Der Stamm der Awetí liegt im Gebiet der Quellflüsse des Xingú, eines der großen Zuflüsse des Amazonas. Hier haben sich etwas zwölf verschiedene Indianerstämme mit einer vergleichbaren Kultur, aber sechs völlig unterschiedlichen Sprachen angesiedelt. Das Awetí gehört zu einer der größten Sprachfamilien in Südamerika. Allerdings steht die Sprache zu keiner anderen in einem engeren verwandschaftlichen Verhältnis. (© DOBES-Aweti-Projekt / Rozilda Drude) Download jpg 3,53 MB Zur Förderinitiative Im Rahmen eines Forschungsverbundes zur Dokumentation brasilianischer Indianersprachen befasste sich der Wissenenschaftler Sebastian Drude mit den Awetí. Es wurden nicht nur die Traditionen und Mythen dokumentiert, sondern gerade auch - vor dem Hintergrund des Kulturverlustes - das alltägliche Leben für die kommenden Generationen.

© DOBES-Aweti-Projekt / Sebastian Drude

Sprachbewahrer
05/23/2013

Digitale Arche Noah der Sprachen

Seit 1999 dokumentieren Forscher bedrohte Sprachen, ein Wettlauf gegen die Zeit

von Martin Burger, Carina Tichy

Seit etwa 20 Jahren verschwinden still und heimlich haufenweise Sprachen von unserem Planeten. In einer globalisierten Welt sind Sprachen, die an entlegenen Orten, in abgeschiedenen Hochtälern, Sumpfgebieten oder Indianerreservaten gesprochen werden, nicht mehr durch natürliche oder nationale Grenzen vor jenen vielleicht 20 Großsprachen geschützt, die in der Kommunikation, in der Wissenschaft und Forschung bzw. im Handel die Oberhand haben.

Die Geschwindigkeit, mit der die Menschheit Sprachen verliert, beziffert National Geographic mit einer Sprache alle 14 Tage. „Von den 6000 bisher identifizierten Sprachen werden in den nächsten 100 Jahren nur rund 1000 übrig bleiben.“ Das sagt die deutsche Linguistin Ulrike Mosel, Spezialistin für die Sprachen Neuguineas und Mitbegründerin der „Dokumentation bedrohter Sprachen“ (DobeS), das durch die Unterstützung der Volkswagenstiftung seit 1999 besteht. Am 5. Juni ziehen die Forscher auf einer Tagung in Hannover Bilanz. 100 bedrohte Sprachen in 71 Regionen wurden archiviert.

Ausgestattet mit modernster digitaler Technik dokumentieren sie Bräuche, Märchen, Alltagskommunikation, halten Mimik und Gestik fest. Ein Wettlauf gegen die Zeit. Im Fall der Wintu in Kalifornien ein verlorenes Rennen. Die Zahl der Wintu-Sprecher: 1.

Aka, Seri und Teop

Das Sterben dauert an, weil oft zu wenige übrig sind, die ihre Sprache noch fließend beherrschen. Schlecht sieht es etwa für die Aka in Indien aus. 2000 Sprecher sind sehr wenig. Das endgültige Verschwinden wäre ein Verlust, denn die Aka kennen zum Beispiel mehr als 26 Wörter, um Perlen zu beschreiben.

Etwas besser schaut es für die Teop auf Bougainville, Papua-Neuguinea, aus, ca. 5000 Sprecher gibt es noch. Mosel schreibt für die Kinder der Insel Schulbücher in ihrer Sprache. Mosel über die Teop: „Sie kennen zehn verschiedene Wörter für die Farbe braun.“

Wenn eine Sprache ausstirbt, verschwindet mehr als nur Grammatik und Wortschatz, auch Bräuche und traditionelle Fertigkeiten gehen verloren – „von Kochrezepten bis zu Riten bei der Jagd“, sagt Mosel.

Die Seri in Mexiko (600 Sprecher) kennen keinen Gruß wie Händedruck oder Winken, sie haben die Gepflogenheit, mit erhobenen Armen zu signalisieren, dass sie nichts Böses im Schilde führen.

Die Motivation der Forscher: Sie wollen das Aussterben aufhalten so gut es geht. Mosel, realistisch: „Die Teop müssen Englisch können, wenn sie vorankommen wollen.“

Die Wertschätzung der Forscher hinterlässt in den untersuchten Gruppen Spuren. Die Teop besinnen sich wieder ihrer alten Werte, im Positiven wie im Negativen. Mosel: „Sie pflegen ihre Kultur, aber die Männer verlangen jetzt, dass die Frauen keine Hosen tragen“.

Wussten Sie, dass....

...fast die Hälfte der Menschheit eine von zehn dominanten Sprachen spricht? Die kleinsten 324 Sprachen verwenden gerade einmal 0,1 Prozent der Weltbevölkerung. Die wichtigsten sind: Chinesisch, Spanisch, Englisch, Arabisch, Hindi, Bengalisch, Portugiesisch, Russisch, Japanisch und Deutsch.

...die größte Vielfalt in Neuguinea herrscht? Hier sind fast 1000 verschiedene Sprachen beheimatet, ein Siebtel der Sprachen der Welt. Die meisten werden von kleinen Gruppen in entlegenen Bergtälern oder Sumpfgebieten gesprochen. 140 von ihnen sind gefährdet.

...im Inselstaat Vanuatu 243.000 Menschen 100 verschiedene Sprachen sprechen? Die größte Dichte weltweit.

... es nur von zehn Prozent der bekannten Sprachen Wörterbücher und Grammatik gibt? Mit dem Verlust der Sprache geht mehr als nur der Wortschatz verloren. Auf der Salomonen-Insel Savo archivieren Forscher daher Kulturtechniken, etwa wie man eine Fischfangbrücke baut.

...auch in Österreich Sprachen gefährdet sind: Burgenland-Kroatisch, Kärntner Slowenisch, Jiddisch und Romani.