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Chronik Welt
04/16/2019

Glashistoriker zu Notre-Dame: "Eine Rekonstruktion ist machbar"

Kunsthistoriker ist zuversichtlich, dass Glasfenster der Kathedrale konstruiert werden können. Der Brand wurde mittlerweile komplett gelöscht.

Der verheerende Brand in der Pariser Kathedrale Notre-Dame ist mittlerweile komplett gelöscht. Nun beginnt die Phase der Begutachtung. Für den österreichischen Kunsthistoriker Günther Buchinger ist "im Prinzip eine Rekonstruktion machbar". Der Experte für mittelalterliche Glasmalerei ist nach der Brandkatastrophe von Notre Dame zuversichtlich, dass die verloren gegangenen Glasfenster der Kathedrale wieder hergestellt werden können - allerdings nicht mit dem originalen Material.

Durch die enorme Hitzeentwicklung sei das mittelalterliche Glas geschmolzen, nicht geborsten. "Das ist damit dann de facto verloren", bedauerte Buchinger, der auch Sekretär des Corpus Vitrearum Österreich ist, eines Projekts zur mittelalterlicher und moderner Glasmalerei. Die Frage, ob man ein derart bedeutendes, historisches Kunstwerk überhaupt rekonstruieren solle, stelle sich dabei gar nicht: "Wenn man ein Objekt von diesem Rang hat, gibt es keine Diskussion. Bei solch einem Kunstwerk wird es so rekonstruiert, wie es war."

360-Grad-Innenansicht der Kathedrale

Berühmte Rosette womöglich nicht zerstört

Zum Glück seien in der jüngeren Vergangenheit die Fenster der Kathedrale ausgebaut und detailliert dokumentiert worden. "Man weiß deshalb sehr genau, wie die Fenster aussehen." Und heutzutage sei es sogar möglich, das mittelalterliche Farbenspiel, das auf einer speziellen chemischen Zusammensetzung beruhe, wiederzugewinnen: "Dieser Effekt ist mittlerweile rekonstruierbar." Dieser unterscheide sich substanziell von demjenigen, der in den Kirchen des 19. Jahrhunderts zum Einsatz kam. Es gebe europaweit noch zwei Glashütten, die dieses mundgeblasene Glas herzustellen imstande sei - eine Frankreich und eine in Deutschland. Schließlich sei Notre Dame vor allem für seine Glasarbeiten bekannt.

Immerhin lassen erste Aufnahmen aus dem Inneren der Kathedrale vermuten, dass das Glashauptwerk, die berühmte Rosette mit ihren zwölf Metern Durchmesser und ihren markanten Blautönen, unzerstört geblieben sein könnte.

Die Struktur der gotischen Kathedrale und die Fassade mit den beiden Haupttürmen konnten demnach aber gerettet werden. Zwischenzeitlich hatte die Feuerwehr befürchtet, die gesamte Kirche könnte einstürzen. Ein Feuerwehrsprecher hatte in der Nacht von "dramatischen" Schäden gesprochen: Die Flammen zerstörten demnach weite Teile des Daches und brachten einen Kirchturm zum Einsturz.

Der Brand auf dem Dach habe sich am Montagabend sehr schnell auf rund 1.000 Quadratmeter ausgebreitet, so der Sprecher der Feuerwehr, Gabriel Plus.  Bei dem Brand sind nach ersten Erkenntnissen drei Menschen leicht verletzt worden. Dabei handle es sich um zwei Polizisten und einen Feuerwehrmann.

Nach Angaben des französischen Innenministeriums besteht immer noch Einsturzgefahr. Da die "Brandgefahr" mittlerweile gebannt sei, müsse nun geklärt werden, wie die "Bausubstanz" der Kirche dem Feuer standhalten werde, sagte Innenstaatsekretär Laurent Nunez Dienstag früh vor Journalisten.

Experten und Architekten sollen seinen Angaben zufolge in Kürze darüber beraten, ob die Kathedrale "stabil" sei und die Feuerwehr ihre Arbeit im Inneren fortsetzen könne. Rund hundert Feuerwehrwehrleute seien noch im Einsatz, am Montagabend waren es 400.

Die Kathedrale nach dem Brand

Direktor sieht keine Mängel beim Brandschutz

Der Direktor der Kathedrale sieht keine Sicherheitsmängel beim Brandschutz. Es gebe etwa Brandaufseher, die drei Mal täglich den Dachstuhl prüfen, sagte Patrick Chauvet Dienstag früh dem Sender France Inter. "Ich denke, dass man nicht mehr machen kann." Aber es gebe natürlich immer Vorfälle, die man so nicht habe vorhersagen könne. Man müsse nun prüfen was passiert sei - er wisse noch nicht.