Chronik | Welt
19.08.2017

Was ein IS-Gefangener über seine Peiniger denkt

Masoud Aqil hat die Qualen in IS-Gefängnissen überlebt – und jagt nun Islamisten.

Richten will er nicht – über die, die über ihn gerichtet haben: Die Terroristen des IS. "Das Gefängnis wäre nicht genug für sie", meint Masoud Aqil: "Abgesehen davon, dass es eine Rekrutierungsstelle für Islamisten zu sein scheint." Die Rede ist von Kämpfern der Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS), die aus Syrien nach Europa zurückkehren. Welche Strafe sie für ihre Verbrechen verdienen würden, das will der Kurde im Gespräch mit dem KURIER nicht bestimmen: "Ich bin kein Richter und vertraue dem Rechtsstaat. Der IS würde viel grausamer handeln".

Kampf zwischen Wärter und Gefangenem

Niemand weiß das so gut wie Masoud. 280 Tage lang hat er die Gräuel in den Gefängnissen des IS am eigenen Leib erfahren. 280 Tage Folter, Demütigung und Schmerz. "Sie werden dich immer schlagen. Das Wichtigste ist, dass man psychisch stark bleibt, sich nicht unterkriegen lässt. Wie in diesen typischen Hollywoodfilmen habe ich versucht, meinen Geist freizumachen, meinen Körper von außen zu sehen. Es ist ein Kampf zwischen Wärter und Gefangenem. Diesen Kampf habe ich gewonnen", erzählt Masoud.

Im Dezember 2014 wurde der Journalist zusammen mit einem Freund von IS-Kämpfern gefangen genommen, als er auf dem Weg zu einem Interview war. Die Route verlief 15 Kilometer von der Front entfernt, trotzdem hatte sich der IS genau zu diesem Zeitpunkt, als Masoud zur Arbeit fuhr, zu einem Kontrollposten durchgekämpft. Nachdem sie angehalten wurden, setzte sich ein bewaffneter Mann mit Sprengstoffgürtel in ihren Wagen. "Folgt dem Pick-up. Wenn ihr Mist baut, sprenge ich uns alle in die Luft".

Brutale Folter

Damit begann ein Martyrium, das für Masoud zu einer Ewigkeit werden sollte. "Oft wurden wir grundlos geschlagen, die Zustände in den Zellen waren katastrophal", berichtet er nüchtern. Öfters banden ihm die Terroristen die Hände hinterm Rücken zusammen und zogen ihn – an den Händen befestigt – mit einem Flaschenzug in die Höhe, bis seine Füße den Bodenkontakt verloren. "Balango" nannten sie das. Auch in den Gefängnissen des Assad-Regimes soll diese Folterpraktik angewandt werden. Neben politischen und religiösen Gefangenen waren auch immer wieder Kämpfer des IS seine Zellengenossen. "Es hat mich sehr überrascht, dass der IS seine eigenen Leute wegen verschiedenster Vergehen ins Gefängnis steckt. Vereinzelt wurden sie auch hingerichtet, etwa wenn sie Drogenmissbrauch begangen haben", sagt Masoud. Er vermutet aber auch, dass sie ihre Mitgefangenen aushorchen sollten. Oft führten die Islamisten Scheinexekutionen bei ihren Gefangenen durch, oft dachte Masoud, sein letztes Stündlein habe geschlagen. Sein Freund überlebte die Gefangenschaft nicht. Masoud weiß nicht genau, was mit ihm passiert ist, doch er hat ihn nicht mehr gesehen. Noch immer belaste ihn das schwer.

Unverhoffte Freiheit

Insgesamt drei Mal schaffte er es, Briefe an seine Eltern aus dem Gefängnis zu schmuggeln. Geschrieben auf Papierfetzen, die er aus dem Koran gerissen hatte – dem einzigen Medium, das er während seiner Gefangenschaft konsumieren durfte. Bis er unverhoffter Weise bei einem Gefangenenaustausch im September 2015 freikam. Doch auch in Freiheit konnte er nicht aufatmen. Zu belastend war das Wissen, dass die Schergen des IS wussten, wo er und seine Familie wohnten, zu unsicher war das Land für ihn als ehemaliger Gefangener des IS.Zusammen mit seiner Mutter flüchtete er über die Balkanroute nach Deutschland, wo seine Geschwister seit den 90er-Jahren leben. Dort entdeckte er, dass sich etliche Dschihadisten, die er aus seiner Haft kannte, ebenfalls nach Europa durchgeschlagen hatten. "Es hat mich zutiefst schockiert, dass diese Monster unbehelligt ihre Botschaften auf Sozialen Netzwerken in Europa verbreiten können", berichtet er.

Er sammelte Informationen über seine ehemaligen Peiniger und übergab diese den Behörden. "Ich will nicht, dass diese Leute Deutschland zu einem Staat machen, wie den, aus dem ich geflohen bin. Deswegen will ich meine Informationen den deutschen Behörden anvertrauen und hoffe, dass viele andere Flüchtlinge dasselbe tun", sagt Masoud.

Ob durch seine Informationen bereits ein IS-Kämpfer gefasst wurde, weiß er nicht. "Es ist mir auch egal. Was zählt, ist, dass ich meine Informationen sammle und weitergebe", sagt er. An der Faszination europäischer IS-Sympathisanten sind seiner Meinung auch die Medien schuld, die sich mehr mit den Gräueltaten des IS, als mit den Konflikten an sich beschäftigen würden.

"Gerade am Anfang der Berichterstattung über den IS verstärkten die Medien die Botschaften, die die Terroristen senden wollten, durch Bilder. Ich denke, dass das ein Fehler war", sagt Masoud.

Ende August erscheint sein Buch über die Gefangenschaft beim IS und seine Flucht nach Europa. "Dieses Buch zu schreiben hat zwar alte Wunden wieder aufgerissen, am Ende war es aber doch so etwas wie eine Befreiung", sagt er.

Momentan widmet sich Masoud der deutschen Sprache – vor kurzem hat er sein B1-Zertifikat geschafft. Daneben liegt sein Fokus auf seinem persönlichsten Anliegen: Seine ehemaligen Peiniger und deren Freunde zu finden und zu melden.

Mitten unter uns. Wie ich der Folter des IS entkam und er mich in Deutschland einholte.

256 Seiten,Europa Verlag, 978-3-95890-136-0 (ISBN)Erscheinungsdatum: Ende August