Chronik | Welt
20.10.2017

"Bis zum letzten Mann": Wie die philippinische Armee gegen den IS kämpft

Fünf Monate besetzten Islamisten die Stadt Marawi – jetzt wird sie befreit. Doch der Terror ist nicht gebannt.

Das Rattern der Maschinengewehre dringt durch das zerstörte Fenster. Das Zimmer ist verwüstet, auf der Couch klebt getrocknetes Blut. "Hier dürfte jemand gesessen und durch einen Schuss getötet worden sein", sagt der Polizeiermittler.

Sein Team hat vor dem Haus menschliche Knochen und einen Schädel gefunden. Laut den Ermittlern handelt es sich dabei höchstwahrscheinlich um die Überreste des Opfers auf der Couch.

In den vergangenen Wochen machte die philippinische Kriminalpolizei viele solcher Entdeckungen, nachdem die philippinische Armee (AFP) weite Gebiete der Stadt Marawi Meter für Meter zurückerobern konnte.

Trümmerfeld

Beinahe fünf Monate befand sich das Zentrum der Stadt unter Kontrolle der IS-nahen Terrorgruppe " Maute", die die Stadt Ende Mai in einem Überraschungsangriff gestürmt hatte. Verheerende Kämpfe waren die Folge – Marawi gleicht einem Trümmerfeld.

Obwohl der philippinische Präsident Rodrigo Duterte am Dienstag die Befreiung Marawis verkündete, dauern die Gefechte an. "Es gibt noch vereinzelte Widerstandsnester. Die Terroristen kämpfen bis zum letzten Mann", sagt ein Kämpfer der Spezialeinsatzkräfte gegenüber dem KURIER. Seine Einheit war in den vergangenen Monaten im Dauereinsatz, kämpft nach wie vor an vorderster Front.

Dahinter herrscht geisterhafte Ruhe. Zerschossene Hausfassaden reihen sich aneinander, nur ein paar Hunde wühlen sich durch den Schutt, der die ehemals sauberen Straßen der Stadt bedeckt. Nur das Gewehrfeuer ist in regelmäßigen Abständen zu hören.

400.000 Vertriebene

Beinahe alle Bürger der Stadt mussten im Mai fliehen, 400.000 Menschen sind laut den AFP im Umland untergebracht und warten in orangen Zelten auf ihre Rückkehr. Die noch lange dauern könnte: "Es wird noch etwas Zeit vergehen, bis wir damit anfangen können, die Stadt wiederaufzubauen. Zuerst müssen wir das gesamte Zentrum penibel auf Sprengfallen überprüfen, erst dann kann die Planung beginnen. Ich schätze, dass es bis zu zwei Jahre dauern kann, ehe wir wieder alle geflohenen Bürger ansiedeln können", sagt AFP-General Brawner im Gespräch mit dem KURIER.

Seit Beginn der Kämpfe hat die Armee 824 Terroristen getötet und 162 Mann verloren. "Der Kampf in urbanem Gelände ist immer heikel. Jedes Haus kann mit Sprengfallen bestückt sein, für die Terroristen bietet sich hervorragender Schutz", erklärt der Elitesoldat und fährt fort: "Die Maute-Kämpfer haben außerdem die Kanalisation als Tunnelsystem genutzt und konnten so die Luftangriffe relativ unversehrt überstehen."

Als klar wurde, dass ein rascher Sieg mit Bodentruppen nicht möglich sei, ordnete Duterte "chirurgische Luftschläge" an, die trotzdem den Großteil der Häuser im Zentrum vollständig zerstört haben.

Dass die Maute-Gruppe Hunderte Zivilisten als Geiseln genommen hatte, sei ein weiterer Grund für die lange Dauer der Belagerung: "Vor allem am Boden mussten wir so behutsam wie möglich vorgehen, damit wir keine Geiseln treffen", sagt der Elitesoldat. Luftschläge seien nur nach gewissenhafter Aufklärung durchgeführt worden.

Ein weiteres Problem seien die anfänglichen Verstärkungen für die Terroristen gewesen: "Anfangs konnten weitere Islamisten über das unübersichtliche Gelände einsickern. Bis wir einen durchgehenden Belagerungsring um die Stadt ziehen konnten, ist etwas Zeit vergangen". Unter den getöteten Islamisten befanden sich neben Filipinos auch Kämpfer aus dem Jemen, Tschetschenien und Pakistan – ein Indiz dafür, dass sich der IS verstärkt in Südostasien festsetzen möchte.

Machtvakuum

Lange dürfte der Kampf um Marawi nicht mehr dauern – seit Montag sind die Terroristen führungslos: Scharfschützen konnten die beiden Islamistenführer Omar Maute und Isnilon Hapilon zur Strecke bringen und damit den IS in Südostasien massiv schwächen.

Auf Hapilon, der auf der "Most Wanted"- Liste des FBI stand, waren fünf Millionen Dollar Kopfgeld ausgesetzt, Maute war einer der Gründer der Maute-Gruppe, sein Bruder wurde schon vor Wochen getötet.

