Toni Faber und die Zölibat-Debatte: Die große Enthaltsamkeitslüge
Dompfarrer Toni Faber
Im Jahr 1074 begann Papst Gregor VII. einen regelrechten Feldzug gegen verheiratete Priester: „Wer nicht aufgibt, Konkubinen und Frauen zu haben, soll keine Messe mehr hören“, ordnete er an und löste damit prompt Tumulte aus. In Paris und Mainz schrien Geistliche auf Synoden gegen päpstliche Gesandte an, die mitunter fliehen mussten. Denn vielerorts lebte der Klerus damals ganz selbstverständlich mit Frau und Kindern. Das frühe Christentum kannte keinen verpflichtenden Zölibat für Priester.
Wobei der Mittelalterforscher und Kirchenhistoriker Mihailo Popovic von der Akademie der Wissenschaften darauf hinweist, dass Informationen damals langsam reisten: „Wer von Wien nach Istanbul wollte, brauchte 40 Tage. Die Beschlüsse für den Zölibat sickerten nicht überall durch. Es gab lokal unterschiedlich gelebte Realitäten. Bis ins 15. Jahrhundert sehen wir, dass Priester verheiratet waren.“
Theologie und Machtpolitik
Die theologisch wichtige Idee, sexuelle Enthaltsamkeit mache Geistliche kultisch „reiner“, entstand in der Antike, erklärt Popovic: „Und das zieht sich in das Frühchristentum hinein.“ Kirchenvater Hieronymus schrieb im 4. Jahrhundert: „Wer täglich den Leib Christi darbringt, muss in ewiger Reinheit leben.“ Wobei hinter dem Zölibat neben Theologie auch Machtpolitik stand.
Im 10. und 11. Jahrhundert betrachten viele Priester ihre Pfarreien als Familienbesitz. Ämter, Land und Einkünfte gingen an Söhne über. Genau das wollte der Papst stoppen. Gregor VII. versuchte, die Kirche aus dem Einfluss lokaler Dynastien zu lösen. Priester sollten nicht Familienoberhäupter sein, sondern direkt Rom verpflichtet. Der Zölibat wurde damit zu einem Instrument der Zentralisierung. Geistliche dürfen „weder Ehefrauen noch Konkubinen“ haben, bestimmte 1139 der entsprechende Kanon. Damit war die Ehelosigkeit in der Westkirche verpflichtend.
Ironischerweise hielten sich viele Päpste selbst nicht daran. So schilderte der päpstliche Zeremonienmeister Johann Burchard nüchtern, wie Papst Alexander VI. (siehe Grafik unten) seine offen anerkannten Kinder bei Hof empfing und versorgte. Zeitgenossen spotteten, der Vatikan gleiche eher einem Fürstenhof als einer geistlichen Institution.
Gleichzeitig hielt Rom unverdrossen am Zölibat fest – gerade weil er institutionell nützlich und Symbol radikaler Hingabe war. Papst Paul VI. formulierte 1967 in der Enzyklika Sacerdotalis Caelibatus, der Priester solle „ungeteilten Herzens“ Christus dienen. Bis heute argumentiert die katholische Kirche daher doppelt: spirituell mit der „Ganzhingabe“, historisch mit Tradition und Disziplin. Kritiker halten dagegen, dass es sich nicht um göttliches Recht, sondern um ein mittelalterliches Kirchengesetz handelt. Genau das stimmt historisch: Der Pflichtzölibat war weniger ein Vermächtnis Jesu als ein Machtinstrument der mittelalterlichen Kirchenreformer.
Kommentare