Wenn das Mittelmeer tropisch wird: Marine Hitzewellen verändern alles
Rotfeuerfische wandern aus dem Roten Meer ins Mittelmeer.
31 Grad Celsius. So warm wie am 3. August war es im Ligurischen Meer in Italien seit Beginn der Messungen noch nie. Und es ist nicht der einzige Höchstwert, der diesen Sommer im Mittelmeer gemessen wurde. Seit Ende Mai jagt eine marine Hitzewelle die nächste. Aktuelle Daten finden Sie hier.
„In größeren Bereichen liegen derzeit die Oberflächentemperaturen bei etwa 28 bis 30 Grad, besonders warm ist es unter anderem im westlichen Mittelmeer rund um die Balearen, aber auch in Teilen des zentralen Mittelmeers“, erklärt Steffen Dietz, Meteorologe bei Ubimet. Dort ist das Wasser damit etwa drei bis fünf Grad wärmer als im langjährigen Mittel.
Viel Energie gespeichert
Das könnte Auswirkungen auf das Herbstwetter haben, auch in Österreich. Denn im warmen Wasser ist viel Energie gespeichert. „Diese wird nach und nach wieder an die Atmosphäre abgegeben – unter anderem durch Verdunstung“, erklärt der Meteorologe. Je wärmer die Wasseroberfläche ist, desto mehr Wasserdampf kann grundsätzlich in die Atmosphäre gelangen.
Interessant wird es laut Dietz im Herbst, wenn die ersten deutlich kühleren Luftmassen über das noch sehr warme Mittelmeer ziehen. Ein großer Temperaturunterschied destabilisiert die Atmosphäre und führt zur Bildung von kräftigen Schauern und Gewittern.
Gleichzeitig steht durch die stärkere Verdunstung mehr Feuchtigkeit zur Verfügung. „Bei entsprechenden Wetterlagen kann das das Potenzial für Starkregen bzw. Unwetter mit großen Regenmengen im Mittelmeerraum erhöhen.“
Die Auswirkungen können bis nach Mitteleuropa reichen – wie etwa beim Jahrhundertregen 2024 in Österreich. „Entscheidend bleibt immer die konkrete Großwetterlage. Man kann daher aus den derzeit hohen Wassertemperaturen nicht ableiten, dass uns automatisch ein besonders nasser oder unwetterreicher Herbst bevorsteht.“
Meeresbewohner unter Druck
Die Meeresforscher sind angesichts der Temperaturen alarmiert. Es ist nicht das erste überdurchschnittlich warme Jahr für das Mittelmeer. Es könnte sich zu einem tropischen Meer entwickeln – mit dramatischen Folgen für die Artenvielfalt. Im östlichen Mittelmeer ist dieser Prozess in vollem Gange.
Erste Folgen sind aber überall zu sehen. Denn viele Meeresbewohner können ihre eigene Temperatur nicht regulieren. Sie müssen ausweichen: in die Tiefe oder in den Norden. wo sie in der Adria aber bald anstehen. Für Lebewesen, die sich nicht bewegen können, ist es besonders verheerend. Korallen (es gibt sie auch im Mittelmeer und nicht nur in tropischen Meeren) sind betroffen, aber auch Seegras.
„Seegras ist unsere wichtigste Abwehr gegen den Klimawandel, weil es Kohlenstoff speichert“, sagt Simone Niedermüller, Meeresexpertin beim WWF. Durch die extreme Hitze kann auch die Kohlenstoffspeicherung zurückgehen. Renaturierung ist daher ein wichtiges Thema – auch unter der Meeresoberfläche (siehe unten).
Eindringlinge
Die Erwärmung spielt aber auch den Eindringlingen in die Hände. „Viele invasive Arten sind schon bis hinauf in die Adria präsent. Sie fühlen sich bei den warmen Temperaturen extrawohl“, sagt Niedermüller. Rotfeuerfische, Blaue Schwimmkrabben, Nomadenquallen sind nur drei von etwa 1.000 Arten, die ins Mittelmeer eingewandert sind, oft durch den Suezkanal oder mit Handelsschiffen. Sie verdrängen heimische Arten und schaden Fischern und Muschelzüchtern.
„Nachdem wir lange gesagt haben, dass sich das Klima verändert, müssen wir jetzt feststellen, dass der Wandel bereits da ist“, sagte Paola Tepsich, Expertin für marine Ökosysteme, in der Turiner Tageszeitung La Stampa, als im Ligurischen Meer 31 Grad Celsius gemessen wurden.
Und noch lange sind nicht alle Folgen bekannt.
„Aufforstung“ unter Wasser als EU-Projekt: Aufgepäppelte Korallen werden in Schutzgebieten wieder ausgesetzt.
Die Renaturierung unter Wasser
Nicht nur an Land, auch unter Wasser gilt die Renaturierungsverordnung der EU. Seegraswiesen, Riffe, Muschelbänke müssen wiederhergestellt werden.
Wie das gehen kann, zeigen Aktionen im Mittelmeer. Das EU-LIFE-Projekt Ecorest ist unter anderem Korallen gewidmet, die versehentlich in den Netzen von spanischen Fischern gelandet sind. Genau diese Fischer retteten 250 Korallen und Schwämme. Sie befreiten die Lebewesen und brachten sie in Aquarien. Hier wurden sie aufgepäppelt, bis sie wieder freigelassen werden konnten – in für die Fischerei gesperrten Gebieten an der katalanischen Küste.
Biologen versuchen auch, Seegraswiesen zu retten. Oft reicht es, sie zu schützen, damit sie sich erholen. „Es ist wichtig, dass man seinen Anker nicht ins Seegras wirft“, sagt Simone Niedermüller (WWF). In Frankreich – ein Vorreiter in diesem Bereich – ist das Ankern in vielen Bereichen verboten. Laut segelreporter.com wurde ein Bootseigner zur Zahlung von 110.000 Euro zur Wiederherstellung der Meeresumwelt verurteilt. Er hatte ein Schiffswrack nicht bergen lassen, das 200 m² Seegras kaputtmachte.
Seegraswiesen zählen zu den artenreichsten Lebensräumen der Meere. Im Mittelmeer beheimaten sie mehr als 400 Tier- und 1.000 Pflanzenarten.
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