Gay pride parade in Budapest

© EPA / SZILARD KOSZTICZAK

Chronik Welt
07/24/2021

Pride-Parade in Budapest: Eine laute Regenbogen-Botschaft an Orbán

Die Parade in der ungarischen Hauptstadt dreht sich vor allem um das heftig umstrittene LGBTIQ-Gesetz Orbans.

von Armin Arbeiter

Die Männer am Kaffeehaustisch schütteln die Köpfe, als Tamas mit Regenbogenfahne und zwei Kindern vorbeigeht. „Oft sieht man das nicht in Budapest, aber das will ich ändern“, sagt er zum KURIER. Der 40 Jahre alte Techniker ist heterosexuell, will aber auf der Budapester Regenbogenparade ein Zeichen setzen.  Und nicht nur er.

Etwa 20.000 Menschen dürften es sein, die sich am Ausgangspunkt des Marsches sammeln. An den Eingängen stehen Ordner, kontrollieren Taschen und Rucksäcke. Glasflaschen sind etwa verboten. Zu groß ist die Sorge, dass sie geworfen werden könnten. Nach den Debatten der vergangenen Wochen ist die Stimmung in Ungarn aufgeheizt, zahlreiche Gegendemonstrationen wurden angemeldet.

„Angst habe ich keine – dafür sind wir einfach zu viele“, sagt Stefan. Der 26-jährige trägt kurze, blau gefärbte Haare, ist stark geschminkt. Gemeinsam mit seinen Freunden ist er von Györ angereist, „um unsere Sache zu unterstützen, andersgeschlechtliche Liebe sichtbar zu machen“, sagt er zum KURIER. Seit er 15 ist, lebt er offen homosexuell.

An der Szabadsag-Brücke stehen die Gegner Karácsonys, ein Redner spricht über die „entsetzlichen, schändlichen Dinge“, die Homosexuelle miteinander praktizieren würden. Einige Dutzend Menschen applaudieren.

Als die Regenbogenparade vorbeizieht, bemüht sich der Mann aus Leibeskräften Parolen gegen seine Widersacher zu brüllen. Doch gegen die Boxen des grünen Wagens hat er keine Chance.

Als der Wagen über der Brücke ist, liefern sich beide Seiten Parolen-Duelle. Die Polizei sorgt dafür, dass der Sicherheitsabstand beibehalten wird.

Attacken auf LGBTQ-Demo 2007 und 2008

2007 und 2008 attackierten Gegendemonstranten die Parade mit Steinen und Eiern, verletzten einige Teilnehmer. Damals galt Ungarn als LGBTQ-freundliches Land, als Ausnahme der ehemaligen Ostblock-Länder. Das war, bevor Viktor Orban 2010 an die Macht kam – und etwa der gleichgeschlechtlichen Ehe einen Riegel vorschob. Die von ihm geschaffene Verfassung verpflichtet alle staatlichen Organe zum „Schutz der Kultur des Christentums“.

Sie bezeichnet die Ehe ausschließlich als eine Lebensgemeinschaft von Mann und Frau. Explizit heißt es in einem erst Ende 2020 hinzugefügten Zusatz: „Die Mutter ist eine Frau, der Vater ist ein Mann.“ Diese Causa ist nur ein Aspekt der Differenzen mit Brüssel, die der ungarische Premier für sich zu nutzen scheint.

Aktuellstes Kapitel: Ende dieses oder Anfang nächsten Jahres soll eine Volksabstimmung über ein umstrittenes Gesetz zum Umgang mit Homosexualität und Transgender stattfinden. Das Gesetz soll unter anderem mutmaßliche Werbung für Homosexualität verbieten. Männer, die sich in der Werbung küssen? Illegal.

