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Chronik Welt
01/07/2022

Wenn die Rettung des Markusdom zum Pfand der Bauunternehmer wird

Das Zentrum Venedigs droht zu versinken. Statt die Basilika zu retten, wird jedoch um Geld gestritten.

aus Venedig Andrea Affaticati

Eigentlich hatten die Venezianer gehofft, pĂĽnktlich zum neuen Jahr ihre Basilika endlich in Sicherheit zu wissen. Zwei Jahre sind seit dem verheerenden Hochwasser im November 2019 verstrichen, als der Meeresspiegel um 1,5 Meter angestiegen ist. FĂĽr den Markusplatz, den niedrigsten Punkt der Lagunenstadt, und besonders fĂĽr den Dom, der schon bei 60 Zentimeter Hochwasser ĂĽberschwemmt wird, waren die Folgen dramatisch.

Doch jetzt, kurz nach Neujahr, ist die Basilika immer noch von Absperrungen umgeben. Vor dem Dom stehen Touristen, die darauf warten, eintreten zu dürfen. Die Besucher schauen neugierig auf den bloßgelegten Sockel und die Rinnen, die parallel dazu verlaufen. Die meisten wissen nichts von den Arbeiten – und schon gar nichts von dem Kräftemessen, bei dem das Wahrzeichen der Stadt zum Pfand geworden ist.

Im September haben die Arbeiten begonnen, um die Basilika mit Glasbarrieren zu umringen, die sie in Zukunft vor Hochwasser schützen sollen. Die Kosten dafür belaufen sich auf 3,8 Millionen Euro. Vor ein paar Wochen las man in den Medien jedoch, die Unternehmen hätten die Arbeiten eingestellt – weil der Staat nicht zahle.

Erst MOSE, dann Markus

"Das stimmt so nicht ganz", erklärt Claudio Vernier, Inhaber des Lokals al Todaro, gleich gegenüber der Gondelstation San Marco, und Vorsitzender des Verbands "Associazione Piazza San Marco", der sich gegen eine zügellose Kommerzialisierung des Markusplatzes einsetzt. "Das Geld für die Glasbarrieren gibt es, der Staat hat aber bis jetzt noch nicht alle Rechnungen für den Bau des MOSE beglichen." MOSE ist der Name einer Schutzbarriere, die bei einem Wasserstand von 1,10 Metern in Funktion tritt und ganz Venedig vor zu hohem Hochwasser schützt. 18 Jahre haben die Arbeiten für den MOSE gedauert, 6,5 Milliarden Euro haben sie verschlungen – und standen außerdem im Zentrum eines millionenschweren Korruptionsskandals. Im Sommer 2020 wurde die Anlage öffentlich eingeweiht, die definitive Fertigstellung ist für 2023 vorgesehen.

"Viele Unternehmen, die schon am Bau des MOSE beteiligt waren, sind heute mit dem der Schutzbarriere für die Basilika beauftragt", erzählt Vernier weiter. Da der Staat ihnen aber noch rund 500 Millionen Euro schuldet, haben sie vor einem Monat beschlossen, die Arbeiten am Markusdom einzustellen, um Druck auf Rom auszuüben.

Frust und Ă„rger

Inzwischen scheinen sie sich mit der Regierung darauf geeinigt zu haben, 30 Prozent weniger als vereinbart zu kassieren. Wenn nichts dazwischen kommt, mĂĽsste die Barriere also im Sommer stehen.

"Na ja, warten wir ab", sagt Carlo Alberto Tesserin zum KURIER. Er ist Erster Prokurator der Basilika, das Amt wurde im neunten Jahrhundert eingefĂĽhrt. Damals wie heute ist es die Aufgabe des "Primo Procuratore", die Instandhaltung des Doms zu garantieren: "Wir mĂĽssen erst sehen, worauf sich das Abkommen zwischen dem Infrastrukturministerium und den Bauunternehmen stĂĽtzt."

Der Mann ist aufgebracht: "Schon vor Jahren haben wir darauf hinwiesen, dass es wegen des Klimawandels zu solchen Ereignissen kommen wird, wenn man nichts unternimmt. Und keiner hat auf uns gehört."

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