© Fondazione Istituto di Letteratura Musicale Concentrazionaria, Barletta (Italia)

Chronik Welt
01/27/2022

Italiener sammelt Musik aus der Hölle der Konzentrationslager

Francesco Lotoro sammelt Werke, die deportierte Musiker und Komponisten in den Vernichtungslagern schrieben, um die Gräueltaten der Nazis zu überleben.

aus Mailand Andrea Affaticati

Seit über drei Jahrzehnten sucht und sammelt der italienische Musikwissenschafter und Komponist Francesco Lotoro Musik, die zwischen 1933 (als die Nazis mit Dachau das erste KZ öffneten) und Stalins Todesjahr 1953 in KZs und Gulags geschrieben wurde. Der aus der apulischen Stadt Barletta stammenden Lotoro ist zwar Jude, seine Absicht ist es jedoch, allen Opfern der Deportation ihre Würde zurückerstatten. "Deswegen sammle ich alles – vom Kinderreim bis hin zur Oper", sagt er dem KURIER.

Ein Gesang rettet die Welt

Bis dato hat Lotoro 8.000 Musikstücke ausfindig machen können. "Das ist aber nur ein Bruchteil dessen, was in den KZs und Gulags komponiert wurde", fährt er fort.

Von seinen Recherchen, den Begegnungen mit Überlebenden und Nachfahren erzählt Lotoro in seinem soeben erschienenen Buch "Ein Gesang wird die Welt retten". Darin erzählt er etwa auch von seiner Begegnung mit Alexander Leopoldi, dem Sohn des Wiener Komponisten und Kabarettisten Hermann Leopoldi, der 1938 nach Dachau deportiert worden war. Im KZ hatte Leopoldi senior zusammen mit Fritz Löhner-Beda den bekannten Buchenwälder Marsch geschrieben, dessen Refrain sich wie ein Omen anhört: "Buchenwald ich kann dich nicht vergessen / weil du mein Schicksal bist / Wer dich verließ, der kann es erst ermessen / wie wundervoll die Freiheit ist."

Leopoldi wurde das Glück beschert, den Wert der Freiheit wieder zu ermessen, Löhner-Beda kam 1942 in Auschwitz um.

Viele Werke wurden gerettet, weil sie noch rechtzeitig in Sicherheit gebracht wurden. So die Oper von Viktor Josef Ullmann "Der Kaiser von Atlantis oder Die Tod-Verweigerung". Kurz bevor er im Oktober 1944 von Theresienstadt nach Birkenau verlegt wurde und dort in der Gaskammer umkam, hatte Ullmann sie dem KZ-Bibliothekar Emil Utiz anvertraut. Dieser händigte sie nach der Befreiung Hans Günther Adler aus, dem Vorsitzenden des Judenrats in Theresienstadt.

Noten auf Klopapier

Lotoro schreibt von Konzerten in den KZs, von Bunten Abenden und der Lagerkapelle des Auschwitz Stammlagers I. "Ich weiß, der Begriff Freizeitgestaltung klingt in diesem Umfeld paradox, gehörte aber für die Nazis zur ordentlichen Lagerverwaltung", erklärt Lotoro. "Und zwar aus zweckgebundenen Gründen: Die Häftlinge brauchten ein Ventil, ansonsten wäre es, wie in Treblinka im August 1943 und ein paar Monate später in Sobibór, zu blutigen Aufständen gekommen." In manchen Fällen genossen die Musiker sogar eine Sonderbehandlung, waren oft von Schwerarbeit verschont.

Die meisten aber komponierten versteckt, schrieben, wenn sie nichts anderes hatten, auch auf Toilettenpapier. "Im Lager half uns der Gesang (...) zu überleben und den Weg der Rettung zu finden", schrieb etwa der Geigenspieler Jerzy Rajgrodzki, dem die Flucht aus Treblinka gelang.

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