Auf der „Estonia“ wurde offenbar militärische Technologie aus Russland geschmuggelt

© EPA/Li Samuelson

Chronik Welt
06/27/2021

Tauchgang zur Wahrheit? Fährunglück der Estonia wird neu untersucht

Wende rund um die größte zivile Schiffskatastrophe seit dem Zweiten Weltkrieg. Doch die politischen Untiefen sind nicht ohne.

Der Untergang der Fähre „Estonia“ im September 1994 auf dem Weg von Tallinn nach Stockholm ist bis heute ein schwedisches Trauma. 852 Tote klagen an.

Nun darf das Wrack ab Juli untersucht werden, die schwedische Havarie-Kommission wird zusammen mit finnischen und estnischen Behörden Tauchgänge zu dem Schiff leiten, das auf dem 80 Meter tiefen Grund in der Ostsee liegt. Ein digitales Modell der „Estonia“ soll danach erstellt werden.

Ausschlaggebend war der Discovery-Dokumentarfilm „Estonia – der Fund, der alles verändert“, der zum 26. Jahrestag des Unglücks am 28. September 2020 ausgestrahlt wurde. Unterwasseraufnahmen wiesen auf ein vier Meter hohes und über ein Meter breites Loch, das im Untersuchungsbericht von 1997 nicht erwähnt wurde, sowie auf ein kleineres Loch.

„Wie entstanden sie, wann entstanden sie? Entstanden sie nach oder vor dem Sinkvorgang?“ so Jonas Bäckstrand. Dies seien, so der Chef der schwedischen Havarie-Kommission, die wichtigsten Fragen, die der Tauchgang klären sollte.

Und diese Fragen quälen die Überlebenden und Angehörigen.

Der Untergang der Fähre gilt als die größte Katastrophe der zivilen Schifffahrt in Europa nach 1945 – die Fähre von Tallin nach Stockholm sank in einer stürmischen Nacht am 28. September 1994 innerhalb von einer halben Stunde. Nur 137 Personen überlebten in dem kalten Wasser, 852 Tote sind zu beklagen, vor allem Schweden.

Der Untersuchungsbericht von 1997, an dem auch Estland und Finnland beteiligt waren, weist auf einen Schaden der Bugklappe als Ursache für das Sinken.

Die intransparente Politik, die die damaligen schwedischen sozialdemokratischen Regierungen betrieben, förderte viele Spekulationen – Bomben der Mafia oder des KGB seien verantwortlich.

Militärischer Schmuggel

Erst 2004 gaben Vertreter des schwedischen Zolls und des Militärs zu, dass über die „Estonia“ Militärtechnologie aus der ehemaligen Sowjetrepublik Estland nach Schweden geschmuggelt wurde. Als das dann auch Trivimi Velliste zugab, der zur Zeit der Katastrophe Außenminister Estlands war, wurde es wieder laut um die „Estonia“.

Aufklärung war aber offenbar nicht erwünscht. Nach dem Gesetz der „Totenruhe“ war es schwedischen, estnischen und finnischen Staatsbürgern sogar verbotenen, auf dem Meer über das Wrack zu fahren. Den schwedischen Filmemachern der Discovery drohten aufgrund ihrer Tauchfahrt Freiheitsstrafen von zwei Jahren. Vor Gericht wurden Henrik Evertsson und Linus Andersson im Februar jedoch freigesprochen, da sie mit einem deutschen Schiff unterwegs waren.

Ende Mai wurde das umstrittene Gesetz der Totenruhe abgeschafft. Nun darf ab Juli zur „Estonia“ getaucht werden. Am 8. Juli soll es losgehen und 25.000 Aufnahmen gemacht werden, um das Wrack digital nachzubilden. Zudem wird das Wrack mittels Schallimpulse - Sonar- sowie Echolot-Technologie bemessen.

Auch die Bugklappe, das einzige Element des Schiffes, das geborgen wurde, soll erneut untersucht werden, ob sie etwa die Löcher in der Schiffswand verursacht habe. Die Theorie, welche in dem Dokumentarfilm diskutiert wurde, ist der Rammstoß eines U-Bootes.

Gleichzeitig läuft die Befragung der Überlebenden durch Mitglieder der „Havarie-Kommission“. Damit wird einer Forderung der Organisation „Stiftung der Estonia-Opfer und Angehörigen“ (SEA) nachgegangen, welche seit 26 Jahren vergeblich gestellt worden war.

Für die Hinterbliebenen gab es indes einen Rückschlag. Der Verfassungsausschuss des schwedischen Reichstags erklärte nämlich, die Staatsanwaltschaft werde keine Ermittlung gegen Politiker wie den damaligen Ministerpräsidenten Göran Person erlauben, der 2004 nähere Ermittlungen untersagt hatte.

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