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Geisternetze im Meer: Wie Taucher die tödlichen Fallen bergen

Geisternetze töten Meerestiere und bedrohen Ökosysteme. Das WWF-Meeresteam holt sie aus der Tiefe in Kroatien.
Katharina Salzer aus Kroatien
Ein Taucher bei der Arbeit: Er holt Geisternetze aus der Tiefe.

Das Tauchboot schaukelt auf dem Meer. Das Wasser vor der kleinen kroatischen Insel Premuda leuchtet tiefblau, es ist glasklar. Doch in der Tiefe droht Gefahr für die Umwelt. Hunderte Netze liegen auf dem Meeresgrund. Fischer haben sie verloren, entsorgt, fallen gelassen. Aus den Augen, aus dem Sinn. Was hier zu sehen ist, passiert nicht nur vor Premuda, sondern in der gesamten Adria – und in allen Weltmeeren.

Diese Geisternetze überziehen Höhlen und Felsen, Teile schweben im Wasser. Sie sind tödliche Fallen. Fische, Krabben, Meeresschildkröten, Oktopusse, Langusten und andere Lebewesen verfangen sich darin. Viele können sich nicht befreien.

Geisternetze überziehen Felsen. Sie verändern den Lebensraum.

Geisternetze überziehen Felsen. Sie verändern den Lebensraum. 

„Die Netze verändern den Lebensraum – und das in einem Meer wie der Adria, das so unter Druck steht, durch Überfischung und Klimakrise“, sagt Georg Scattolin, Artenschutzexperte und Leiter des internationalen Programms bei der Naturschutzorganisation WWF. Sie müssen weg. 

Wer räumt das alles auf?

Die Taucher springen vom Boot. Langsam sinken sie in die Tiefe, um die Netze zu bergen. Sie befestigen kleine Bojen an ihnen und füllen sie vorsichtig mit Luft. Die Netze lösen sich vom Grund und steigen auf. Leinen, die sich verfangen, schneiden die Taucher mit Messern durch.

Mit dieser Boje werden die Netze an die Oberfläche transportiert.

Mit dieser Boje werden die Netze an die Oberfläche transportiert. 

Was einfach klingt, birgt enormes Risiko. In der Tiefe arbeitet das Gehirn langsamer. Innehalten, nachdenken, handeln – und bloß nicht in den Tauen verfangen. „Wer auf 40 Metern arbeitet, taucht unter Bedingungen wie auf 60 Metern. Die Regeln ändern sich“, sagt Matko Pojatina, ein bekannter kroatischer Taucher und Tauchlehrer.

Neue Ausbildung

Seit vielen Jahren holt er gemeinsam mit seinen Mitstreitern und Mitstreiterinnen Müll aus dem Meer. Nun hat er einen Kurs für besonders geübte Freizeittaucher entwickelt. 

Das fügt sich, denn WWF Österreich und der WWF Adria starteten 2024 in Kroatien ein Projekt, um Geisternetze einzudämmen. Vier Tonnen haben die Profis bereits geborgen.

Die Uhr tickt: Mit der Zeit zerreiben sich die Netze zu Mikroplastik – mit langfristigen Folgen für das Ökosystem. Über die Nahrungskette landet es auf unseren Tellern. „Es gibt Schätzungen, wonach 30 bis 50 Prozent des gesamten Plastikproblems im Meer auf Geisterfischereigeräte zurückzuführen sind, was enorm ist“, erklärt Axel Hein, WWF-Meeresexperte.

Keine Panik

Hein ist einer von Pojatinas Schülern in Premuda. Das Programm verlangt starke Nerven. Ein Punkt auf dem Lehrplan: Wie befreie ich mich am Meeresgrund aus einem Netz? 

Panik ist keine gute Reaktion. Die Luft wird schnell knapp. Nach einem Tag Übung geht es an die Arbeit. Am Beginn steht ein genaues Briefing: Wo und wie liegt das Netz, wer arbeitet mit wem – und bitte „alle genau an den Plan halten“, sagt der Profi-Taucher.

