Uli Hoeneß muss um die Freiheit zittern

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Foto: APA/MARC MUELLER Uli Hoeneß’ Tränen über den Fan-Zuspruch nach seinem Geständnis.

Der FC Bayern-Chef steht ab Montag vor Gericht. Ein Urteil ist schon fix: Als Vorbild hat er ausgedient.

Er gilt den Medien schon jetzt als "Prozess des Jahres": Eine weitere Lichtgestalt der deutschen Gesellschaft muss sich wegen Steuerhinterziehung verantworten. Uli Hoeneß ist als Präsident des auch international führenden deutschen Fußballklubs der erfolgreichste Sportmanager Europas, war selbst verdienter Nationalspieler und brachte es seither auch zum Wurstfabrikanten. Die Achtung der Gesellschaft für diese Multikarriere nutzte er als moralische Instanz mit anerkanntem sozialem Engagement und emotionalen TV-Auftritten: Er verdammte gierige Banker und verlangte strenge Regeln für die Finanzmärkte: "Zocken gehört verboten", war einer seiner Hauptsätze.

"Sulidarität": Prozessbeginn in München

Uli Hoeneß auf der Anklagebank: Der Prozess gegen den FC-Bayern-Präsidenten hat am Montag in München begonnen - unter enormem Zuschauerinteresse. Hoeneß war - wie könnte es anders sein - in einem BMW zum Justizpalast gekommen. Dort erwartete ihn bereits eine Menschenmenge: Einzelne Besucher waren sogar schon um 3 Uhr vor dem Landgericht.
  Bereits um 6 Uhr war rund die Hälfte der Zuschauerplätze besetzt, Schaulustige versammelten sich vor dem Gerichtsgebäude

  So auch Klaus Harreiter: Er hat ein Plakat mitgebracht, das er vor dem Münchner Justizpalast in die Höhe hält. "Milde für Uli Hoeneß, er tut so viel Gutes", steht darauf. Er wisse, dass Hoeneß ein guter Mensch sei, sagt er. Jeder Mensch könne Fehler machen, "niemand ist unfehlbar, und das war eben der einzige Fehler, den er gemacht hat". Die Vorwürfe gegen Hoeneß sind schwer: Er soll 33,5 Millionen Euro nicht beim Finanzamt angegeben und so 3,545 Millionen Euro Steuern hinterzogen haben. Ein Urteil wird für Donnerstag erwartet. Seit einem Jahr berichten die Medien über die Vorwürfe gegen Hoeneß - dementsprechend viele Medienvertreter sind auch nach München gereist, um über den viertägigen Prozess zu schreiben. Im Zentrum des Interesses steht dabei auch Richter Rupert Heindl. Wie der Spiegel berichtet, gilt der 47-Jährige als "Mann der Akten" - Angeklagten schaut er angeblich nicht in die Augen.

Strafmaß völlig offen

Ab heute steht Uli Hoeneß selbst in München vor Gericht: Die Anklage wirft ihm vor, 3,5 Millionen Euro Steuern hinterzogen zu haben, während er in der Schweiz mit großem Kapitaleinsatz viele Jahre auf Teufel komm’ raus spekulierte. Da sich Hoeneß Anfang 2013 selbst angezeigt hatte, dies von der Anklage, anders als üblich, aber nicht als strafmindernd akzeptiert wird, ist das Strafmaß völlig offen: Es reicht von einer mittleren Geldstrafe bis zu Gefängnis – unbedingtem.

Hoeneß hatte mit einem bisher offenbar nicht völlig geklärten Privat-Darlehen des einstigen Besitzers des Sportartikelherstellers Adidas von 20 Millionen Mark in der Schweiz zu spekulieren begonnen. Die Verbindung zu dem inzwischen verstorbenen Franzosen war über einen Sponsorvertrag von Adidas für den FC Bayern entstanden. Von 2003 bis 2009 soll Hoeneß oft täglich mehrfach über Telefon mit dreistelligen Millionenbeträgen in allen Börsengeschäften jongliert haben. Die Gewinne blieben in Deutschland aber unversteuert.

Er habe lange gehofft, sagt Hoeneß, dass das von der letzten Regierung Merkel geplante Steuerabkommen mit der Schweiz seine Steuerschuld anonym bereinigen würde, so wie es das Abkommen Österreichs mit der Schweiz ermöglicht. Weil die SPD im Bundesrat das Abkommen stoppte, zeigte sich Hoeneß danach selbst an. In der Regel kostet das bei Steuerhinterziehung wie von ihm eingeräumt zwar hohe Geldstrafen, bringt aber maximal eine bedingte Haftstrafe.

Weil die Steuerbehörde in der Selbstanzeige aber Formfehler zu finden glaubte und ihm zur Last legt, sie erst dann eingereicht zu haben, als er schon Wind von Recherchen eines Journalisten hatte, will sie ihm keine Milderungsgründe zugestehen. Die Verteidiger von Hoeneß widersprechen dem und argumentieren unter anderem mit einer Spielsucht von Hoeneß. Der kündigte für den heutigen Prozessauftakt eine große Erklärung im Gericht an.

