Pius XII. auf der damals noch gebräuchlichen Sedia gestatoria auf dem Petersplatz in Rom

© APA/AFP/ANSA/STRINGER

Chronik Welt
03/02/2020

Pius XII.:Der Papst der finstersten Jahre

Heute öffnet der Vatikan seine Archive zum Pontifikat Pius’ XII., der während des Zweiten Weltkriegs und der Jahre der Neuordnung Europas an der Spitze der Katholischen Kirche stand.

von Rudolf Mitlöhner

Er ist der wohl umstrittenste Papst des 20. Jahrhunderts: Pius XII., mit bürgerlichem Namen Eugenio Pacelli, geboren 1876 in Rom; von 1939 bis zu seinem Tod 1958 in der päpstlichen Sommerresidenz Castel Gandolfo der 260. Bischof von Rom.

Sein Pontifikat fällt also in die Zeit des Zweiten Weltkriegs – und die Diskussionen um sein Verhalten gegenüber der NS-Diktatur, insbesondere mit Blick auf den Holocaust, halten seit Jahrzehnten an: Hat der Papst dazu geschwiegen oder zumindest zu vorsichtig Stellung bezogen? Spätestens mit dem Erscheinen von Rolf Hochhuths Drama „Der Stellvertreter“ (in Anspielung auf den Titel des Papstes als „Stellvertreter Christi“) im Jahr 1963 wurde die Debatte auch in einer breiteren Öffentlichkeit rezipiert.

Verdichtetes 20. Jahrhundert

Mit heutigem Tag öffnet der Vatikan nun seine Archive zu Pius XII. „Im Pontifikat von Pius XII. verdichtet sich gewissermaßen das 20. Jahrhundert insgesamt“, zitiert die Kathpress Martin Baumeister, den Direktor des Deutschen Historischen Instituts in Rom.

Wobei Eugenio Pacelli nicht nur als Oberhaupt der Katholischen Kirche von herausragendem Interesse ist, sondern schon zuvor Funktionen innehatte, die ihn zu einem der großen kirchlichen Player jener Zeit machten: Von 1920 bis 1929 war Erzbischof Pacelli Nuntius (also Botschafter) des Heiligen Stuhls beim Deutschen Reich; von 1930 bis zu seiner Wahl zum Papst bekleidete er das Amt des Kardinalstaatssekretärs – quasi der Ministerpräsident des Heiligen Stuhls und die Nummer zwei im Vatikan. Bereits in dieser Funktion gestaltete Pacelli maßgeblich die vatikanische Politik mit und verfasste etwa die Schlussversion der (deutschsprachigen) Enzyklika „Mit brennender Sorge“ aus dem Jahr 1937 von Pius XI. (1922–1939), in welcher sich die Kirche gegen die NS-Ideologie wendet.

Vor diesem Hintergrund ist klar, dass der Öffnung der Archive mit großer Spannung entgegengesehen wird. Experten warnen freilich gleich vor zu hochgesteckten, spekulativen Erwartungen à la Dan Brown. Der Historiker Baumeister meint auch, „die Fortsetzung der Hochhuth-Themen“ werde „zu hoch gehängt“. Die Themenpalette ist jedenfalls deutlich breiter: Neben NS-Zeit und Holocaust erwarten sich die Forscher auch neue Einblicke zur Gründung von NATO und Warschauer Pakt bzw. generell zum Kalten Krieg oder zu den Anfängen der europäischen Einigung.

Einer der Forscher, die Zugang zu den Archiven bekommen, ist der renommierte deutsche Kirchenhistoriker Hubert Wolf von der Universität Münster. Auch er meint, dass zur Holocaust-Thematik die meisten Archivbestände schon ausgewertet seien; neue Erkenntnisse erhofft er sich aber zu den sogenannten „Rattenlinien“, den Fluchtrouten ehemaliger NS-Protagonisten nach Kriegsende vornehmlich in Richtung Südamerika. Wolf sieht seine Arbeit auch als eine Art Verpflichtung gegenüber den Holocaust-Überlebenden, man wolle deshalb auch eng mit jüdischen Historikern zusammenarbeiten.

Allem bisher Bekannten nach entzieht sich Pius XII. einer eindeutigen Beurteilung. Den Vorwürfen Hochhuths und auch den noch darüberhinausgehenden, welche Pius geistige Nähe zum Nationalsozialismus und Rassismus unterstellen, stehen auch ganz andere Stimmen gegenüber. Etwa jene des US-amerikanischen Historikers David G. Dalin, der 2005 schrieb, Pius habe Hunderttausende Juden vor dem Tod im KZ gerettet und deshalb gar den jüdischen Ehrentitel „Gerechter unter den Völkern“ verdient. In dieses Bild passt auch eine Einschätzung der New York Times, welche die Weihnachtsansprache 1941 wie folgt kommentierte: „Die Stimme von Pius XII. ist eine einsame Stimme im Schweigen und in der Dunkelheit, welche Europa an dieser Weihnacht umfangen.“

Österreich-Bezüge

Auch aus österreichischer Sicht könnte die Archivöffnung spannend werden. Der an der Universität Wien lehrende Kirchenhistoriker Rupert Klieber möchte sie zum Anlass für eine Forschungsinitiative „Pius XII. und Österreich“ nehmen. Auch hier geht es zum einen um das Verhältnis zwischen dem Vatikan und den Spitzen der österreichischen Kirche während des Krieges.

Aber auch kirchliche Entwicklungen im Nachkriegsösterreich sieht Klieber im Fokus: etwa den Paradigmenwechsel vom politischen Katholizismus der Zwischenkriegszeit hin zu einer Neubestimmung des Verhältnisses zwischen Kirche und Staat wie sie im „Mariazeller Manifest“ von 1952 mit seinem zentralen Motto „Eine freie Kirche in einer freien Gesellschaft“ ihren Ausdruck gefunden hat.

Die Ergebnisse der Forscher dürften indes auf sich warten lassen. Drei bis fünf Jahre werde es mindestens dauern, bis seriöse Ergebnisse vorliegen könnten, schätzt Wolf. Und sein Kollege Baumeister sekundiert: „Wir sind keine Vereinfacher, wir sind Verkomplizierer.“

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