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Chronik Welt
07/27/2022

Warum Italien und Schweiz um eine Berghütte streiten

Ein schmelzender Gletscher verschiebt die Grenze zwischen den Nachbarländern - in einer wirtschaftlich bedeutenden Region.

1984 wurde das Rifugio Guide del Cervino errichtet; die Schutzhütte im Norwesten Italiens liegt in einer traumhaft schönen Alpenregion. Nicht weit entfernt thront das Matterhorn, und ganz in der Nähe befindet sich der 3.480 Meter hohe Gipfel der Testa Grigia - bedeckt vom Theodulgletscher. Auf dessen Scheitel verlief bisher eine Wasserscheide, die einer Vereinbarung gemäß die Grenze zwischen Italien und der Schweiz bildet.

Nachdem der Gletscher in den vergangenen Jahrzehnten ein Viertel seiner Größe eingebüßt hat, hat sich die Wasserscheide nun aber verschoben. Die Schutzhütte liegt daher zu zwei Dritteln in der Schweiz, zumindest theoretisch. Denn Italien will sie nicht einfach so abtreten.

Schnee im Sommer

Das liegt daran, dass das Gebiet um die Testa Grigia wirtschaftlich äußerst bedeutend ist. Der Felskopf ist der der Verbindungspunkt der Skigebiete Zermatt und Cervinia am Matterhorn und "schneesicher auch noch im Sommer", wie die FAZ voriges Jahr schrieb.

"Von hier aus kann man mehrere Viertausender besteigen", hieß es in einem Artikel der Zeitung über den Grenzstreit: "Bald ist eine Seilbahn fertig, die die beiden Skigebiete verbindet, danach wird hier das erste grenzüberschreitende Skiweltcup-Rennen in die Geschichte eingehen."

Geheimhaltung

Seit Jahren verhandeln Italien und die Schweiz nun schon über eine Lösung des Konflikts, und im November 2021 erzielten sie sogar eine Einigung. Doch diese wurde bisher geheim gehalten.

Der Wirt des Rifugio zeigte sich dennoch gegenüber dem Guardian zuversichtlich, dass die Hütte italienisch bleibe. "Das Rifugio bleibt italienisch, weil es immer italienisch war", sagte Lucio Trucco dem britischen Blatt. "Das Essen ist italienisch, der Wein ist italienisch und die Steuern sind italienisch." 

Egal, wie der Streit am Ende ausgeht - es dürfte nicht der letzte sein. Denn der Klimawandel dürfte laut Experten auch in anderen hochalpinen Regionen zwischen Italien und der Schweiz zu Grenzverschiebungen führen.

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