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Analyse
12/14/2019

Warum Greta Thunberg Politiker "an die Wand stellen" wollte

Ist die schwedische Klimaaktivistin doch eine Radikale? Mitnichten, erklärt sie, ihr sei nur ein Übersetzungsfehler unterlaufen.

von Bernhard Gaul

Für den einzigen Eklat bei der Klimakonferenz sorgte ausgerechnet die schwedische Klimaaktivistin Greta Thunberg.

Man müsse die Politiker zur Rechenschaft ziehen, wollte sie in einer Rede sagen.

Doch die Aufregung war groß, da sie wörtlich „Politiker an die Wand stellen“ sagte.

Später  bat sie um Entschuldigung und erklärte, sie habe die schwedische Phrase „att ställa någon mot väggen“ wörtlich auf englisch übersetzt, obwohl das im schwedischen nur bedeute: Jemand zur Rechenschaft ziehen. „Natürlich sind wir gegen jede Form von Gewalt“, so Thunberg.

Der eigentlich Eklat, dass erneut eine Klimakonferenz gescheitert ist, blieb somit fast unbemerkt.

Zur Stunde wird bei der 25. Klimakonferenz in Madrid noch verhandelt, Fortschritte wird es aber nicht geben.

Einige Industrieländer, darunter Deutschland, machen noch Druck, doch noch ein herzeigbares Schlussdokument verabschieden zu können, doch eine Einigung scheitert an Schwellenländern wie Brasilien, die Klimaschutzmaßnahmen finanziell höher abgegolten haben wollen.

Sie seien schließlich nicht für die bisherige Menge an Treibhausgasen verantwortlich, die seit mehr als hundert Jahren in die Atmosphäre ausgestoßen wurde.

Besonders groß ist inzwischen die Diskrepanz zwischen dem, was die Politik willig ist, zu tun, und was die Wissenschaft darlegt, was unbedingt notwendig ist.

Das zeigt sich insbesondere beim wesentlichsten Punkt der Diskussion: Wie viel Kohlendioxid darf in diesem Jahrhundert noch maximal in die Atmosphäre emittiert werden, um das von allen Staaten versprochene Ziel, die Erderwärmung möglichst bei 1,5 °C zu begrenzen, einzuhalten?

Zehn Jahre für das 1,5°-Ziel

Die Antwort haben die Forscher des Weltklimarates IPCC schon bei ihrem 1,5 °C-Spezialreport gegeben: Mit Stand 2018 sind das 580 Milliarden Tonnen (580 Gt, Gigatonnen).

Und wieviel Treibhausgase wurden 2018 emittiert? Etwa 55,3 Milliarden Tonnen. Bei gleichbleibendem Ausstoß bleiben also nur mehr rund 10 Jahre Zeit.

Diese Zahlen sind allen Verhandlern in Madrid selbstverständlich bekannt. Kein Wunder also, dass sich viele Delegierte sehr unzufrieden zeigten mit dem bisher vorgelegten Kompromiss-Papier.

Letzter Rettungsversuch

Zuletzt versuchten 17 Staaten unter der Führung von Costa Rica Druck auszuüben, und haben gemeinsam Mindeststandards für den internationalen Handel mit Klimaschutz-Gutschriften gefordert. Mit dabei war auch Österreich.

Der Emissionshandel, so die Forderung, müsse auch wirklich dazu führen, dass der weltweite Treibhausgas-Ausstoß zurückgehe.

Strittig bis zuletzt blieb, wie schon bei der Klimakonferenz 2018 (in Kattowitz), dass alte „Verschmutzungsrechte“ (also handelbare Emissionszertifikate) aus der Zeit vor dem Pariser Klimaabkommen nicht weiter gehandelt werden dürfen.

17 Staaten hatten sich dafür zusammengeschlossen, darunter Deutschland, die Schweiz und Luxemburg, Schweden, Dänemark und eben Österreich.

Mit dabei waren außerdem besonders von den Folgen des Klimawandels bedrohte Länder wie der südpazifische Inselstaat Vanuatu und die Marshallinseln. Angeführt wurde die Liste von Costa Rica, wo die Gruppe sich im Vorfeld des diesjährigen Klimagipfels erstmals zusammengetan hatte.

Jahrzehnt der Klima-Rekorde

So wird sich die Erderhitzung weiter beschleunigen.

Schon jetzt hat sich die Erde nach Befunden des Weltklimarats um ein Grad aufgeheizt im Vergleich zur vorindustriellen Zeit. Und die vergangenen vier Jahre waren die wärmsten seit Beginn der Wetteraufzeichnungen.

Zu den Folgen zählen mehr extreme Wetterereignisse, also je nach Region mehr Hitzewellen, Dürren und Waldbrände, aber auch Stürme, Überschwemmungen und Starkregen.

Plus vier Grad droht

Und das ist erst der Anfang: Geht es weiter wie bisher, läge der Temperaturanstieg Ende des Jahrhunderts bei 3,4 bis 3,9 Grad, wie das UN-Umweltprogramm UNEP kürzlich vorgerechnet hat.

Angestrebt werden aber laut Pariser Klimaschutzvertrag maximal 1,5 Grad, um die gefährlichsten Kipp-Punkte im Ökosystem zu vermeiden.

Der Weltklimarat IPCC, unter dessen Dach Hunderte Forscher kooperieren, geht davon aus, dass bei einem ungebremsten Klimawandel die Meeresspiegel schon bis Ende des Jahrhunderts um mehr als einen Meter steigen könnten.

In einem dramatischen Appell hatten Anfang November 11.000 Wissenschaftler aus mehr als 150 Staaten gewarnt, „unsägliches menschliches Leid“ sei nicht abzuwenden, wenn die Menschheit nicht schnell gegensteuere und deutlich weniger klimaschädliches Treibhausgas in die Luft blase.

Auch UN-Generalsekretär Antonio Guterres wählte während der Eröffnungszeremonie in Madrid dramatische Worte. „Wenn wir nicht schnell unseren Lebensstil ändern, gefährden wir das Leben an sich“, warnte er zur Eröffnung der Konferenz.

Schon kurzfristig drohen nämlich vielerorts Wasserknappheit und Ernteausfälle, mit Konsequenzen wie Hungersnöten und massiven Fluchtbewegungen.

Im Juni warnte auch Philip Alston, der UN-Sonderberichterstatter zu extremer Armut und Menschenrechten, vor dem Szenario einer „Klima-Apartheid“, in dem die Reichen zahlen, um vor Hitze, Hunger und Konflikten zu flüchten und der Rest der Welt zurückgelassen wird - und leidet.

Die jüngsten Aufrufe erinnern an die Warnung der schwedischen Klimaaktivistin Greta Thunberg, die vor Jahresfrist sagte, Erwachsene sollten nun in Panik geraten angesichts der existenzbedrohenden Klimakrise.