Orban stellt all das als Schlacht dar. Hier Ungarn, „Hüter des Abendlandes“, dort die EU, „Kolonialisten einer Ideologie“, die Ungarns Freiheit bedrohe: „Wir werden die Schlacht gewinnen“, tönte er am Freitag. Ungarn werde den Forderungen nicht nachgeben, weil es um die ungarischen Kinder ginge, deren Erziehung ausschließlich den Ungarn zustünde. „Meine elterliche Freiheit schränkt der Liberalismus ein“, so der ungarische Regierungschef. Dabei seien die Liberalen zu Gegnern der Freiheit geworden, würde Ungarn und seine Bürger bedrohen.

"Orban schlimmer als Hitler"

„Alle Menschen aus dem Westen glauben immer, wir wären Nazis. Wenn ich ihnen sage, dass Orban schlimmer als Hitler ist, lassen sie mich in Ruhe“, sagt Peter, ein 23 Jahre alter Student aus Budapest, zum KURIER. Bei der Parade mitmarschieren wollte er nicht.

„Mir ist dieses Thema eigentlich egal, es betrifft mich nicht. Beim Referendum werde ich gegen Orbans Gesetz stimmen, weil ich mit all diesen Leuten kein Problem habe.“ Auch die Ehe gleichgeschlechtlicher Paare befürwortet er mit den Worten: „Sollen sie doch“.

Damit ist Peter nicht alleine: 46 Prozent der Ungarn sind laut einer aktuellen Ipsos-Umfrage für die Ehe gleichgeschlechtlicher Paare, das sind 16 Prozentpunkte mehr als noch im Jahr 2013. Geht es um die Frage, ob gleichgeschlechtliche Paare Kinder adoptieren dürfen, liegt die Zustimmung bei 59 Prozent. Anders sieht das der ungarische Parlamentspräsident und Fidesz-Mann László Köver: „Ein normaler Homosexueller weiß, was die Ordnung der Welt ist. Er versucht, sich ihr anzupassen, indem er sich nicht unbedingt für gleichberechtigt hält“, sagte er 2019.

Konkret ging er auf die Adoption von Kindern durch gleichgeschlechtliche Paare ein: „Moralisch besteht da keinerlei Unterschied zu einem pädophilen Verhalten. In beiden Fällen ist das Kind ein Objekt, ein Konsumartikel, ein Mittel der Selbstverwirklichung.“

„Sie wollen Homosexualität auf die gleiche Stufe wie Pädophilie stellen“, sagt Rosa, eine Austauschstudentin in Budapest. „Natürlich marschiere ich mit, das bin ich meinen lesbischen Freundinnen schuldig“, sagt sie.

Mit Mann an der Hand und Baby im Arm

Orban argumentiert, das Gesetz sorge dafür, dass Eltern alleine darüber entscheiden könnten, wie sie die sexuelle Erziehung ihrer Kinder gestalten wollten. Er warf der EU vor, sie verlange, dass Aktivisten von LGBTQ-Vereinen in ungarischen Kindergärten und Schulen Sexualaufklärung organisierten.

Dagegen protestiert Hanna, die mit ihrem Mann und ihrem Baby am Marsch teilnimmt: „Ich will, dass mein Kind in einer offenen Gesellschaft aufwächst und es lernt, dass Liebe nicht nur zwischen Mann und Frau möglich ist“, sagt sie.

Orban will in dem Referendum etwa fragen lassen, ob die Ungarn dafür seien, dass Minderjährige ohne Zustimmung der Eltern sexuell aufgeklärt werden. Eltern sollen auch beantworten, ob bei Kindern für eine Geschlechtsumwandlung geworben oder diese vollzogen werde dürfe.

Gefragt werden solle zudem, ob Kindern Medienberichte zugänglich sein sollten, die ihre sexuelle Entwicklung beeinflussen können. Zugleich forderte Orban die Ungarn zu einem „gemeinsamen Nein“ auf diese Fragen auf. Derzeit liefert sich der ungarische Premier in den Umfragen ein Kopf-an-Kopf-Rennen mit dem Oppositionsbündnis.

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