diesem Sturz brach auch ihr Leben von einer Sekunde auf die andere zusammen. Im Juli, nach unzähligen Untersuchungen, teilten die Ärzte der ehemaligen Lehrerin die Diagnose mit: Amyotrophe Lateralsklerose (ALS), eine nicht heilbare degenerative Erkrankung des motorischen Nervensystems.

"Aus dem Nichts"

"Diese Krankheit ist ein Fluch. Sie kommt aus dem Nichts." Langsam und bei jedem Wort nach Luft ringend, spricht Agnes. Während manche ALS-Patienten einige Jahre leben können, ist der Verlauf bei der 72-Jährigen enorm schnell. Nur zehn Monate nach der Diagnose sitzt sie unbeweglich im Rollstuhl, wird durch eine Magensonde ernährt, der Kopf mit einer Nackenkrause gestützt. "Ich kann kein SMS schreiben, mich nicht waschen, kein Glas heben. Ich bin auf fremde Hilfe angewiesen." Mit einer Patientenverfügung hat sie bestimmt, dass sie nicht künstlich beatmet werden darf.

Noch am Beginn ihrer unheilbaren Krankheit lehnte sie Sterbehilfe ab, eine Reise in die Schweiz, wo Euthanasie nach strengen Gesetzen erlaubt ist, kam für Agnes nicht infrage. Damals war ihre kategorische Antwort: "Nein. Ich habe mir das Leben nicht selbst geschenkt, also habe ich auch nicht das Recht, es mir zu nehmen."

Verzweiflung

Acht Monate später, verzweifelt, dass das Morphium zwar im Kühlschrank steht, sie sich aber selbst die nötige Überdosis nicht verabreichen kann, sieht sie das Thema Sterbehilfe völlig anders. "Heute bin ich gescheiter. Heute bin ich wütend, dass ich über mein Leben nicht selbst bestimmen kann. Heute hab ich meine Meinung geändert." Natürlich sei Euthanasie, vor allem im deutschsprachigen Raum, ein heikles Thema. "Aber 70 Jahre nach den Morden im 2. Weltkrieg kann man doch die Legalisierung von Sterbehilfe für Todkranke neu überdenken. Ich fühle mit allen Opfern des Holocaust. Doch meine Situation ist eine andere. "Ich kämpfe für legale Sterbehilfe. Ich denke, es gibt viele Menschen, die in meiner Lage sind, aber sich nicht trauen, ihre Meinung zu sagen."

Agnes wird von einer 24-Stunden-Hilfe, ihrer Hausärztin, einem Hospiz-Arzt und einem ALS-Spezialisten betreut. "Sie sind alle wunderbar, doch leider dem verdammten hippokratischen Eid verpflichtet. Ich bin schlimmer dran als ein Hund. Wenn der leidet und sterbenskrank ist, wird er eingeschläfert. Mich erlöst niemand."

Agnes U. könnte in ein Hospiz gehen. Aber die erlösende Morphiumspritze gibt man ihr dort nicht.

"Meine Stimme erheben"

"Mir reißt die Geduld, ich möchte meine Stimme für ein Recht auf Sterbehilfe in ganz Europa erheben." Noch kann sie ihre Stimme erheben. Bald wird sie stumm sein. Dann wird sie sich nur noch mit Augenzwinkern verständigen können. Gefangen in einem bewegungsunfähigen Körper – nur der Geist und die Sehkraft funktionieren. Diesen Moment möchte Agnes nicht mehr erleben. Sie hofft, dass ihr vorher jemand "die letzte Dosis" in die Magensonde spritzt, damit sie nicht in Panik gerät, wenn der Erstickungstod naht. Das Morphium wird sie von ihrem unendlichen Leid erlösen.

Agnes ist am Mittwoch gestorben. Die letzten fünf Tage war sie in einem Hospiz, in dem sie Tag und Nacht liebevoll gepflegt wurde. Sie bekam Morphin, um ihr das Atmen zu erleichtern, aber keine Überdosis als Sterbehilfe. Die Veröffentlichung dieses Artikels war ihr ein großes Anliegen.

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