"Wir müssen dieses Machtvakuum schnellstmöglich ausnützen, denn die nächsten potenziellen Anführer dürften sich schon in den Startlöchern befinden", sagt Brawner.

Von Erleichterung ist bei den Soldaten wenig zu spüren – der Terror hat das Land seit Jahrzehnten im Griff. Pause wird es für die Armee keine geben: Laut Brawner wird ein Militärschlag gegen kommunistischen Rebellen geplant, nachdem Friedensverhandlungen gescheitert sind. Auch islamistische Terrorgruppen gibt es im Süden der Philippinen noch zuhauf.

Armut macht Flüchtlinge zur leichten Beute für Islamisten

„Nun, da Marawi befreit ist, hoffen wir, bald heimkehren zu können“, sagt Lidasan gegenüber dem KURIER. Sie ist Mutter von vier Kindern und in einem der Flüchtlingslager rund um Marawi untergebracht. Orange Zelte, die sich am Straßenrand unter Palmen und Urwald ducken. Der Regen hat den Boden in eine Schlammgrube verwandelt, scharfer Geruch liegt in der Luft.

„Wir bekommen medizinische Versorgung und Nahrung – trotzdem hoffe ich darauf, bald wieder ein normales Dach über Kopf zu haben“, fährt sie fort. Es wird allerdings noch eine Weile dauern, ehe die zerstörte Stadt wieder aufgebaut ist. Die philippinischen Behörden rechnen mit bis zu zwei Jahren.

„In dieser Zeit müssen wir unbedingt verhindern, dass die Flüchtlinge durch terroristische Gruppen radikalisiert werden“, sagt Leutnant Vilarosa im KURIER-Gespräch. Die Lage sei ernst. „Im Moment freuen sie sich über unseren Sieg, aber das kann sich rasch ändern. Sobald der Nachschub nachlässt, oder sich der Wiederaufbau verzögert, macht sich schnell Unmut breit – das gilt es zu verhindern. Und selbst dann sind zwei Jahre ohne Eigenheim eine lange Zeit, in der sich Frustration breitmachen kann“, erklärt er.

"Die Wahl fällt sehr leicht"

Das Vorgehen der islamistischen und kommunistischen Terrorgruppen ist schon lange bekannt. Ein Großteil der Menschen im Süden der Philippinen lebt in Armut, die vergangenen Regierungen haben es sträflich vernachlässigt, hier für Ausgleich zu sorgen. „Wenn ich als Arbeiter gerade genug verdiene, um meine Familie knapp durchbringen zu können, und mir dann eine Terrorgruppe das Vierfache bietet, wenn ich mich ihnen anschließe, fällt mir die Wahl sehr leicht“, sagt Vilarosa.

Sowohl Kommunisten als auch Islamisten hätten großzügige Geldgeber aus dem Ausland, zusätzlich verdienen sie Geld mit Entführungen und Drogenhandel.

Um sich selber ein Bild von der Lage in den Flüchtlingsheimen zu machen, hat Vilarosa einen Monat dort gelebt und versucht, ein Konzept zu erstellen: „Es ist wichtig, dass die Menschen etwas zu tun haben. Sie brauchen eine Führungsfigur, die das Lagerleben organisiert. Ich habe mit ihnen beispielsweise einen Gemüsegarten angelegt und eine verwahrloste Halle aufgeräumt, um daraus einen Aufenthaltsraum zu machen. Das genügt freilich noch nicht, aber es ist ein Anfang“, sagt er.

95 Prozent der Geflohenen sind Arbeiter – sie gelte es um jeden Preis zu gewinnen. „Wenn wir die Bürger Marawis verlieren, verlieren wir Marawi. Und das, obwohl wir die Stadt gerade erst gewonnen haben. Ein zweites Marawi können wir uns personell und wirtschaftlich nicht leisten“, sagt Vilarosa.

Religiöse Spannungen

Auch die religiösen Spannungen gelte es zu überwinden. Marawi ist beinahe vollständig islamisch geprägt, während 80 Prozent der Filipinos streng katholisch sind. Vilarosa fürchtet, dass die Armee von vielen Menschen als Besatzer wahrgenommen wird. Zusätzlich sorgt das von Präsident Duterte verhängte Kriegsrecht für Sorge in der Bevölkerung. Dadurch haben die Soldaten absolutes Durchgriffsrecht.

„Wir haben im Kampf um Marawi mehr als 100 Männer verloren. Sie haben ihr Leben dafür gelassen, dass Filipinos wieder sicher in ihre Stadt zurückkehren können. Das ist unser Auftrag und nicht, die Bevölkerung zu schikanieren“, sagt er.

Zurzeit wird im philippinischen Parlament an einem Gesetz gearbeitet, das den Muslimen im Süden mehr Rechte gewähren soll – Vilarosa hofft, dass es bis Ende des Jahres den Senat passiert.

- Armin Arbeiter, Marawi