Zitate zur Steuer-Affäre

Zitate zur Steuer-Affäre von Uli Hoeneß: "Ich weiß, dass das doof ist. Aber ich zahle volle Steuern." (Uli Hoeneß 2005 in einem Interview der "Bild"-Zeitung) "In den Jahren 2002 bis 2006 habe ich richtig gezockt, ich habe teilweise Tag und Nacht gehandelt, das waren Summen, die für mich heute auch schwer zu begreifen sind, diese Beträge waren schon teilweise extrem. Das war der Kick, das pure Adrenalin." (Hoeneß am 2. Mai 2013 in der "Zeit" über seine Börsen-Spekulationen) "Natürlich will ich Erfolg, aber nicht um jeden Preis. Wenn es um Geld geht, muss man auch mal zufrieden sein." (Hoeneß 2011 im Magazin "Brand Eins")  "Ich habe erkannt, dass ich einen schweren Fehler gemacht habe, den ich versuche, mit der Selbstanzeige zumindest halbwegs wiedergutzumachen. Ich will reinen Tisch machen. Das Gesetz bietet ja diese Möglichkeit." (Hoeneß am 24. April 2013 in der "Sport Bild") "Ich fühlte mich in diesen Tagen auf die andere Seite der Gesellschaft katapultiert, ich gehöre nicht mehr dazu. Ich mache mir natürlich riesige Vorwürfe. Ich habe Riesenmist gebaut, aber ich bin kein schlechter Mensch." (Hoeneß am 2. Mai 2013 in der "Zeit") "Uli ist der Vater Teresa vom Tegernsee, der Nelson Mandela von der Säbener Straße und die Mutter aller Manager." (Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge in seiner Festrede zum 60. Geburtstag von Hoeneß) "Ich denke, wir sollten niemanden verurteilen, der mal einen Fehler gemacht hat. Selbst die katholische Kirche gewährt eine zweite Chance." (Bayern-Ehrenpräsident Franz Beckenbauer mit Blick auf den Steuer-Prozess gegen Uli Hoeneß)

Nimbus verloren

Obwohl sein Steuerdelikt seit über einem Jahr bekannt ist, hat Hoeneß den Rat vieler Freunde nicht befolgt: Als Präsident des FC Bayern zurückzutreten. Weil der Zuspruch seiner Fans ungebrochen ist, hat sich auch dessen Aufsichtsrat bisher dazu nicht durchgerungen. Hoeneß ist so die bisher letzte öffentliche Figur, die ihren Nimbus wegen schwerer Steuerhinterziehung verloren hat. Zuletzt waren das ein SPD-Staatssekretär in Berlin, die Frauenrechtlerin Alice Schwarzer und Theo Sommer, langjähriger Zeit- Herausgeber: Sie haben als selbst ernannte Moralapostel und Vorbild ausgedient.

Die Finanzämter erwarten wegen des großen medialen Aufsehens um Hoeneß nun eine weitere Welle von Selbstanzeigen ängstlicher Steuersünder.

Hoeneß im Porträt

Auch ein Uli Hoeneß hatte einmal Haare: Dieses Foto zeigt ihn mit 21 Jahren (re., links Gerd Müller). Wegen chronischer Kniebeschwerden beendete Hoeneß seine Profi-Karriere schon mit 27 – und wurde Manager der Bayern. Über 40 Jahre war er der "Mr. Bayern", machte den Klub zu einer Weltmarke. Im reifen Funktionärsalter blickt er stolz auf das Erreichte zurück. "Der FC Bayern ist ein gesellschaftliches Ereignis", schwärmt er, der sich selbst gesellschaftlich oft zu Wort meldet. Sei es mit Kritik an Spekulanten oder mit Lob für Kanzlerin Angela Merkel. Hoeneß mit Trainer und Kumpel Jupp Heynckes: "Die müssen sich doch mal den Frust von der Seele saufen. Wir haben doch früher auch auf dem Oktoberfest die Maßen reingelassen." Kaum einer polarisiert wie Hoeneß, seine Spieler hat er stets verteidigt. "Uli Hoeneß ist die Marke und der Manager schlechthin. Ich glaube, so eine Managerleistung wird es im Fußball nicht wieder geben", sagt voller Hochachtung Christian Nerlinger, der bei den Bayern als Sportdirektor die schwere Nachfolge von Hoeneß im sportlichen Bereich angetreten hat - und an den hohen Erwartungen gescheitert ist. Auf sein Lebenswerk kann er stolz und glücklich blicken. "Wenn ich das so sehe, sind viele Dinge verwirklicht worden, wie ich mir einen Fußballverein vorstelle." Uli ist mit Susanne verheiratet, ist Vater zweier Kinder. Hoeneß gab sich stets volksnah, war und ist - im Gegensatz zu z. B. Karl-Heinz Rummenigge - bei den Fans populär. Einen "barocken Kraftprotz" nannte ihn die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung. "Uli ist eine Art Feierbiest", bemerkt der langjährige Weggefährte Rummenigge. Hoeneß sei "eine außergewöhnliche Figur beim FC Bayern, der den Klub hochemotional sieht und geführt hat", würdigte der Vorstandschef. Beruflich hatte und hat er auch mit seiner Wurstfabrik Erfolg. Durch die Steueraffäre wurde sein Ruf allerdings beschädigt. Nach einer Haftstrafe ist aber nun alles für ein großes Comeback auf der großen Bühne angerichtet.
(kurier) Erstellt am
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