Matko Pojatina gibt den Tauchern das Briefing.

Matko Pojatina gibt den Tauchern das Briefing. 

Beim Tauchgang geht alles gut. Rote Bojen steigen an die spiegelglatte Meeresoberfläche. An ihnen hängt meterweise Mist. Die Taucher folgen den Netzen. Sie hieven sie an Bord und bringen sie an Land. Am Ende sind sie zufrieden. „Man sieht einen unmittelbaren Effekt unter Wasser. Es ist alles weggeräumt. Man hat das Gefühl, etwas Gutes für das Ökosystem getan zu haben“, sagt Hein.

An den Bojen hängen die Netze.

An den Bojen hängen die Netze. 

Es kann fast süchtig machen, unter Wasser aufzuräumen. Und es bleibt noch so viel zu tun. Die Experten spüren die verschmutzten Bereiche im Meer auf. 

„Es gibt kaum einen Kilometer Küste im Mittelmeer, an dem wir keine Geisternetze finden“, sagt Hein. 

Taucher geben Hinweise, doch auch immer mehr Fischer helfen, das alte Gerät zu finden. Denn wo ein altes Netz am Grund liegt, gibt es weniger zu fangen.

Ziel des WWF-Projekts ist es, bis Ende dieses Jahres mindestens acht Tonnen Geisternetze aus dem Meer zu ziehen.

Das WWF-Meeresteam räumt die Geisternetze von Bord.

Das WWF-Meeresteam räumt die Geisternetze von Bord. 

 Doch nicht alle gefundenen Netze werden geborgen. „Wenn sie mit Arten bewachsen sind, die langsam wachsen oder die gefährdet sind, nehmen wir sie nicht heraus“, erklärt Scattolin. Eine Bergung würde in solchen Fällen mehr zerstören als retten. Die Experten entscheiden daher von Fall zu Fall.

Wer glaubt, dass alte Netze aus dem Meer häufig zu Modeartikeln verarbeitet werden, der irrt. Fürs Recycling taugen sie meist nicht, erklärt Fabian Peronja vom WWF Adria. Sie sind zu stark bewachsen. Also müssen sie entsorgt werden. Anders ist es bei Netzen, die Fischer am Ende der Nutzungszeit abgeben. Genau das ist das Ziel. Dafür braucht es aber ein entsprechendes Angebot. Denn bisher müssen Fischer für die Entsorgung zahlen. „Manche werfen sie einfach ins Meer“, sagt Peronja. Verbotenerweise.

„Doppelt verrückt“

Doch das Umweltbewusstsein wächst. Božo Blaslov stammt aus einer alten Fischerfamilie in Zadar. Er lässt aus gebrauchten Netzen Neues entstehen. Nicht nur aus seinen eigenen. Mit Unterstützung des WWF sammelt er Netze bei Kollegen ein. Das kostet diese nichts. „Du bist verrückt“, sagte sein Vater.

Božo Blaslov lädt die Netze auf.

Božo Blaslov lädt die Netze auf. Sie werden zum Recyclen nach Slowenien gebracht. 

Blaslov gründete einen eigenen Betrieb. „Derzeit sagen wir, es ist ein Hobby.“ Ein professionelles Hobby: Mit einem Spektrometer bestimmt er den Kunststoff, aus dem die verschiedenen Netze bestehen. Er sortiert das Material und liefert es an einen Recyclingbetrieb in Slowenien. Hier entstehen Fasern für große Konzerne.

Blaslov rief auch eine eigene Modelinie ins Leben. Darauf sagte sein Vater: „Du bist doppelt verrückt.“ Doch ihm ist eines wichtig: Das Meer muss sauber werden und dann auch bleiben.

Die Fischer sollen melden, wenn sie ein Netz unabsichtlich verloren haben – und wo. Hein: „Wir spüren sie dann wieder auf.“

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