Dziwisz war Sekretär von Johannes Paul II.

© © Jürgen Rehberg/ARTE/Jürgen Rehberg

Chronik Welt
11/15/2020

Ehemaliger "Vizepapst" der Vertuschung von Pädophilie beschuldigt

Stanislaw Dziwisz, emeritierter Erzbischof von Krakau, wirkte 27 Jahre lang als Privatsekretär von Papst Johannes Paul II.

Er war so etwas wie der Vizepapst – Stanislaw Dziwisz, heute emeritierter Erzbischof von Krakau, wirkte 27 Jahre lang als Privatsekretär des in Polen so verehrten Papst Johannes Paul II. Doch nun untergraben handfeste Vorwürfe wegen Vertuschung von Pädophilie und Bestechung seine Autorität, gleichzeitig stellt sich die Frage nach der Mitwisserschaft des 2005 verstorbenen polnischen Papstes.

Bisher streitet Stanislaw Dziwisz alles ab. „Die Vorwürfe gegen mich sind diffamierend. Ihr Ziel ist es, ein schlechtes Licht auf meinen Dienst gegenüber dem Heiligen Johannes Paul II. zu werfen“, klagte der Geistliche gegenüber der italienischen Nachrichtenagentur ANSA. Auch in Italien machen die Anschuldigungen die Runde.

Der Skandal begann am vergangenen Montag mit der Reportage des liberalen polnischen Nachrichtensenders TVN24 „Don Stanislao – Das andere Gesicht von Kardinal Dziwisz“. Dort wurde dem Geistlichen vorgeworfen, für Audienzen beim Papst Gelder eingestrichen zu haben sowie die sexuellen Vergehen des 2008 verstorbenen Gründers der Legionäre Christi, Marcial Maciel Degollado, und des früheren US-Kardinals Theodore McCarrick vertuscht zu haben. Auch einen Missbrauchsfall zu seiner Zeit als Erzbischof in Krakau im Jahr 2012 hat er laut der Reportage unter den Teppich gekehrt.

Klerus auf Distanz

Damit soll es nun vorbei sein, auch vonseiten der Bischofskonferenz in Polen, deren Vorsitzender, Stanislaw Gadecki, eine Untersuchungskommission des Vatikan begrüßt. Der Erzbischof von Posen unterließ es, die TV- Reportage – wie sonst üblich – als „Angriff gegen die Kirche“ abzutun, ein deutliches Zeichen, dass die Kirchenführung in Polen zu Dziwisz auf Abstand geht.

Ähnliches ist aus der Regierung zu vernehmen – dabei sind die Regierungspartei „Recht und Gerechtigkeit“ (PiS) und die mit ihr verbundenen kleinen Rechtsparteien „Solidarisches Polen“ und „Verständigung“ eng mit dem Klerus verbunden, der 2015 und 2019 offen Wahlwerbung für diese Parteien machte.

Jaroslaw Gowin, Vizepremier und Wissenschaftsminister, berichtete nun, dass Dziwisz die „Mauer“ im Vatikan war, sodass die Vorwürfe gegen den damaligen Posener Erzbischof Juliusz Paetz wegen sexuellen Missbrauchs nicht an den Papst gelangten. Gowin gehörte Ende der 1990er-Jahre zu der Gruppe von katholischen Laien, die sich darum bemühten, Johannes Paul II. über die Übergriffe des hohen Würdenträgers aufzuklären.

Der Fall Dziwisz ist eine weitere Erschütterung der katholischen Kirche in Polen, die sich lange dank des polnischen Papstes und einer Zugehörigkeit der Bevölkerung von mehr als 90 Prozent eines großen Einflusses erfreute. Die Parteinahme für die PiS missfiel den Liberalen an der Weichsel. Zuletzt brachte die Kirche nicht nur viele junge Frauen gegen sich auf: Auf Druck des Klerus hatte das Verfassungsgericht Ende Oktober ein faktisch totales Abtreibungsverbot verkündet. Daraufhin gab es zahlreiche Massenproteste von Frauen und Männern.

Kritische Filme

Auch sorgten zwei Filme des TV-Journalisten Tomasz Sekielski über Kindesmissbrauch in der katholischen Kirche Polens für Empörung. Sie wurden auf YouTube veröffentlicht, der erste erreichte 23 Millionen Aufrufe. Doch es ist eine Trilogie – der letzte Teil geht um Papst Johannes Paul II. und seine Rolle bei der Vertuschung von Pädophilie, gedreht wird auch außerhalb Polens.

Ein Sujet mit Zündstoff in Polen, denn die Verbundenheit mit dem charismatischen polnischen Papst ist der große gemeinsame Nenner, auf den sich fast alle Polen einigen können. Schon allein, dass die liberalen polnischen Medien sich trauen, anzudeuten, dass das frühere Oberhaupt der katholischen Kirche vielleicht doch etwas von dem Missbrauch gewusst haben könnte, gilt als Novum.

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